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19:30 Uhr

Systemsprenger

Mittwochskino Spezial|Regie: Nora Fingscheidt, 2019, 125 min

  • Goethe-Institut Peru, Lima 15072

  • Sprache Deutsch mit spanischen Untertiteln
  • Preis Eintritt frei
  • Teil der Reihe: Mittwochskino

Helena Zengel © kineo Weydemann Bros Yunus Roy Imer

Systemsprenger © kineo Weydemann Bros. Yunus Roy Imer

Der 20  September ist Weltkindertag in Deutschland. Mittwochskino Spezial zeigt einen Film der in der Berlinale und in allen anderen Festivals wo es lief, viel zu reden gab.

Systemsprenger 
Regie Nora Fingscheidt
2019, Farbe, 125 min
Eintritt frei


Pflegefamilie, Wohngruppe, Sonderschule: Egal, wo Benni hinkommt, sie fliegt sofort wieder raus. Die wilde Neunjährige ist das, was im Jargon des Jugendamts ein „Systemsprenger“ genannt wird. Dabei will Benni nur eines: Liebe, Geborgenheit und wieder bei Mama wohnen! Doch die hat Angst vor ihrer unberechenbaren Tochter. Als es keinen Platz mehr für Benni zu geben scheint und keine Lösung mehr in Sicht ist, versucht der Anti-Gewalttrainer Micha, sie aus der Spirale von Wut und Aggression zu befreien.

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Bernadette oder Benni, wie sie genannt werden will gilt als aggressiv und unberechenbar. Aufgrund traumatischer Erfahrungen in frühester Kindheit darf niemand ihr Gesicht berühren. Von der Sonderschule wird sie dauerhaft suspendiert und keine Pflegefamilie oder Wohngruppe, die sie aufnimmt, ist ihr auf Dauer gewachsen. Sie ist ein ‚Systemsprenger‘. So nennt man Kinder, die radikal jede Regel brechen, sich Strukturen konsequent verweigern und nach und nach durch alle Raster der deutschen Kinder- und Jugendhilfe fallen. Wo auch immer die Neunjährige aufgenommen wird, fliegt sie schon nach kurzer Zeit wieder raus. Und genau darauf hat sie es abgesehen, denn sie sehnt sich danach, wieder bei ihrer Mutter zu leben, einer Frau, die maßlos überfordert ist von der Unberechenbarkeit ihrer eigenen Tochter.

Der Weg in eine geschlossene Anstalt scheint vorgezeichnet, doch der Sozialarbeiter und Anti-Gewalttrainer Micha erkennt sich in dem ‚schwierige Mädchen‘ wieder. Er war selbst einst auf dem Weg, sein Leben komplett zu verpfuschen, hat aber irgendwann doch noch knapp die Kurve bekommen. Er schlägt vor, mit Benni drei Wochen im Wald zu verbringen, in der Ruhe der Natur, ohne Fernsehen, ohne Ablenkung, ohne Irritationen. Zunächst gibt es zwar auch im Wald Streitigkeiten, doch dann scheint Benni echte Fortschritte zu machen. Als die Auszeit im Wald endet, klammert sich Benni an Micha und möchte bei ihm bleiben. Der Erzieher aber hat eine eigene Familie. Außerdem sieht er die Gefahr in diesem speziellen Fall seine professionelle Distanz zu verlieren. Er möchte den Fall abgeben.

Als Notfall wird sie an eine Obhutnahmestelle zur vorläufigen Betreuung übergeben, doch Benni flüchtet wieder zu Micha und seiner Familie, die sich bereit erklärt, sie für eine Nacht aufzunehmen. Als Benni am frühen Morgen mit Michas Sohn im Säuglingsalter spielt, eskaliert die Situation. Sie weigert sich das Kind der Mutter zu übergeben und schließt sich im Bad ein. Daraufhin bricht Micha in Panik die Tür auf. Benni flüchtet in den nahegelegenen Wald und wird Stunden später unterkühlt aufgefunden und ins Krankenhaus gebracht. Ein Versuch, das Mädchen auf einen Auslandsaufenthalt nach Afrika zu schicken, schlägt fehl. Benni flüchtet aus dem Sicherheitsbereich auf das Dach des Flughafens.

