Stadtbild Taiwan Warum legen Deutsche mehr Wert auf ein „ordentliches“ Stadtbild als Taiwaner?

  • Stadtbild Taiwan © Klaus Bardenhagen
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„Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck“, lautet ein Sprichwort. Das gilt für Menschen, aber auch für Städte und Länder.

Was ist der erste Eindruck, den Besucher von Taiwan bekommen? Oft hole ich deutsche Besucher, die noch nie hier waren, am Flughafen in Taoyuan ab. „Wundert Euch nicht“, warne ich sie, wenn wir das moderne Terminal verlassen und in den Bus oder die Bahn steigen. „Viele Häuser hier sehen für Euch schlimm aus. Aber das hat nichts zu sagen.“

Auf der Fahrt sehen wir sie dann zunächst versprenkelt zwischen Fabrikhallen und Reisfeldern, und wenn wir uns dem Ballungsraum von Taipeh nähern, können wir sie durchs Fenster fast mit den Händen greifen: Wohnblocks, die ihre besten Tage lange hinter sich haben. Schwärzlich angelaufener Beton, von grauem Dreck überzogene Kacheln, rostige Fensterkäfige, blinde Scheiben. „Das sind keine Slums“, erkläre ich meinen Gästen dann. „Hier wohnen ganz normale Leute, und innen kann es ganz anders aussehen.“

Ich wohne lange genug in Taiwan, um Dinge nicht mehr per Daumen hoch oder runter zu bewerten. „Es ist nicht besser, es ist nicht schlechter, es ist einfach anders“ ist ein Leitsatz für Reisende, den ich sehr vernünftig finde. Ich weiß, dass es Gründe für das Erscheinungsbild von Taiwans Städten gibt, und dass Menschen überall unterschiedliche Prioritäten haben.

Warum wirkt Taiwan wie ein Dritte-Welt-Land?

Aber es ist eben auch eine Tatsache, dass der erste Eindruck von Taiwan für viele Besucher aus Europa, zum Beispiel für Deutsche, oft eher an ein Dritte-Welt-Land erinnert als an eine wohlhabende Industrienation mit westlichem Lebensstandard, die Taiwan ja längst ist. Es ist ein trügerischer Eindruck, das merken auch meine Besucher nach kurzer Zeit, aber er entsteht nun mal. Sind die Bürger von Taiwan bereit, diesen Preis zu zahlen? Was sind ihre Prioritäten? Das können sie nur selbst entscheiden.

Mein Blick und mein ästhetisches Empfinden sind geprägt durch mein Aufwachsen in Deutschland. Und in der deutschen Kultur wird einem von klein auf vermittelt, dass es wichtig ist, nach außen ein ordentliches Bild abzugeben. Häuser haben gepflegt auszusehen, Straßen und Städte aufgeräumt. Auf dem Land, wo ich aufgewachsen bin und die meisten Menschen eigene Grundstücke haben, gehört für viele auch die penible Pflege von Rasen und Vorgarten dazu. „Wie sieht das denn aus!“ sagen Nachbarn, wenn jemand sich nicht an die örtlichen Standards hält. Wer seinen Garten oder seine Fassade nicht in Schuss hält, denkt man, der lässt bestimmt auch seine Wohnung verkommen, vielleicht sogar sein Leben, und kann kein „ordentlicher Mensch“ sein. Manchmal übertreiben wir Deutschen es bestimmt auch.

In Taiwan, glaube ich, ist diese Verbindung zwischen Außen und Innen unwichtiger. Vielen Menschen ist das Äußere ihrer Gebäude ziemlich egal, sie verwenden aber viel Zeit und Mühe aufs Sauberhalten und Einrichtung ihrer Wohnung. Fahren sie im Urlaub nach Europa oder Japan, machen sie Fotos der schmucken Häuser dort. Kommen sie zurück nach Taiwan, zucken sie vielleicht mit den Achseln und sagen: „Da kann man nichts machen.“
 
Kann man wirklich nichts machen?

Was sind die Gründe dafür, dass viele Taiwaner es akzeptieren, auf dem Weg nach Hause durch unansehliche Gassen zu gehen und aus ihrem Fenster auf schmuddelige Wände zu blicken? Ist es wirklich nicht zu ändern?

