Ein immersives Historienspektakel
Roter Wolfram
Der neogotische Klotz des Moskauer Elektrowerks zieht die Aufmerksamkeit aller Architekturliebhaber*innen auf sich. Mit seiner Eröffnung im Jahr 1928 wurde das Werk sofort zum Herzstück der sowjetischen Industrialisierung, deren Erfolge im Bereich Elektrotechnik an große Bauwerke geknüpft sind. Besonders deutlich wird das am Wasserkraftwerk DniproHES und am Metallkombinat „Magnitka“. Wichtiger als die Baukunst war jedoch die landesweit erste Produktion von elektrischen Lampen mit Wolframfaden. Diese wurde in Folge einer Spionageoperation angekurbelt, in die idealistische Berliner Arbeiter unfreiwillig involviert waren. Der Historiker Sergej Nikitin-Rimskij will diese erstaunliche russisch-deutsche Geschichte erzählen – basierend auf Originaldokumenten aus den Archiven des NKWD und dort, wo sich alles zugetragen hat: in den Zechen des legendären Werks und den kleinen Gassen und Höfen seiner unmittelbaren Umgebung.
Von Susanna Daurni und YavlenieRaket
Am Abend treffen wir uns an der Metrostation Elektrozawodskaja, im Lichtermeer der erhellten die Häuserfassaden und Geschäfte. Das war hier nicht immer so, und vielleicht wäre alles ganz anders gekommen, wenn nicht die drei Berliner Männer gewesen wären, an deren Geschichte wir uns heute erinnern. Der Wolframfaden brachte sie nach Moskau - ein Draht, der sich bis zum Jahr 2009 im Inneren jeder Glühbirne befand.
Uns werden nachgefertigte Dokumente ausgeteilt. Meinem neuen Pass zufolge bin ich Walter Ulbricht, geboren 1893, einer der Anführer der kommunistischen Partei in Deutschland. Nach mir war einmal eine Straße in der Region Aeroport benannt. Etwas später vertiefe ich mich in einem halbdunklen Flur des Elektrowerks in einen mir ausgehändigten Brief. Einen Brief von mir selbst, verfasst vor 100 Jahren.
Schon im zaristischen Russland hatte Nikolaj Ladygin vorgeschlagen, dieses feuerfeste Metall für Lampen zu verwenden, allerdings schwärzten die Lämpchen schnell ein. 1911 löste der US-amerikanische Ingenieur William Coolidge im Labor von General Electrics das Problem: Er verband Wolfram mit Quecksilber und Cadmium. Sein dünner Faden hatte einen Durchmesser von weniger als einem Millimeter, genau genommen nur sechs Mikrometer (0,006 Prozent eines Millimeters!). Schon bald wurden praktisch alle Glühlampen in den USA nach dem Patent von Coolidge hergestellt.
Die Straßen sind menschenleer. Wir sehen das Licht der Laternen, unsere Schatten und stumme Mauern, gehen vorbei an Werken und Manufakturen: von Textilien über Wolle bis hin zu Schuhen und Radiosystemen - was es hier nicht alles gegeben hat! In den Ohren Musik, unter den Füßen der feuchte Asphalt. Die moderne Stadt haben wir an irgendeinem Punkt hinter uns gelassen.
Eine Stimme liest einen Textausschnitt von Walter Benjamin: „Die Moskauer Straßen haben eine eigenartige Besonderheit: in ihnen versteckt sich das russische Dorf. Tritt man aus einem großen Torweg in eine solche ein, so findet man sich am dörflichen Rand einer großen Siedlung wieder... Es gibt hier kein Straßenpflaster, die Kinder fahren Schlitten, Schuppen für Feuerholz und Inventar füllen die Straßen und die Bäume wachsen ohne jede Ordnung. So bekommt die Straße eine weitere – eine dörfliche – Dimension.“
In einer schmalen Nische zwischen zwei verlassenen Häusern tanzen Hände und halten einen glimmenden Wolframfaden. Jemand von uns liest aus den anfangs verteilten Briefen vor: Briefkorrespondenzen deutscher Arbeiter, die sich aus unterschiedlichen Gründen in der UdSSR wiederfinden. Sie sitzen an der Moskauer Taganka mit Wurst und Brot beim Abendessen in ihrer ersten Kommunalka - und bringen die Elektroindustrie in Gang! Wir betreten den Hof eines neoklassizistischen Palazzo. Zu dem Mann mit Hut gesellt sich eine hübsche Frau mit lockigem Haar. Sie ist die Tochter des Ingenieurs Moisej Schelesnjak, dessen Einladung nach Moskau die drei Berliner gefolgt sind. Nun berichten beide gemeinsam vom deutschen Moskau der 1920er Jahre.
