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Ein Porträt Hans Ottes, verfasst von seiner Tochter Silvia Otte
Den Moment spielend berühren

Hans und Silvia Otte in Frankreich, 1976
Hans und Silvia Otte in Frankreich, 1976 | Mit freundlicher Genehmigung von Silvia Otte

Er ist einer der wichtigsten Komponisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vielschichtig und kaum einzuordnen. Mit Das Buch der Klänge gelang ihm ein einmaliges Werk, das Joana Gama während des Festivals Hans Otte : Sound of Sounds in Portugal interpretiert. "Ich glaube, dass mein Vater mit diesem Stück eine Tür öffnen wollte", sagt Silvia Otte im Interview mit Susana Moreira Marques.
 

Von Susana Moreira Marques

Über Zoom sieht man nur Fenster und die Farben eines deutschen Herbsttags, aber das Gespräch mit Silvia Otte birgt die Intimität ihres Zuhauses in sich. Irgendwo, ganz in der Nähe, steht das Piano, das sie von ihrem Vater, Hans Otte, geerbt hat und auf dem er sein bekanntestes Werk, Das Buch der Klänge, komponierte. Es ist das erste Mal, dass Silvia Otte öffentlich über ihren Vater spricht. Als Fotografin lebte sie viele Jahre in den Vereinigten Staaten. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat beschäftigte sie sich in letzter Zeit viel mit den Fotos, die sie von ihrem Vater gemacht hatte - einige davon sind in Portugal im Rahmen des Festivals "Hans Otte : Sound of Sounds" zu sehen -, mit Familienalben und Partituren. Alles dient dazu, ihre eigene Erinnerung zu rekonstruieren - in dem Bewusstsein, dass diese Erinnerung eine Rolle darin spielt, die Geschichte des deutschen Komponisten zu erzählen, die es verdient, wiederentdeckt zu werden. Diese Reise, die durch Bremen und New York, entlang der Beziehungen zu Größen der zeitgenössischen Musik wie John Cage und durch einsame Momente auf der Bühne führt, endet immer am selben Punkt: der Suche nach der Entdeckung des Klangs, die das Werk von Hans Otte kennzeichnet, und der Idee, dass das, was vom Leben bleibt, der Augenblick ist, den wir leben.

1. Das letzte Bild

Wenn ich an meinen Vater denke, dann denke ich besonders an seine Fröhlichkeit. Wie fröhlich er als Mensch war. Es war keine überschwängliche Fröhlichkeit. Eher eine großzügige Fröhlichkeit. Das hatte nichts mit dem zu tun, was er komponierte.

So denke ich an ihn. Ich denke an ihn, wie er Witze machte. Er liebte es, seine Witze, die eigentlich gar nicht lustig waren, zu wiederholen und sie unzählige Male zu erzählen. Er war anders. Und mir gefiel, dass er so war. Er sagte immer diesen Satz. Ich weiß nicht, ob er jemanden zitierte, aber er sagte diesen Satz oft. Ich bin jedes Mal gerührt, wenn ich ihn wiederhole: „Weinend und schreiend kam ich auf die Welt, mit einem Lächeln verlasse ich sie." Und genau das hat er getan.

Das letzte Mal habe ich ihn fotografiert, als er im Sterben lag. Ich habe mich mit ihm fotografiert. Meine Mutter hat Bilder von ihm an der Wand, die ihn zeigen, als er jung, glücklich und wundervoll war. Doch ich habe diese Fotografie in meinem Arbeitszimmer, die ihn kurz vor seinem Tod zeigt. Immer, wenn ich traurig bin, schaue ich mir diese Fotografie an. Weil er am Ende seines Lebens lächelte.

Ich glaube, das beschreibt meinen Vater sehr gut: Das Leben stellte ihn vor so viele Prüfungen und brachte ihm so viel Leiden, er hat den [Zweiten] Krieg erlebt, eine schwierige Kindheit, er musste in seinem Leben und während seiner beruflichen Laufbahn so viel kämpfen, und doch  – ich weiß nicht, wie er das machte  – war er immer guten Mutes. Niemals hörte ich, wie er sich beschwerte. Es war wirklich seltsam.