Taiwans Klima wird oft genannt. Es ist heiß, feucht, und die Luft in den Städten voller Abgase von Motorrollern und Autos. Wer hier eine Fliesenwand reinigt oder einer Betonwand einen frischen Anstrich verpasst, der hat vielleicht ein Jahr Freude daran, dann hat der Dreck sich wieder abgesetzt. Da ist was dran. Sehr überrascht war ich allerdings vor einiger Zeit in Singapur. Dort ist es ja noch heißer und feuchter als in Taiwan. Trotzdem sahen fast alle Gebäude, auch ältere Wohnblocks, aus wie aus dem Ei gepellt. Ein ordentlicher Anstrich kann eben doch Wunder wirken. Benutzen die Maler in Singapur besondere Farben, oder sie haben ein anderes Geheimnis? Wer es in Taiwan ernst meint mit Stadtverschönerung, könnte hier ansetzen. Taiwans Farben-Hersteller und Anstreicher würde das bestimmt freuen.

Noch eine Begründung: „Es ist zu spät, um etwas zu ändern.“ Fünfzig Jahre nach dem Beginn von Taiwans Wirtschaftswunder und Bauboom stehen nun mal hunderttausende alternde Beton-Plattenbauten in den Städten, und es scheint sinnlos, irgendwo mit kleinen kosmetischen Korrekturen zu beginnen. Die Hoffnung liegt auf „Stadterneuerung“: Weg mit den alten Kästen, dafür werden schmucke neue Hochhäuser gebaut. Das Problem ist allerdings, dass auch diese Gebäude in Schuss gehalten werden müssen, wenn sie keine Patina ansetzen sollen. Auch viele Anlagen aus den achtziger und neunziger Jahren sind schon deutlich angegriffen. Soll das immer so weiter gehen? Die Zeiten, als Taiwan der Regierung und vielen Bewohnern nur als vorübergehendes Quartier galt, und eher provisorisch gebaut wurde, sind ja lange vorbei.

Wieso fühlt sich niemand zuständig?

Ein wichtiger Grund denke ich, ist dies: Niemand fühlt sich zuständig, und niemand will für andere zahlen. In Deutschland gilt für alle Häuser, in denen die Wohnungen unterschiedliche Besitzer haben, das Wohneigentumsgesetz. Darin wird klar geregelt, welche Teile des Hauses Gemeinschaftseigentum sind: Die Außenwände etwa, das Dach, die Heizungsanlage oder die Fenster. Alle Eigentümer gemeinsam müssen sich um diese Teile kümmern. Jeden Monat zahlen sie eine sogenannte „Instandhaltungsrücklage“ in einen Topf, aus dem Reparaturen bezahlt werden. Wird das Dach saniert, muss der Besitzer einer Erdgeschosswohnung dafür mitbezahlen. Entscheidet eine Mehrheit der Eigentümer, dass ihre Fassade einen neuen Anstrich braucht, teilen alle sich die Kosten. Und kein Wohnungsbesitzer kann einfach so andere Fenster einbauen, eine Klimaanlage an die Fassade hängen oder gar einen Balkon zum geschlossenen Raum umbauen. Natürlich kann es Streit geben, oder jemand zahlt seine Beiträge nicht. Aber in einer funktionierenden Eigentümergemeinschaft führen diese gemeinsamen Verpflichtungen dazu, dass alle langfristig profitieren.

In Taiwan, fand ich heraus, gibt es ein ähnliches Gesetz. Aber es gilt wohl nur für neuere Gebäude und große Wohnanlagen, solche mit Fahrstuhl und Pförtner. In den zahllosen vier- oder fünfstöckigen Betonbauten, die viele Stadtviertel dominieren, kann jeder Eigentümer so ziemlich tun, was er will – oder eben auch nicht. Und so entsteht zum einen der Wildwuchs an der Fassade, wo jeder auf eigene Faust noch ein paar Quadratzentimeter Raum gewinnen will, unterschiedliche Fensterkäfige und Vordächer anschraubt – und zum anderen sieht niemand es als seine Aufgabe an, das Haus als Ganzes in Ordnung zu halten.

