Runder Tisch am 25. April in Moskau mit Unterstützung des Forums „Petersburger Dialog“
Sozialwohl und Informationssicherheit in der digitalen Gesellschaft

Runder Tisch Foto: © Petersburger Dialog

Die Veranstaltung war den Problemen des Einflusses moderner Informationstechnologien auf die Entwicklung, schulische Bildung und Sozialisierung von Kindern und Jugendlichen gewidmet.
 
Über 50 russische und deutsche Wissenschaftler und Experten waren in die Russische Bildungsakademie gekommen, um die wesentlichen Risiken und Perspektiven der Entwicklung einer digitalen Gesellschaft zu erörtern, ihre Erfahrungen bei der Schaffung von positivem Mediencontent auszutauschen und Positionen zu Fragen der Ethik und der Herausbildung einer Verhaltenskultur bei der Nutzung digitaler Ressourcen zu diskutieren.

In ihrer Begrüßungsansprache unterstrich die stellvertretende Vorsitzende des Russischen Koordinierungsausschusses des „Petersburger Dialogs“, die Ehrenvorsitzende der Russischen Bildungsakademie  Ludmila Werbizkaja, dass das Interesse für Fragen der Erziehung und des Kinderschutzes der Gesellschaft eine stabile Zukunft garantiert. „Ich möchte besonders  hervorheben, dass der heutige Runde Tisch im Jahr der wissenschaftlichen Bildungspartnerschaft Russlands und Deutschlands stattfindet. Ich hoffe, dass die Ergebnisse Ihrer Arbeit Grundlage zur Schaffung eines weiteren Bündnisses sein können, das neue Perspektiven der gemeinsamen Zusammenarbeit eröffnet.“ 
 
„Es ist wichtig, dass sich hier heute führende Spezialisten beider  Länder aus verschiedenen Fachgebieten, die auf die eine oder andere Art mit der Digitalisierung verbunden sind, versammelt haben. Wir sind uns darüber im Klaren, dass Fragen der Erziehung und der Entwicklung der heranwachsenden Generation unter den Bedingungen einer sich stürmisch entwickelnden Digitaltechnologie beide Seiten beschäftigen. Wir beobachten eine Kluft zwischen der ‚digitalen‘ Generation der Kinder und der ‚analogen‘ Elterngeneration. Der Informationsraum bietet einerseits eine Unmenge an Möglichkeiten, birgt aber andererseits auch gewisse Risiken“, unterstrich in seinem Grußwort an die Veranstaltungsteilnehmer der Präsident der Russischen Bildungsakademie, Juri Sintschenko.

Begrüßt wurden die Versammelten auch durch Gesche Joost, Professorin an der Universität der Künste Berlin und ehemalige Internetbotschafterin der Bundesregierung für die Europäische Kommission sowie durch Heike Uhlig, Institutsleiterin des Goethe-Instituts Moskau und Leiterin der Region Osteuropa/Zentralasien.

Die Teilnehmer der Forums diskutierten einen breiten Kreis aktueller Fragestellungen: von abweichendem Verhalten im Informationsraum und Methoden zu seiner Bekämpfung über die wesentlichen medialen Bedrohungen der Gegenwart – Fake News, Cyber-Mobbing und Extremismus – bis zum interaktiven Unterricht für Kinder und Heranwachsende sowie modernen   Technologien als Hilfestellung für Lehrkräfte.

Die sich im Zuge des Vordringens digitaler Technologien ergebenden gesellschaftlichen Veränderungen fordern Flexibilität und Dynamik bei der Anpassung der staatlichen Politik in dieser Sphäre. Darüber sprach Ludmila Bokowa, die Erste Vizevorsitzende des Ausschusses für Verfassungsfragen und Staatsaufbau des russischen Föderationsrates. Sie berichtete über die Ausrichtung der staatlichen Politik in den Bereichen der kindlichen Sicherheit und Entwicklung im medialen Raum. Aufgrund der russischen Erfahrungen in dieser Richtung unterstrich Bokowa, dass die russischen Positionen in vielen Fragen mit den Ansichten der deutschen Kollegen übereinstimmten. „Eine staatliche Politik im Bereich der Informationssicherheit hat sich in der Russischen Föderation erst in jüngster Zeit herausgebildet. In unserem Land hat sie mehrere Richtungen. Die erste ist die Vervollkommnung der Gesetzgebung im Bereich der normativen Regulierung. Doch grundsätzlich sind wir auf die Realisierung einer Selbstregulierung im  Internet orientiert. Sehr wichtig ist die Organisation der Schulung hinsichtlich der Grundlagen von Informationssicherheit für Kinder wie auch ihre Eltern sowie das Monitoring des Niveaus ihrer entsprechenden Kenntnisse. So wie ein Kind Sicherheitsregeln im Straßenverkehr erlernt, muss es auch mit den Regeln eines gefahrlosen Verhaltens im Internet vertraut gemacht werden. Die Frage der Schaffung von sicherem und interessantem Content ist vor allem für das kindliche Auditorium von großer Wichtigkeit.“

