Berlinale Bloggers 2019
„The Kindness of Strangers“ – der Film, der die Berlinale eröffnete und ein wichtiges Thema abhandelt

"The Kindness of Strangers" von Lone Scherfig
"The Kindness of Strangers" von Lone Scherfig | Foto (Ausschnitt): © Per Arnesen

Von Еgor Moskvitin

Clara (Zoe Kazan) wacht in der Umarmung ihres Mannes auf, löst vorsichtig dessen schweren Arm von sich, schleicht auf Zehenspitzen aus dem Zimmer, weckt ihre Söhne, springt mit ihnen ins Auto und braust nach New York. Die Kreditkarten sind gesperrt, die Stadt klirrt in vorweihnachtlicher Kälte, das Auto wird gestohlen und die Ausreißer*innen haben keinen Ort, an dem sie unterkommen können – aber es ist immer noch besser als mit einem unberechenbaren Mann. Und außerdem gibt es auf der Welt ja auch gute Menschen. In New York lebt die wunderbare Alice (Andrea Riseborough), die sowohl als Krankenschwester tätig ist als auch eine Suppenküche für Obdachlose betreibt und eine an die Kirche angegliederte Selbsthilfegruppe leitet. Und im russischen Restaurant „Winter Palace“ verdingen sich der alte Eigenbrötler Timofey (Bill Nighy) und der gerade erst aus dem Gefängnis entlassene Araber Marc (Tahar Rahim) – auch sie spielen für das weitere Schicksal Claras eine Rolle. Doch erst müssen sie und ihre Söhne die Schrecken der Armut erleben, mit denen wir es schon auf den Festivals der vergangenen Jahre zu tun hatten – beispielsweise bei „Shoplifters“ und „The Florida Project“.
 
Ungeachtet der ausverkauften Säle bei jeder Vorstellung ist die Berlinale unter den großen weltweiten Filmbühnen die am wenigsten „anschaubare“. Die Filme, die hier im Hauptwettbewerb laufen, können unvorbereiteten Zuschauer*innen schon einmal den Boden unter den Füßen wegreißen. Die Deutschen lieben ein unkomfortables, provokantes, tiefsinniges Filmerlebnis, das ein Druckgefühl in der Brust hinterlässt. Jede Berlinale ist ein elf Tage langes Wettrennen durch die Nacht mit dem Erlkönig aus Goethes Ballade. Dabei auf dem Pferd: das Leben des Kino-Emporkömmlings selbst. Deshalb stehen die Filme, die zur Eröffnung des Festivals ausgewählt werden, oftmals im Kontrast zu dessen düsterem Programm – es sind Publikumsfilme, leicht, verspielt und sentimental. Und auf alle Fälle mit Starbesetzung, damit die Fotos von der Pressekonferenz auch in der gesamten Presse die Runde machen.
 
Vor einem Jahr spielte „Isle of Dogs – Ataris Reise“ von Wes Anderson diese Rolle: ein liebevoller und fröhlicher Animationsfilm darüber, wie Kinder die Welt retten, wobei sie von den Erwachsenen ein größeres Verantwortungsgefühl und von den Politiker*innen größere Transparenz einfordern. Auf der Pressekonferenz nach dem Film sangen Bill Murray, Tilda Swinton, Jeff Goldblum, Greta Gerwig, Bryan Cranston und der Regisseur sogar ein Lied, um dem kleinsten Schauspieler ihres Ensembles, Koyu Rankin, zum Geburtstag zu gratulieren. So weich war der Start des harten Festivals, aus dem schlussendlich der Film „Touch me not“ als Sieger hervorging – ein widerspenstiger Streifen, der für bourgeoise Vorstellungen des Intimlebens eine Provokation darstellt. In den vergangenen Jahren erfüllten die Filme „Grand Budapest Hotel” und „Hail, Caesar!” ebenfalls die Funktion nett anzusehender Opener.
 
Deshalb ist es nicht weiter verwunderlich, dass es dem Film „The Kindness of Strangers“ zukam, die Berlinale 2019 zu eröffnen. Erstens ist es ein Film, der geographische Grenzen verwischt: die Regisseurin Lone Scherfig wurde in Dänemark geboren und hat sich ihren Ruf in Berlin erarbeitet, ihre größten Filme aber in Amerika gedreht. Sie ist ein Beispiel für die Symbiose europäischer künstlerischer Ideen (unter anderem des „Dogma 95“) und der Filmtradition Hollywoods. Die Schauspieler*innen in ihrem Film – die Amerikanerin Zoe Kazan, der Franzose algerischer Herkunft Tahar Rahim und die Engländerin Andrea Riseborough – stellen vielleicht die stärkte Starbesetzung der Berlinale 2019. Und schlussendlich betont auch das Thema der „Freundlichkeit von Fremden“ laut und eingängig, dass es auf der Welt keine fremden Probleme gibt: Amerikaner*innen werden hier als Geflüchtete innerhalb Amerikas dargestellt, und häusliche Gewalt zerstört das Leben einer Bilderbuchfamilie. New York verwandelt sich im Film in Babylon, und die Schicksalsfäden der unterschiedlichsten Menschen laufen in einem russischen Restaurant zusammen. Doch die Kritik ist unzufrieden. „The Guardian“ nennt den Film „die schlechte Ausführung einer furchtbaren Idee“, und „The Hollywood Reporter“ schließt seine Rezension mit dem Wort „Nonsens“ ab. Was ist da schiefgelaufen?

