Podiumsgespräch De/colonial film archives

Alles vergeht, außer der Vergangenheit Foto: © Goethe-Institut

24.09.2019, 18:30-20:00 Uhr

Culturgest

Culturgest - Fundação Caixa Geral de Depósitos
Rua Arco do Cego 50
1000-300 Lissabon

Moderatorin: Stefanie Schulte Strathaus

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Alles vergeht, außer der Vergangenheit“ findet am 24. September um 18:30 Uhr ein Podiumsgespräch zum Thema De/colonial film archives statt. Filipa César, Fradique (Mário Bastos), Didi Cheeka und Tamer El Said diskutieren das Verhältnis von Archiv und Macht, aktuelle und alternative Strategien von Filmarchiven, Herausforderungen der Digitalisierung und die künstlerische Auseinandersetzungen von Filmschaffenden und Künstler*innen aus Europa und verschiedenen afrikanischen Ländern mit kolonialem Archivmaterial und Material aus kolonialen Befreiungskämpfen. Moderiert wird die Veranstaltung von der Ko-Direktorin des Arsenals in Berlin, Stefanie Schulte Strathaus.


Nicht nur Filme bilden Machtverhältnisse ab, sondern auch Archive: Die Geschichte der Filmkonservierung ist geprägt vom Bestreben, Originale zu sichern und ihnen als Kulturerbe einen Platz in der Gegenwart zukommen zu lassen. Dieses westlich geprägte und auf Nationalstaatlichkeit beruhende Konzept legt fest, was als Kulturerbe einzuordnen ist und in welchen Verwertungszusammenhang es überführt wird. Angesichts der wachsenden Zahl entdeckter Filme aus kolonialen Archiven und von Dokumenten antikolonialer Befreiungskämpfe wird deutlich, dass Filmkonservierung nicht auf Kopiensicherung reduzierbar ist. Schon die unmittelbare Arbeit am Material ist immer gleichzeitig eine soziale und politische Praxis, die die Rolle der Handelnden in den Blick nimmt. Die eigentliche Aufgabe eines dekolonialen Archivdiskurses besteht also darin, den Schwerpunkt zunächst auf die archivarische Tätigkeit zu setzen, die erst im zweiten Schritt das Artefakt hervorbringt. Das Panel geht der Frage nach, wie zukünftige Konzepte filmarchivarischer Arbeit aussehen könnten und was Filmemacher*innen, Künstler*innen und Kurator*innen dazu beitragen. Sind sie die neuen Archivar*innen?
- Stefanie Schulte Strathaus


Stefanie Schulte Strathaus: Arsenal – Institut für Film- und Videokunst, Berlin
Stefanie Schulte Strathaus ist Ko-Direktorin des Arsenals – Institut für Film und Video Kunst und Gründungsdirektorin des Forum Expanded, einer Sektion der Berlinale. In ihrer Arbeit als Kuratorin gestaltete sie zahlreiche Filmprogramme, Retrospektiven und Ausstellungen. Seit 2010 liegt der Fokus ihrer Arbeit auf dem Filmarchiv des Arsenals und der Entwicklung neuer Konzepte für die Kuration von Filmarchiven im Allgemeinen. Dafür arbeitet sie eng mit Archiven in Ägypten, Guinea-Bissau, Nigeria und dem Sudan zusammen. Aktuell ko-kuratiert sie das Projekt „Archive Außer Sich“ in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Kurzfilmfestival Oberhausen und anderen Partnern.

Tamer El Said: Filmarchiv und Revolution in Ägypten
Tamer El Said ist ein zwischen Berlin und Kairo lebender Filmemacher und Produzent. Er schrieb und produzierte verschiedene mehrfach prämierte Dokumentar- und Kurzfilme. Zudem gründete er die Cimatheque – Alternatives Filmzentrum, einen Raum in Kairo, welcher der Independent-Film-Community Infrastruktur, Ausbildung und ein Kulturprogramm zur Verfügung stellt. Die Cimatheque befindet sich im Aufbau ihres eigenen wachsenden diversen Filmarchivs. Tamers erster Spielfilm, In the Last Days of the City, feierte 2016 bei der Berlinale Premiere und wurde zu über 160 Filmfestivals weltweit eingeladen.

Didi Cheeka: Off-Nollywood Filmemacher and Filmkritiker
Didi Cheeka ist Mitbegründer und Intendant der Lagos Film Society- einem alternativen Filmzentrum, das sich der Gründung des ersten nigerianischen Arthouse-Kinos widmet. Er initiierte unter anderem das Archivprojekt Reclaiming History, Unveiling Memory (Rückeroberung der Geschichte, Enthüllung der Erinnerung), das sich zum Ziel gesetzt hat, Nigerias (post-)koloniales audiovisuelles Erbe wiederzuentdecken und zu digitalisieren. In Zusammenarbeit mit dem Arsenal – Institut für Film und Videokunst, Berlin hat Didi das Festival Decasia – International Film Festival of Rescued Images (Internationales Filmfestival geretteter Bilder) gestartet, eine Biennale, die zwischen Lagos und Berlin stattfindet.

Filipa César: Spell Reel, Archiv und Berichterstattende
Filipa César ist Künstlerin und Filmemacherin. Sie interessiert sich unter anderem für die fiktionalen Aspekte des Dokumentarfilms, die poröse Grenze zwischen Film und seiner Rezeption und die poetischen und politischen Aspekte, die dem bewegten Bild innewohnen. Seit 2011 untersucht sie die Ursprünge des Kinos der Afrikanischen Befreiungsbewegung in Guinea-Bissau als Labor des Widerstands gegen herrschende Epistemologien. Ihr Film “Spell Reel” ist das Resultat eines facettenreichen Recherche- und Digitalisierungs-Projekts, das sie mit Sana Na n’Hada und Flora Gomes initiierte. Der daraus hervorgegangene Korpus umfasst 16 mm Filme, digitale Archive, Videos, Workshops, Screenings, Veröffentlichungen und fortlaufende Kollaborationen mit Künstler*innen, Theoretiker*innen und Aktivist*innen.

Fradique (Mário Bastos): Filmemacher aus Angola
Der 1986 in Luanda geborene Fradique ist eine der spannendsten und talentiertesten Stimmen des angolanischen Kinos. 2010 gründete er gemeinsam mit Jorge Cohen und Tchiloia Lara die Produktionsfirma Geração 80 in Angola. Von 2010 bis 2015 arbeitete er an seinem ersten Langfilm, einer Dokumentation mit dem Titel “Independência“ (Unabhängigkeit) über Angolas Befreiungskampf. Independência erschien 2015 in Angola und gewann den angolanischen Nationalkulturpreis für Film. Der Film gilt als wichtiger Schritt zum Wiedererlangen von Angolas kollektiver Erinnerung.

 

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