Kathrin Demmler, Direktorin des Münchner Instituts für Medienpädagogik, legte ihre Gedanken über Kinder und Jugendliche in der digitalen Gesellschaft dar und erklärte, welche Herausforderungen im Bildungsbereich bestehen und wie mit ihnen umgegangen werden sollte. Sie präsentierte eine glänzende theoretische Beschreibung der Fragen der Medienreife, Medienkompetenz und der Richtungen der medialen Ausbildung.

Jelena Wartanowa, Dekanin der Journalistik-Fakultät der Moskauer Lomonossow-Universität und korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften legte in ihrem Vortrag „Die Medienreife der ‚digitalen Jugend‘ als Faktor der Informationssicherheit“ dar, dass die im medialen Raum vor sich gehenden Veränderungen sich bereits auf gesamtgesellschaftlicher Ebene auswirken. Ihren Worten zufolge konstatieren Analysten bereits einen signifikant ansteigenden Einfluss der sozialen Netze. „Nach Umfragen des Juri-Levada-Analysezentrums vom September 2018 bleibt das Fernsehen zwar mit 73 Prozent die Hauptinformationsquelle der russischen Bevölkerung, doch bedeuten Internet-Quellen (mit 37 Prozent) und soziale Netzwerke (28 Prozent) zusammengenommen dafür schon eine ernsthafte Konkurrenz.

„Wir sind uns bewusst, dass Kinder geschützt werden müssen. Ohne kritisches Denken können wir sie nicht einfach in den Informationsraum entlassen. Deshalb ist ein Schutz nicht nur seitens der Erwachsenen – Eltern und Lehrer – wichtig, es sollte auch ein Schutzsystem geschaffen werden. In diesem Sinne ist der Begriff der Medienreife bereits ein doppelter Fortschritt. Im Rahmen des heutigen Runden Tisches wurde die vielleicht wichtigste Frage des modernen Lebens gestellt: Die Frage nach der Zukunft einer Gesellschaft, in der wir Veränderungen der Reifetypen sowie digitale Klüfte zwischen verschiedenen Gesellschaftsgruppen, darunter auch hinsichtlich der Generationen, beobachten“, so ihre Schlussfolgerung.  

Soziale Netze und der digitale Raum sind bereits feste Bestandteile der Persönlichkeit der Angehörigen der heranwachsenden Generation, sie beeinflussen ihre Psyche und ihre Identität. Als äußerst aktuell erwies sich deshalb die Analyse der psychologischen Aspekte beim Studium des Verhaltens von Kindern im Informationsraum, die im Vortrag von Olga Karabanowa, der  Leiterin des Lehrstuhls für Altersphysiologie der Psychologischen Fakultät der Moskauer Lomonossow-Universität und korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften, gemacht wurde. Sie bekräftigte, dass Verbote Kinder und Jugendliche nicht vollständig vor negativen Einflüssen bewahren können. Als äußerst wichtig bezeichnete sie „… die Schaffung von entwicklungsförderndem Content unter Berücksichtigung von dessen Attraktivität für Kinder und die digitale Jugend. Also Content, der ihre positive Sozialisierung fördert“. In ihrem Vortrag zum Thema „Psychologische Aspekte der Informationssicherheit von Kindern und Jugendlichen in der digitalen Gesellschaft“ setzte die Psychologin einen Schwerpunkt beim Thema der Alterskennzeichnung des für Kinder bestimmten Materials. „Heute fordern viele, auf diese Kennzeichnung zu verzichten, da sie nach Zufallsprinzipien erfolge und den Informationszugang für Kinder beschränke. Dem ist nicht so, hier muss man die Besonderheiten der Interpretation und Informationsverarbeitung sowie die verursachten Folgen berücksichtigen. Bei dieser Klassifizierung müssen Genre, Inhalt und auch die künstlerische Gestaltung berücksichtigt werden, da diese den Content selbst zunichtemachen kann, sowie auch die Besonderheiten der Rezeption durch Kinder verschiedenen Alters und die Wahrscheinlichkeit schädlicher Auswirkungen“, sagte sie.