Wann immer er ein Konzert gab, wann immer seiner Musik Aufmerksamkeit geschenkt wurde, war er sehr zufrieden. Er rief mich an und erzählte mir davon. Ich habe einen großen Stapel mit Briefen von ihm. In ihnen erzählt er mir, womit er sich gerade beschäftigt. Es war eine Art, seinen Stolz zu zeigen. Aber auch wenn er keine Aufmerksamkeit erhielt, wenn es nicht gut lief, war für ihn alles in Ordnung und er machte einfach weiter. Was er wollte, war einfach Musik zu machen.

Und er wollte, dass diese Musik gehört wird. Ihm war bewusst, dass es auf die Musik ankam, dass sie das Wesentliche war, und ich denke, er hat eine große Ruhe gespürt.

Im Buch der Klänge gibt es dieses Stück, das Stück Nr. 12, in dem plötzlich alles gut zu werden scheint. Alle Prüfungen und alles Leiden der Welt liegen hinter einem und man steigt zum Himmel empor. So sehe ich dieses Stück. Es hat auch mit der buddhistischen Idee des Annehmens des Moments zu tun. Das ist das Stück Nr. 12. Und das ist mein Vater. Er hatte diese Ruhe. Weil für ihn alles gut war, solange er komponieren konnte.

2. Das piano

Die Geschichte, die mir erzählt wurde, ist, dass die Schwester meines Vaters zuerst mit dem Klavierspielen anfing. Sie war ein wenig älter als er, doch anscheinend übernahm mein Vater bereits mit vier oder fünf Jahren das Klavier. Anfangs war es meine Großmutter, die ihm das Spielen beibrachte. Sie verstand jedoch schnell, dass er so viel Potential hatte, dass er einen professionellen Lehrer brauchte.

In letzter Zeit habe ich mir eine Reihe alter Familienfotos angesehen und fand eines von ihm und seiner Schwester. Beide sitzen, mit dem Rücken zu uns, am Klavier. Es liegt eine gewisse Traurigkeit auf den Menschen, die so früh eine solche Begabung besitzen. Sie haben keine normale Kindheit. Vielleicht hat er mir deshalb während meiner eigenen Kindheit nie das Spielen beigebracht. Er sagte oft, dass Kinder ein Recht auf ihre Kindheit haben sollten. Ich deutete das als Zeichen dafür, wie gern er selbst mehr Spaß in seiner Kindheit gehabt hätte, auch wenn die Musik später zu seinem Leben wurde.

Mit 11 Jahren beschloss ich, Klavier spielen zu wollen. Es war keine besonders gute Idee, das Instrument eines Vaters zu spielen, der selbst ein Wunderkind gewesen war, doch er unterstützte mich dabei. Ich verstand jedoch sehr bald, dass die Musik nicht mein Leben war. Als mein Vater seine Sehkraft verlor und große Mühe hatte, die Noten zu lesen, schenkte er mir sein Piano. Ich habe es hier bei mir. Es ist schade, dass ich nicht gut spiele und auch sonst niemand in unserer Familie Klavier spielt.

Ich war ein junges Mädchen, als er dieses Piano kaufte. Ich erinnere mich, wie glücklich er war, dass er nun ein wirklich gutes Piano Zuhause hatte. Auf diesem Piano hat er Das Buch der Klänge komponiert. Mein Vater machte viele unterschiedliche Dinge [Auftritte, Radio, Programmgestaltung]. Und er liebte die Kunst. Manchmal sagte er: Wenn ich noch einmal wählen könnte, würde ich Maler werden. Er sagte solche Dinge. Aber so sehr ihn die verschiedensten Dinge auch interessierten, das Wesentliche für ihn war es, ans Piano zurückzukehren.

Ich bin überzeugt davon, dass er jetzt, nach seiner Reinkarnation, an irgendeinem anderen Ort am Piano sitzt. Die ganze Familie macht Scherze darüber: Er ist nicht in den Himmel gegangen, sondern hat sich sofort auf die Suche nach einem Piano gemacht.