Wir gelangen an die Grenze, eine Frau mit blauem Lidschatten sucht auf einer Liste konzentriert nach meinem Nachnamen. „Gehen Sie durch!“ – ich passiere und stecke meinen nachgefertigten Pass wieder in die Tasche.
Am 1. Oktober 1928 beginnt in der UdSSR der erste Fünfjahresplan - vor uns liegen großangelegte Bauprojekte in den Weiten des Landes und eine ebenso große Hungersnot. Einen Monat später wird am Wasserstraßenkreuz der Flüsse Jausa und Chapilowka das Elektrowerk hochgezogen, ein Sinnbild für den rasanten Fortschritt der Industrialisierung. Die Fassade mit den zwei Türmen – der letzte architektonische Ausdruck einer Begeisterung für die Neogotik – steht bereits vor der Revolution im Rohbau. Sie wurde im Feuer des Ersten Weltkriegs ursprünglich für eine Gummiwaren-Manufaktur entworfen, die jedoch niemals an diesem Standort realisiert wurde. Wie der Kölner Dom am Rhein spreizt das Elektrowerk seine Gewölbe in die Höhe. Oder wie ein Raumschiff, so wie auf dem Foto von Alexander Rodtschenko?
Um das Werk herum entstand eine komplette Stadt, „Elektrozawodsk“: 24.000 Arbeiter*innen wurden hier mit ihren Familien angesiedelt – in Häusern, Baracken und Wohnheimen. Der englischsprachige Reiseführer „Inturist“ für Moskau aus dem Jahr 1937 preist eine Tour durch die Umgebung an und hebt insbesondere den kreativen Geist der Werksangestellten hervor, die unter anderem Bilder malen und Gedichte schreiben.
Und schon sind wir in der Kathedrale der Industrialisierung angekommen – im Elektrowerk. Durch seine Lampen betrat es das häusliche Umfeld der sowjetischen Bürger*innen und seine Transformatoren fanden industrielle Verwendung im DniproHES, in der Magnitka (so wurde damals das Magnitogorsker Metallkombinat genannt) sowie in der Moskauer Metro.
Aus dem Pförtnerhaus kommen Max Schmor zwei Freunde entgegen: Hans Olrich und Anastasia Abramowa. Auf der Straße ist es nasskalt, aber zum Glück sie haben es heute nicht weit, denn sie sind bei Moisej Schelesnjak eingeladen, dem Direktor der Wolfram-Zeche. Dort versuchen die Arbeiter*innen, eng an einem Tisch sitzend, den Wolframfaden ohne technische oder handwerkliche Vorkenntnisse in die Länge zu ziehen und dünner zu machen. Die Held*innen des Elektrowerks hatten auf dem Weg zur Herstellung des erwünschten Wolframfadens zahlreiche Bewährungsproben zu bestehen.
Heute liegt das Werk im Schlaf, doch das Gebäude ist nach wie vor ein Ort der Produktivität und bietet Platz für Fotograf*innen, Designer*innen und Kunstschaffende. Manchmal kommen dabei sogar alte Gerätschaften aus dem vergangenen Jahrhundert zum Einsatz.
In der Zeche der Schweißer*innen wird Tee eingeschenkt, damit wir uns ein wenig aufwärmen können, und es werden sowjetische Süßigkeiten herumgereicht. Das ist keine zufällige Entscheidung, denn es sind „Rotfront-Batonchiki“, benannt nach jener radikalen kommunistischen Bewegung, der auch einige unserer Alter Ego angehörten.
Es riecht nach versengtem Staub. Und wieder: Korridore, Briefe, Gedichte von Majakowski.
Wir gehen raus auf die Straße. Eine Taschenlampe scheint uns ins Gesicht: „Folgt mir in Zweierreihen.“, sagt ein Unbekannter und erhellt den Weg nur spärlich. Feuchte Luft umhüllt uns. Kaum auszumachende Gestalten gehen Hand in Hand von Torbogen zu Torbogen und verschwinden hinter der nächsten Ecke. Es ist 21:30 Uhr. „Geben Sie mir Ihre Dokumente.“ Damit endet unsere Reise durch die Epoche der Superfabriken, die von gewöhnlichen, niemandem bekannten Menschen aufgebaut wurden und die Zukunft des 20. Jahrhunderts maßgeblich geprägt haben.
Sie können zu Protagonist*innen in Sergej Nikitin-Rimskijs Psychodrama / immersivem Theaterstück „Roter Wolfram oder Elektorzawodsk“ werden.
Tickets sind über die Website erhältlich
http://elektrozawodsk.tilda.ws/