Auf ein wichtiges Thema, die Erhöhung der Kompetenz der erwachsenen Generation, verwies in seinem Auftritt der verantwortliche Sekretär des Koordinationsrates des Nationalen Elternverbands, Alexej Gusew. „Eine der wichtigsten Aufgaben der Arbeit mit den Eltern ist es zu erlernen, wie ein System der medialen Bildung und Kompetenz etabliert werden kann. Wir sehen, dass uns in Fragen der Medienkompetenz die Kinder oft voraus sind, so dass wir Bildungsstrategie und –taktik korrigieren müssen. 2018 haben wir eine landesweite Elternbefragung zu Fragen der Informationssicherheit durchgeführt. Ihre Ergebnisse zeigen den Bedarf seitens der Eltern für zusätzliche Informationen zu Fragen der Herausbildung einer familiären Informationskultur“, betonte er.

  • Runder Tisch Foto: © Petersburger Dialog

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Ein Teilaspekt des Runden Tischs war digitalen und medialen Bildungsprojekten gewidmet. Über die Grundlagen der Schaffung einer Sammlung von digitalen Bildungsressourcen berichtete Wadim Grinschkun, Leiter des Lehrstuhls für informative Anwendungen im Bildungsbereich der Moskauer Staatsuniversität. Als anschauliches Beispiel stellte er die Möglichkeiten des Projekts „Moskauer Elektronische Schule“ vor, in dem die traditionelle Bildung mit Informationstechnologien korrespondiert und es so erlaubt, Klassenzimmer in High-Tech-Räume zu verwandeln.

Seine deutschen Kollegen Joerg Michel und Daniel Brochwitz teilten ihre Erfahrungen mit der Agentur „KIDS interactive“, die erfolgreich in der interaktiven Bildung von Kindern und Jugendlichen arbeitet. Die Leiter des Projekts CALLIOPE, Klaus Buss und Jørn Alraun, stellten den Teilnehmern ihre Ausarbeitungen im Bereich des Programmierens und der Informatik für Kinder vor.

Natalja Tschebotar, Leiterin des Projekts „Yandex.Utschebnik“, berichtete von den Vorteilen der Nutzung dieser digitalen Plattform für Schüler und Lehrer. Das verständliche Interface, die vielfältigen, entsprechend der staatlichen Bildungsstandards und der entsprechenden Lehrpläne ausgearbeiteten Aufgaben sowie die Zeitersparnis beim Korrigieren der Aufgaben und der Unterrichtsvorbereitung wurden bereits von den Lehrern von mehr als 7000 Klassen in Russland anerkannt.

Dem allerjüngsten Auditorium, den Vorschulkindern, war die Präsentation des Fernsehsenders „STS Kids“ gewidmet. Programmdirektorin Jelena Suchanowa und Marketingdirektorin Nadeshda Krjashewa stellten ihre Konzeption zur Füllung der Sendezeit nicht nur mit Unterhaltungsprogrammen, sondern auch mit lehrreichen Sendungen vor. Das TV-Geschehen wird auf diese Weise so gestaltet, dass Kinder zugleich lernen, sich amüsieren und sich bewegen können.  

„Heute haben wir gesehen, wie Reflexionen der Wissenschaft zu einem Teil jenes positiven Mediencontents werden können, der Kindern hilft, sich einerseits zu unterhalten, andererseits aber auch zu lernen und zu sich zu entwickeln. Wir haben eine durchaus positive Sichtweise auf die Zukunft. Wir sind davon überzeugt, dass positiver, entwicklungsfördernder Content  die Räume des Internets und des Fernsehens füllen wird. Und der Dialog zwischen unseren Ländern geht auch weiter“, sagte zum Abschluss der Veranstaltung Bildungsakademie-Präsident Juri Sintschenko.
 

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