Einlass ab 18:30, Projektion ab 19:30

Open Air - Kebab Connection

Open Air Kino|Der erste Kung Fu Film Deutschlands

  • Goethe-Institut Peru, Lima 15072

  • Sprache Deutsch mit Sp. Ut
  • Preis Eintritt frei, begrenzte Sitzplatzkapazität

Nora Tschirner und Denis Moschitto in Kebab Connection © Goethe-Institut

Kebab Connection
Regie: Anno Saul, 96 Min., Farbe, 2005
 
Fäuste fliegen, Schwerter und Flaschen klirren, Knochen krachen und Blut fließt - dabei hat Ibo Secmez nur einen Werbespot für die Kneipe seines Onkels Ahmet im Hamburger Schanzenviertel gedreht und seine Leidenschaft für Kung-Fu-Filme vollauf eingebracht. Als Ahmets erster Zorn über das blutrünstige Opus dem Stolz auf das junge Genie weicht, weil die Zuschauer aus dem Kino in Scharen und auf direktem Weg zum "King of Kebab" eilen, sieht sich Ibo mit neuen, noch ernsteren Problemen konfrontiert. Seine Freundin Titzi eröffnet ihm, das sie schwanger sei. Ibo kommt damit nicht zurecht - jedenfalls nicht sofort und nicht ohne Umwege. KEBAB CONNECTION erzählt vor allem von diesen Umwegen.
 
 
Ibos Vater Mehmet gerät über die Nachricht von der Schwangerschaft in rasende Wut. Mit einer Deutschen einschlafen sei ja in Ordnung, man könne auch mit einer Deutschen aufwachen, aber ein Kind dürfe man ihr, einer "Ungläubigen", nicht machen. Mehmet wirft seinen Sohn aus der Wohnung, Ibo kommt bei Lefty unter, dem Sohn eines griechischen Wirts; auch Lefty lebt, seit er Vegetarier wurde und eine "arabische" Falafel-Bude eröffnet hat, im Streit mit seinem Vater. Titzis Mutter, von ihrem Mann verlassen, reagiert ebenfalls skeptisch: "Hast du schon mal einen Türken einen Kinderwagen schieben sehen?" Dass Titzi ihren Freund genau dazu zu überlisten versucht, schafft nur neue Komplikationen.
 
Wenigstens bringt Ibos Mutter seinen Vater zur Vernunft. Während sich Titzi und ihre Freundin für die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule vorbereiten, dreht Ibo, der weniger von einem Kind als vom ersten deutschen Kung-Fu-Spielfilm träumt, für den Onkel einen neuen, aber erfolglosen Spot, übt das Wechseln von Windeln und besucht einen Kurs für werdende Mütter. Obwohl ihn Stella, die Tochter des griechischen Wirts zu verführen versucht und mit Ouzo abfüllt, ist Ibo, gemeinsam mit Mehmet, zugegen, als Titzi ein Mädchen zur Welt bringt. Das große Kung-Fu-Projekt muß noch ein bißchen warten, denn Ibo nimmt sein "Babyjahr".
 
Wenn das deutsche Kino früher vom Zusammenprall unterschiedlicher Kulturen, namentlich von Konflikten zwischen Türken und Deutschen, erzählte, so tendierten die Filme, zum Beispiel SHIRINS HOCHZEIT von Helma Sanders, 40 qm DEUTSCHLAND von Tevfik Baser oder YASEMIN von Hark Bohm stets zum Melodram, wenn nicht zur puren Tragödie. In den neunziger Jahren hat sich das - mit einer neuen Generation von Autoren und Regisseuren, aber auch mit neuen Erfahrungen, radikal geändert. Die Arbeiten von Fatih Akin, angefangen mit KURZ UND SCHMERZLOS, liefern dafür die deutlichsten Belege. Für Akin, der die erste Drehbuchfassung von KEBAB CONNECTION verfaßt hatte, hat sich die Situation radikal entspannt. Auf den Hinweis, dass nun ein Deutscher diese "Multikulti-Komödie" inszeniert habe und auf die Frage, ob nun der Begriff "Immigrantenfilm" seine Relevanz verliere, antwortete er souverän: "Wenn es so wäre, dann sind wir endlich da, wo ich immer hinwollte. Dass es ein bisschen egal ist, wo man herkommt."
 
Eine Produktionsfirma wie die "WÜSTE Filmproduktion", konnte sich mit ihren Filmen erfolgreich auf "Multikulti"-Themen konzentrieren. Zu dieser neuen Sicht haben viele Entwicklungen beigetragen - nicht nur die Integrations-Politik der ehemaligen Rot-Grünen Regierung. Komödien aus dem Ausland, wie BEND IT LIKE BECKHAM, EAST IS EAST und MY BIG FAT GREEK WEDDING haben den Weg so erfolgreich bereitet, dass der Zusammenprall der Kulturen selbst in den Comedy-Shows der privaten deutschen Fernsehstationen gewinnbringend vermarktet wird. Die Lage hat sich entkrampft - auch wenn von der Politik inzwischen neuer Krampf droht.
 
"KEBAB CONNECTION ist eine klassische Culture-Clash-Komödie", sagt Regisseur und Co-Autor Anno Saul, "die von der zweiten Generation der Einwanderer erzählt, den Teilassimilierten. Sie fühlen sich hier in gewisser Weise heimatlos. Und entwickeln so etwas wie eine neue Kultur."
 
KEBAB CONNECTION erzählt von instabilen Charakteren und ihrem Wankelmut auf dem Weg zum Richtigen; dem erliegt mitunter auch Anno Saul, der auch vor den Mitteln der derberen Klamotte nicht zurückschreckt, um sich die Lacher des Publikums einzuholen. Onkel Ahmet nennt den griechischen Konkurrenten Kirianis "Clitoris", Titzis Freundin Nadine bedient das Klischee einer törichten Blondine, beim Wechseln von Babywindeln spritzt dem armen Ibo buchstäblich die Kinderscheiße ins Gesicht. Auch sein Besuch eines Kurses für werdende Mütter sorgt für eine eher dünne Lachnummer. Selbst über den Wert des Zitats aus Sergej Eisensteins PANZERKREUZER POTEMKIN (ein Kinderwagen mit einem Baby rollt eine Treppe hinunter) ließe sich streiten. Wie viele deutsche Komödien unterliegt auch diese manchmal dem profunden Mißverständnis, dass die bloße Übertreibung per se schon komisch sei. Im Presseheft zum Film findet sich der zwiespältige Hinweis: "Für das Gagpolishing zeichnet Jan Berger verantwortlich."
 
Dennoch ist KEBAB CONNECTION ein bemerkenswerter Film, nicht nur als aufschlußreiches Dokument eines veränderten Klimas. Eine ganze Reihe kleinerer Katastrophen erzählt von der potentiellen Gefährdung der Figuren, die nur aus einem Grund unbeschadet davonkommen: Sie sind Protagonisten einer Komödie, da dürfen sie unverwundbar bleiben. Und mitunter gelingen Anno Saul überraschend berührende Momente. "Baba", fragt Ibo, dessen Kind gerade auf die Welt kommt, "was macht einen guten Vater aus?" Der alte Mann antwortet: "Frag dein Kind, nicht deinen Vater!"
 
Hans Günther Pflaum