Berlinale-Blogger*innen 2022
Ein neues Dispositiv beim Forum Expanded

All of Your Star are but Dust on My Shoes
„All of Your Star are but Dust on My Shoes“: Ein kitschiges Mash-up erzählt von gesellschaftlichen Problemen und begrüßt die Besucher*innen am Eingang zur Unterwelt. | Foto (Detail): © Haig Aviazian

Im Kinosaal gemeinsam einen Film ansehen stand von Beginn an im Zentrum der Filmkunst – so auch bei den Filmfestspielen Berlin. Doch dann entstanden Werke, die nicht auf der Leinwand erfasst werden konnten. Solche Werke bei einem Filmfestival auf etwas andere Art und Weise zu zeigen, ist die Aufgabe des Ausstellungsprogramms von „Forum Expanded“. Ein Rundgang durch die Gruppenausstellung „Closer to the Ground“.
 

Von Hyejin Lee

Für das Kulturquartier „silent green“ wurde ein früheres Krematorium in Berlin-Wedding umfunktioniert. Die frühere Leichenhalle im Untergeschoss wurde zu einem riesigen Ausstellungsraum aus Beton – genannt Betonhalle -, der immer wieder auf neue Weise seinen Reiz zeigt. Seit 2019 findet die Gruppenausstellung der Sektion „Forum Expanded“ hier statt. Die diesjährige Ausstellung „Closer to the Ground“ beginnt mit den stillen und doch eindrucksvollen Neonschildern von „Das Kino Projekt“ (Siska) entlang der Rampe, die ins Untergeschoss führt. Dieses „reisende Filmtheater“ hat sich in jeder Stadt durch Archivarbeit der lokalen Kinogeschichte angenähert und dann den Schriftzug eines verschwundenen Kinos als Neonschild produziert und ausgestellt. Diese Symbole für das kulturelle Gedächtnis der Filmtheater und die aussterbende Kinokultur weisen den Weg zu einem Raum mit Werken, die sich von eben dieser Kinokultur gelöst haben – ein interessanter Aspekt und überaus passend. Am unteren Ende der Rampe begrüßt die Leinwand der Videoinstallation „All of your Stars are but Dust on My Shoes“ (Haig Aivazian) die Besucher*innen und lässt sie noch einmal verweilen, bevor sie den eigentlichen Ausstellungsraum betreten. So gibt es hier zwar nicht das klassische Kino mit seinen Leinwänden, aber die 13 Werke, die in einer erweiterten Bildsprache ebenfalls mit den Besucher*innen kommunizieren, erfüllen alle eine entscheidende Rolle im Raum.

Das Kino Projekt
Das Kino Projekt: Eines der Neonschilder, die bei Forum Expanded präsentiert werden. | Foto (Detail): © Siska
Das obere Geschoss der Betonhalle nimmt die Multi-Kanal-Installation „The Zama Zama Project“ (Rosalind Morris) in seiner Gänze ein und spiegelt damit die Größenordnung der kollaborativen Langzeitrecherche des Projektes wider. Auf der gegenüberliegenden Seite erinnert in einem kleinen Raum „Jole Dobe Na“ (Naeem Mohaienmen) an eine klassische Filmvorführung in einem Kino, unterscheidet sich jedoch darin, dass die Besucher*innen nach Belieben rein- und rausgehen können. Ein halbes Stockwerk darunter, im Hauptausstellungsraum, fällt vor allem „The Lighting“ (Musquiqui Chihying) in den Blick. Auf drei runden Leinwänden wird ein 21-minütiger Film gezeigt, der mit „The Lighting“ und dem chinesischen Schriftzeichen für „Licht“ „光“ beginnt und von der Diskriminierung erzählt, die tief in technischen Entwicklungen und der Bildproduktion verwurzelt ist. Die Grafik, die Musik, die Narration und die Texte, die auf die drei runden Leinwände projiziert werden, sowie die Beleuchtung hinter den Rahmen bilden gleichzeitig ein Objektkunstwerk im Raum wie auch eine Mixed-Media-Installation. Die Besucher*innen können sich zur Betrachtung hinsetzen oder hinlegen. Bei „The Song of the Shirt“ (Kerstin Schroedinger) beeindruckt der riesige weiße Vorhang, der um den Bildschirm, auf dem von den Ruinen der Baumwollindustrie erzählt wird, gezogen ist und damit wie eine Erweiterung des Films im Ausstellungsraum wirkt.
The Lighting
Eine 3-Kanal-Installation und der Blickfang der Ausstellung in der Betonhalle. Bevor sie wissen, worum es geht, werden die Besucher*innen durch die Schönheit der im Dunkeln leuchtenden LED-Lampen und Projektionen angezogen. | Foto (Detail): © Hyejin Lee
 

Closer to the Ground: Sich näher am Boden bewegen

Unter dem Motto des diesjährigen Forum Expanded, „Closer to the Ground: Sich näher am Boden bewegen“, sollen Werke ausgewählt worden sein, die den Dingen auf den Grund gehen. Die Installationen der Ausstellung hinterfragen gesellschaftliche Probleme, die übersehen oder gewollt nicht gesehen wurden, dokumentieren sie und leisten mittels der Filmsprache Widerstand. Und alleine durch die Art und Weise, wie sie gezeigt und präsentiert werden, fordern sie eine aktive Beteiligung der Zuschauer*innen und lassen dadurch ein Problembewusstsein entstehen.

Im Rahmen des Forum Expanded werden neben der Gruppenausstellung außerdem im SAVVY Contemporary „The Wind in Your Body Is Just Visiting, Your Breath Will Soon Be Thunder“ (Pallavi Paul) sowie im Marshall McLuhan Salon der Kanadischen Botschaft „VCR’s Choice“ (Charlton Diaz) präsentiert.

 

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