"The Kindness of Strangers" © Foto (Ausschnitt): © Per Arnesen "The Kindness of Strangers" Foto (Ausschnitt): © Per Arnesen
Das Problem scheint in der Dienstfertigkeit des Films zu liegen. „The Kindness of Strangers“ ist eine holprige Erzählung, die manche an Dickens erinnert, andere dagegen an die stärksten sentimentalen Dramen Hollywoods. Solche wie zum Beispiel „Sieben Leben“ und „Das Streben nach Glück“ von Gabriele Muccino, „Noel“ von Chazz Palminteri (einem Schauspieler, der zum Regisseur wurde) und „Dritte Person“ von Paul Haggis (einem Drehbuchautor, der ebenfalls Regisseur wurde). In Filmliebhaber*innen-Kreisen (eigentlich ist es nach Cannes 2017 angebrachter, „Quadrate“ zu sagen) werden solche Filme als spekulativ empfunden – umso seltsamer ist es dann, einen von ihnen auf einem prestigeträchtigen Filmfestival zu sehen.
 
Kritiker*innen beklagen, dass es in „The Kindness of Strangers“ derartig viele Handlungslinien gibt, dass die ganze Kraft des Drehbuchs von Lone Scherfig sich darin erschöpft, diese miteinander zu verknüpfen – und es die Protagonist*innen am Ende trotz der Bemühungen der Schauspieler*innen nicht schaffen, sich einzeln zu öffnen. Die Geschichte des von Bill Nighy gespielten Protagonisten (eines Amerikaners, der sich als Russe ausgibt, damit das Business besser läuft) steckt voller Humor, doch die scharfsinnigen Episoden mit ihm stellen die unwahrscheinliche Ernsthaftigkeit des gesamten restlichen Films noch stärker heraus. Der Bösewicht in ihm lässt die weibliche Hauptperson in Tränen ausbrechen, in dem er ihr gleich in der ersten Minute des gemeinsamen Kennenlernens offenbart: „Niemand liebt dich“. Und sie schreit ihn im Gegenzug an: „Wer gibt euch das Recht, so unfreundlich zu sein, Leute?“. Doch solche Fettnäpfchen hindern „The Kindness of Strangers“ nicht daran, seine Wirkung zu entfalten: Optimismus im Herzen zu erwecken, Mitleid hervorzurufen und sich von der Zauberhaftigkeit New Yorks einlullen zu lassen.
 
Das Resultat ist ein publikumsgerechter, sanfter und sentimentaler Film, der bei Festival-Snobs auf Ablehnung stößt. Aber es scheint, als ob in ihm auch für sie ein geheimer Code versteckt sei. Denn die „Freundlichkeit von Fremden“ ist ein Zitat. „Wer auch immer Sie sind, ich war selbst stets angewiesen auf die Freundlichkeit von Fremden“, formuliert es die Hauptfigur von „Endstation Sehnsucht“, Blanche DuBois, gegenüber einem Arzt. Diese Worte spricht sie schon nach ihrer Vergewaltigung, in einem halb wahnsinnigen Zustand, in dem sie den Bezug zur Realität verloren hat. „The Kindness of Strangers“ trägt somit in seinem Titel eine bittere Ironie: es ist ein Film, der in keinerlei Beziehung zur objektiven Welt steht. Ähnlich genügsame und naive Filme wurden nach der Great Depression und nach dem Zweiten Weltkrieg gedreht, doch im Jahr 2019 gibt es für sie schon keinen Platz mehr. Indem das Festival einen solchen Film heute zeigt, provoziert es in gewisser Weise sein Publikum: „All das hier ist nicht ernst zu nehmen, lernt also, das Original von der Fälschung zu unterscheiden. Was auf der Leinwand passiert, ist eine verlockende Illusion, doch der wahre Sinn dieser Vorstellung liegt in etwas anderem begründet. Hier habt ihr ein Beispiel eines altmodischen Films über die Freundlichkeit von Fremden. Aber gebt es doch zu: ein solcher Film funktioniert nicht mehr, und er kann die Welt nicht verändern. Das heißt also, dass es an der Zeit ist, eine Art neues Kino über die Freundlichkeit Fremder zu erschaffen. Aber wie könnte es aussehen?“ Das Festival hat ganze zehn Tage Zeit, diese Frage zu beantworten.
 

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