3. Die Bühne betreten

Ich war bei der Uraufführung des Buchs der Klänge und das Seltsame ist, dass ich mich nicht erinnere, im Publikum gewesen zu sein. Ich erinnere mich, wie nervös er vor dem Konzert war. Er war sehr unruhig. Er wusste nicht, wie das Buch der Klänge angenommen werden würde. Es war so anders als alles, was er vorher geschaffen hatte.

Wir hatten noch 30 Minuten Zeit, bevor wir in den Konzertsaal mussten. Wir waren im Hotelzimmer und plötzlich zerbrach die Flasche seines Aftershaves in tausend Stücke. Der Geruch, der ab diesem Moment in der Luft lag... und wir sagten nur: Das ist ein gutes Omen, das ist ein gutes Omen.

Anschließend hörte ich das Konzert, anscheinend neben [dem amerikanischen minimalistischen Komponisten] Terry Riley, weil Terry Riley das behauptet, aber tatsächlich erinnere ich mich nicht daran, neben ihm gesessen zu haben.Trotz der Nervosität meines Vaters an jenem Tag war ich selbst seinetwegen nicht nervös. Ich hatte ihn schon oft auf der Bühne gesehen. Er blieb ne nervös. Er betrat die Bühne und tat, was er zu tun hatte. Tatsächlich schien sich etwas in ihm zu verwandeln, wenn er die Bühne betrat. Als ob er in eine andere Welt eintreten würde.

Ich habe viele seiner Konzerte gesehen. Ich habe auch viele Konzerte gesehen, die er in Bremen organisiert hat. Konzerte, nach denen das Publikum nicht mehr aufhörte zu buhen. Heute sagen die Leute: „Ah, wow, Terry Riley, John Cage, wie wunderbar", aber damals war das nicht der Fall. Zu jener Zeit gab es beim deutschen Publikum viel Widerstand gegen diese Art von Musik. Für meinen Vater war es ein Kampf. Er musste immer um die Finanzierung kämpfen. Er war sehr enttäuscht, als er die finanzielle Unterstützung für das Festival „pro musica antiqua" und für „pro musica nova" verlor [die er in Bremen leitete].

Das einzige, was ich bereue, ist, dass ich bei seinem letzten Konzert nicht dabei war. Der letzte Auftritt, den ich sah, war im Goethe-Institut New York, in dem er das Buch der Klänge spielte. Ich merkte, dass es für ihn inzwischen sehr anstrengend war, auf der Bühne zu stehen. Damals war ich vielleicht ein bisschen nervös, als er die Bühne betrat. Aber das war wegen seines Alters. Zum Glück wusste er, wann der richtige Moment gekommen war, um aufzuhören. Er trat nicht mehr auf, doch er komponierte weiter. Und als er älter wurde und keine großen Werke mehr komponierten konnte, komponierte er kleine.

Alle seine Originalpartitueren befinden sich jetzt in der Akademie der Künste in Berlin. Erst kürzlich habe ich sie dort durchgesehen und einige kleine Stücke entdeckt, die er für meine Katzen komponiert hat. Alles diente ihm zum Anlass, um weiter zu komponieren. In ihm war dieser unbändige Schaffensdrang.

4. Die Klänge entdecken

Einmal erklärte mir mein Vater die zeitgenössische Kunst. Wir waren in einem Museum, ich war noch klein und sah ein modernes Gemälde – ich erinnere mich nicht, welches – und rief: Das verstehe ich nicht. Und er sagte zu mir: Stell dir ein Haus mit vielen Zimmern vor. Alle Menschen dort kennen diese Zimmer. Und dann kommt eine Person und öffnet eine Tür, von der niemand zuvor wusste, dass sie existierte. Das ist gute moderne Kunst.

Später sagte er mir nochmal dasselbe, als ich John Cage hören musste und nicht wollte. Ich war noch ein Kind und wollte Abba und die Beatles hören, wie alle anderen jungen Menschen auch.  Doch es sind diese Personen – wie John Cage – die uns einen Schritt weiterbringen. Sie zeigen uns ein Zimmer, von dem wir nicht einmal wussten, dass es existiert. Mit dem Buch der Klänge hat mein Vater, glaube ich, auch versucht, eine Tür zu öffnen.