SYSTEMSPRENGER ist Nora Fingscheidts erster Spielfilm. Während der Dreharbeiten zu ihrem gemeinsam mit Simone Gaul gedrehten Dokumentarfilm „Das Haus neben den Gleisen“ (2014), über den Alltag in einem Heim für wohnungslose Frauen in Stuttgart, lernte sie eine junge Frau kennen, die als ‚Systemsprenger‘ in keiner anderen Institution der Jugendhilfe mehr Aufnahme gefunden hatte. Das Drehbuch schrieb Fingscheidt dann nach langer Recherche über einen Zeitraum von fünf Jahren. In dieser Zeit lebte oder arbeitete sie in Wohngruppen, in einer Schule für Erziehungshilfe, einer Obhutnahmestelle, einer Kinderpsychiatrie und führte lange Gespräche mit Mitarbeitern von Institutionen oder Ämtern sowie Kinder- und Jugendpsychologen. Die Regisseurin entschied sich bewusst für ein neunjähriges Mädchen als Hauptfigur, obwohl erheblich mehr Jungen als Systemsprenger geführt werden.

In der Pressekonferenz der Berlinale 2019 (wo ihr Film im Internationalen Wettbewerb lief) erklärte die Regisseurin, dass sie damit Klischees und vorschnellen Kategorisierungen aus dem Weg gehen wollte. Auch einen Dokumentarfilm über das Thema Systemsprenger zu drehen, habe sie nie im Sinn gehabt.

Für die Hauptrolle wurde die Berliner Kinderdarstellerin Helena Zengel verpflichtet. Für die Regisseurin war sie das einzige Kind, das Aggression und Not im gleichen Atemzug spielen konnte: „Sie verkörperte nie etwas rein Verzogenes oder Freches, ihr ganzes Wesen war immer mit Fragilität und Verletzlichkeit verknüpft“, so Fingscheidt. Als Vorbereitung auf die Rolle las Zengels Mutter zuerst allein mit ihrer Tochter das Drehbuch. Sechs Monate vor Beginn der Dreharbeiten begann Fingscheidt mit dem Mädchen zu arbeiten, das auch bei der Auswahl der anderen Schauspieler bis in die kleinste Nebenrolle beteiligt war.

Kritiken und Empfehlungen

"Der Film ist das Wunder dieser Berlinale. Er ist keine Sensation, kein Spektakel, kein einfach großartiger Film, nein: ein Wunder. Wie ist ein solcher Film möglich? Ein Gesamtkunstwerk: der Rhythmus, die Bilder, die Farben. Und wie hat die Regisseurin diese körperliche Wucht aus Helena Zengel als Benni geholt? Es ist ein Film, der niemals angemessen von Worten umarmt werden wird. Man muss ihn sehen." (Die Welt)

"Benni springt auf Tische, rast besinnungslos durch Hausflure und Treppenhäuser, tritt und schlägt wie ein Berserker um sich, bedroht ihre Erzieher sogar mit dem Messer. Fingscheidts Film ist eine Tour de Force, die die Erschöpfung der Mutter, der Erzieher und Ärzte nachempfindet." (Der Tagesspiegel)

"Alles andere als gefühlig, aber mit großer Empathie erzählt Fingscheidt diese and die Nieren gehende Geschichte. Die Wahrhaftigkeit, die SYSTEMSPRENGER atmet, ist beeindruckend. Ebenso die Wucht und Energie der Inszenierung" (Südkurier)

"Dieser Film ist atemlos – und zutiefst berührend in seinen Momenten der Hoffnung. Er erzählt wieviel Arbeit und Hingabe es erfordert, ein Kind zu retten, das anscheinend verloren ist." (ARD / Titel, Thesen, Temperamente)

Ralph Eue, 26.06.2019