Bis heute kann ich sagen, wenn jemand sich bei der Interpration des Buchs der Klänge bei einer Note verspielt. Diese Komposition ist wie meine Genetik. Musik, die Teil meiner DNA geworden ist. Vier Jahre lang hörte ich täglich das Buch der Klänge. In diese Zeit verbrachte ich viel Zeit allein mit meinem Vater, weil meine Mutter oft nach Japan reiste, um ihrem Interesse für den Buddhismus nachzugehen, und diese Musik war immer da. Ich war eine Jugendliche, kam aus der Schule nach Hause und hörte das Buch der Klänge. Es ist ein wundervolles Stück. Aber natürlich will eine Person, die es täglich hört, irgendwann auch einmal etwas anderes hören.

Als mein Vater jung war, arbeitete er in einer Bar, um Geld zu verdienen. Er hatte ein Repertoire an populären Liedern aus dieser Zeit und ich bat ihn, diese Lieder zu spielen. Bis zu seinem Lebensende bat ich ihn hin und wieder, eines dieser Lieder zu spielen. Später, als mein Vater das Stundenbuch komponierte, lebte ich schon nicht mehr bei ihm, doch das Buch der Klänge habe ich so oft gehört, dass es ein Teil von mir geworden ist. Das erste Mal, als ich das Buch der Klänge in der Interpretation einer anderen Person hörte, war vor zwei oder drei Jahren in Berlin. Der Pianist Ivan Ilitic spielte ein oder zwei Stücke des Werks. Ich war tief berührt, weil für mich mein Vater und diese Komposition so absolut miteinander verflochten waren.

So sehr ich auch die Arbeit anderer Pianisten und Pianistinnen für exzellent halte, kann ich nicht anders, als immer wieder die erste Aufnahme meines Vaters zu hören. Zu merken, dass andere schneller oder langsamer spielen. Aber es ist klar, dass Pianisten und Pianistinnen ihre eigene Interpretation spielen müssen und so soll es ja auch sein. Wäre es nicht schrecklich, wenn sie genauso spielten wie auf der CD? Die Originalaufnahme haben wir ja schon und niemand kann sie uns nehmen. Andere Interpretationen zu spielen ist der einzige Weg, das Werk wachsen zu lassen.

Als ich Joana Gama spielen hörte, fand ich sie brillant. Ich dachte: Sie spielt ganz im Moment. So muss es sein. Beim Buch der Klänge ist das Wichtigste die Art von „Mindset", mit der es gespielt wird. Es ist kein Stück, das man vorher einübt und dann ist alles erledigt. Jede Note, jeder Klang muss erforscht werden. Es ist ein Stück, das auf der Bühne entdeckt werden will. Pianisten und Pianistinnen bekommen die Gelegenheit, auf der Bühne diese Klänge zu entdecken – auch in sich selbst.

Wenn wir eine Malerei erschaffen wollen, die Grenzen überschreitet, müssen wir zuerst zeichnen können. Wir müssen unser Metier wirklich beherrschen. Und wissen, dass in der Schlichtheit echte Schönheit liegt. Was mein Vater schuf, hatte genau diese Qualität. Im Buch der Klänge kehrt er zur Tonalität zurück, nachdem er sich auf einem so atonalen Gelände bewegt hatte. Es war, als ob er einen Kreis schloss. Er erzählte mir einmal – und das kommentiere ich jetzt zum ersten Mal – dass Paul Hindemith, sein Lehrer in den 50er Jahren, ihm gesagt hat: „Otte, du bist verloren". Vielleicht war das Buch der Klänge seine Art, sich wiederzufinden.

Zur selben Zeit wurde bei meinem Vater Krebs diagnostiziert. Deshalb schrieb jemand, als er [1982] in Metz das Buch der Klänge uraufführte, dies sei nun vielleicht sein „Schwanengesang”. Ich erinnere mich, dass ich meine Mutter fragte, was dieses Wort zu bedeuten hatte und entsetzt war, weil jemand dachte, dass dies sein letztes Werk gewesen sei. Natürlich bewies die Geschichte, dass diese Person unrecht hatte: Mein Vater lebte weitere 25 Jahre. Und doch änderte sich alles in dieser Zeit. Seitdem konzentrierte er sich auf das Komponieren.

5. Erste Bilder

Mit einem Pianisten in der Familie aufzuwachsen heißt, dass es immer laut ist. Das Klavier produziert ständig Klänge. Manchmal ist es zu laut und die Wohnung ist klein. Meine Mutter, mit diesem Lärm aufzuhören. Wir verhielten uns nicht immer ruhig und hörten ihm zu, wenn mein Vater spielte. Oft wollten wir sogar, dass er aufhörte zu spielen. Aber wenn wir uns ins Wohnzimmer setzten und anfingen, Musik zu hören – zum Beispiel einfach Mozart – war es unglaublich, wie mein Vater zuhörte. Er tat das auf eine völlig andere Weise als andere Personen.

Ich erinnere mich, dass es eine Zeit gab, in der ich viel Funk hörte. Ich legte die Musik auf, die ich mochte, manchmal auch im Scherz, wie Lieder von Prince, und mein Vater hörte dieser Musik ebenso konzentriert zu. Das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber woraus ich wirklich am meisten gelernt habe, war nicht, ihn spielen zu sehen. Sondern ihn Musik hören zu sehen. Aber wir haben nicht oft über Musik gesprochen. Wir sprachen sogar mehr über andere Künste. Und auf seine Weise war mein Vater auch kein Mensch vieler Worte.

Ich weiß es nicht mit Sicherheit, aber vielleicht wurde genau deshalb die Fotografie zu einer Art und Weise, auf die wir miteinander kommunizieren konnten. Zu fotografieren ist ein sehr intimer Prozess und oftmals, wenn wir uns trafen, machten wir das: Fotografieren. Ich erinnere mich daran, meinen Vater während meiner gesamten Kindheit fotografieren zu sehen. Er hatte eine Rolleiflex und als ich 12 oder 13 Jahre alt war, schlossen wir eine Wette ab: Wenn meine Fotografien während unserer nächsten Reise besser wären als seine, würde ich die Rolleiflex bekommen. Ich weiß nicht, wie er es anstellte und ob er nur großzügig war, aber tatsächlich kam ich so zu meinem ersten Fotoapparat.

Ich hatte noch gar nicht richtig gelernt, Filme zu entwickeln, als er mich bat, für die erste CD des Buchs der Klänge zu fotografieren. Natürlich lieferte ich eine miserable Arbeit ab. Während der Fotografieausbildung machte ich Werbefotos für ihn, aber das waren noch sehr klassische Fotos, zum Beispiel mit ihm am Piano sitzend.

1989 ging ich nach New York und mein Vater besuchte mich häufig. In dieser Zeit experimentierte ich viel mit Porträtfotografie. Der Markt in New York ist sehr kompetitiv und man muss sich spezialisieren und Tricks kennen, um in den Markt einzusteigen. Bei einem seiner Besuche sah mein Vater meine Experimente und sagte: Lass uns eine Session machen. Ich lebte in einer winzigen Wohnung, doch wir verwandelten sie in ein Fotostudio. Ich hatte nicht viele Einrichtungsgegenstände, aber wir probierten Dinge mit allem aus, was zur Hand war: Spiegel und andere Gegenstände, die es da gab.
Hans Otte, fotografiert von Silvia Otte während seines Besuchs in New York. Hans Otte, fotografiert von Silvia Otte während seines Besuchs in New York. | Foto: © Silvia Otte
Zufälligerweise hatte ich auf einer Reise, die ich kurz vorher unternommen hatte, große Leuchtbuchstaben eines alten Kinos gefunden. Ein Buchstabe war ein O. Als mein Vater dieses O sah, schnappte er es sich. Weil es der erste Buchstabe von Otte war und zugleich eine Null. Hinter allem stand eine Idee. Und ansonsten hatten wir einfach viel Spaß. Ich dachte nicht groß darüber nach, was ich machte. Ich hatte einfach Spaß dabei, einige Bilder von meinem Vater zu machen, die gut für mein Portfolio sein würden. Doch diese Intimität – und Fröhlichkeit –, die wir spürten, als wir diese Momente teilten, war sehr schön und immer sehr besonders für mich. Es gefiel ihm, fotografiert zu werden und es war wundervoll, ihn im Fokus der Kamera, die auf ihn gerichtet war, glücklich zu sehen. Ich muss mir noch einmal die Abzüge dieser Session ansehen und herausfinden, ob weitere Bilder von ihm dort sind [neben denjenigen, die Teil der Ausstellung des Festivals Hans Otte : Sound of Sounds sind].

6. Die Freunde

Das Foto meines Vaters mit John Cage [das den Anfangspunkt für das Stück J-CHOES als Teil des Festivals Hans Otte : Sound of Sounds darstellt] hat eine besondere Geschichte. In der Wohnung hatte es an dem Tag fast 40ºC. Es war ein außergewöhnlich heißer Mai. Mein Vater war mit mir in New York und das befreundete Ehepaar Duckworth lud uns zu einer Soirée mit John Cage an. Es war der Sommer, in dem Cage sterben sollte. Ich hörte das Gerücht, dass er vorher alle Freunde sehen wollte, aber ich weiß nicht, ob es der Wahrheit entspricht.

Mein Vater und ich holten Cage in einem Mietwagen ab. Ich war vielleicht 24 Jahre alt und saß am Steuer, mit John Cage im Auto, der bei der Fahrt durch den Tunnel Lincoln nur davon sprach, wie schön doch dieser Tunnel sei, wie unfassbar schön. Mir erschien die ganze Situation surreal. Ich war so überwältigt, dass ich nach unserer Ankunft nicht einmal fotografieren konnte. Ich wollte das, was zwischen ihnen geschah, nicht stören. Ich bin Nora [Farell, der Frau des Komponisten William Duckworth] sehr dankbar dafür, dass sie geistesgegenwärtig genug war, um ein Foto von den beiden zu machen. Ich stand dabei direkt neben ihnen.

Mein Vater bewunderte John Cage sehr. Ich erinnere mich auch, dass einmal, als Cage für einen Auftritt in Bremen war, auch die Witwe von [Marcel] Duchamp anwesend war und die beiden Schach spielten. Und mein Vater sagte zu mir: Schau gut hin, schau jetzt zu, das wirst du nie vergessen. Und ich habe es nie vergessen: Teeny Duchamp und John Cage beim Schachspielen. Es hatte nichts mit der Musik zu tun. Sondern damit, dass die beiden besondere Menschen waren. An diese Details erinnere ich mich, die während meiner Kindheit passierten, neben meinen Freunden und den ganz normalen Dingen einer Kindheit.

Hans Otte war mein Vater. Eine Person wie ich hat Freunde, einen Partner, ein eigenes Leben, da denkt man nicht: Ah, mein Vater ist Pianist, Komponist, wow. Ich wollte mein eigenes Leben leben, doch viele Dinge dieser Art sind bei mir geblieben. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, verstehe ich auch, dass eines der Dinge, die mich am meisten prägten, war, wie sehr mein Vater die Kunst der Anderen schätzte. Und die Großzügigkeit, mit der er so vielen Menschen in Türen öffnete, in einem Deutschland, das in den 70er Jahren nicht so offen und einladend war.

Mein Vater hatte kein großes Ego. Damit meine ich nicht, dass er ein Heiliger war. Aber tatsächlich wollte er einfach nur etwas erschaffen, komponieren. Alles andere hat ihn nicht besonders interessiert. Ich glaube, dass seine Berühmtheit für ihn nur dann interessant war, wenn sie ihm dabei half, das zu erreichen, was er wollte und seine Arbeit zu erleichtern.

Er war auch nicht wirklich am Fortleben seines Werks interessiert. Nach seinem Tod merkten wir, dass er nichts organisiert hatte, seine Partituren nicht in Ordnung gebracht hatte. Er hatte nicht daran gedacht. Er kümmerte sich nicht um das Organisieren. Er kümmerte sich um das Tun. Ihn interessierte der Moment, er wollte Musik machen. Letztendlich, glaube ich, hat er für sich selbst komponiert.

Ich wäre glücklich, wenn das Werk meines Vaters öfter gespielt würde, ja. Aber ich weiß, dass es auch jetzt schon viele Menschen erreicht und bewegt. Und vielleicht ist seine Zeit noch nicht gekommen.
 

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