Einerseits kann ich das nachvollziehen, andererseits wundere ich mich. Sehen Taiwaner nicht, viel mehr als Deutsche, eine Wohnung als Kapitalanlage, die sie irgendwann mit möglichst viel Gewinn wieder verkaufen wollen? Bringt eine Wohnung in einem gepflegten Gebäude, bei dem die Bausubstanz in Ordnung ist und nicht irgendwann teure Reparaturen anstehen, dann nicht einen besseren Preis? Oder spekulieren die Eigentümer bloß auf Stadterneuerung, Abriss und eine neue Wohnung im neuen Hochhaus? Diesen Aspekt von Taiwans Immobilienmarkt verstehe ich noch nicht wirklich.

Unordentliche Städte, oder Taiwans Kultur?

„Pride of ownership“ heißt es auf Englisch, wenn Immobilienbesitzer ihr Eigentum besonders pfleglich behandeln und schön herausputzen. Auch Taiwaner sind gern stolz auf ihr Land, doch das Erscheinungsbild ihrer Städte scheint dem im Wege zu stehen. Ein japanisches Zeitschriftencover entfachte neulich eine Diskussion. Einen Bericht über Taiwan illustrierte das Magazin „Brutus“ mit einem großen Foto einer Straße in Tainan, die für ihre Restaurants und Essensstände bekannt ist. Dieses Bild hätte so ähnlich aus jeder Stadt in Taiwan stammen können: Verbaute Fassaden, der Straßenrand mit Motorrollern zugestellt, viel Durcheinander. Völlig normal also, und jeder, der eine längere Zeit in Taiwan lebt, gewöhnt sich an so einen Anblick. Dass aber nun so ein realistisches Foto verwendet wurde, um im Ausland das „typische Taiwan“ zu illustrieren, gefiel wohl einigen nicht. Manchmal werden Probleme in Taiwan ja erst dann ernsthaft besprochen, wenn man meint, ein „Gesichtsverlust“ im Ausland sei eingetreten.

Tainans Bürgermeister William Lai jedenfalls fand es gut, dass die Zeitschrift bei der Bildauswahl „Taiwans Kultur respektiert“ habe. Und ich kann das nachvollziehen. Tatsächlich hat für mich, und wohl auch für andere Europäer die sich auf Taiwan einlassen, das bunte, manchmal wilde Neben- und Durcheinander in den Städten einen großen Charme. Es ist einfach interessanter und abwechslungsreicher, in Taiwan durch die Straßen und Gassen einer Stadt zu streifen, als in Deutschland. Das liegt zum Beispiel an den vielen kleinen und völlig unterschiedlichen Geschäften, die hier Wand an Wand liegen. Handwerker, inhabergeführte Läden, Restaurants, Werkstätten, dazwischen und darüber Wohnungen – vieles, was in Taiwan selbstverständlich ist, wurde in Europas Innenstädten erst vor einiger Zeit wieder als erhaltenswert erkannt. Viertel, die diese Qualität noch haben, sind nun die beliebtesten.

Ich finde: Wenn es in Taiwan darum geht, Städte zu erneuern oder „aufzuräumen“, sollte diese gewachsene Durchmischung auf keinen Fall zerstört werden. Wenn in einem Innenstadtviertel ein neuer Apartment-Wolkenkratzer entsteht, der sich von der Umgebung mit Mauern, Pförtnerloge und dunklen Scheiben abschottet, kann er noch so hochklassig aussehen – es stirbt ein Stück Lebensqualität. Eine Verwaltung sollte es dort zur Bedingung für eine Baugenehmigung machen, dass in jedem neu gebauten Erdgeschoss wieder kleine Ladenlokale sind, die zu vernünftigen Preisen vermietet werden.

Wo sind Vorzeige-Gegenden?

Natürlich gibt es auch Beispiele, wo vieles gut läuft. In Tainan fällt mir das Viertel östlich vom Konfuzius-Tempel ein, in Taipeh die Gegend rund um die Dihua Street. Historische Gebäude erhalten, Nachkriegsbauten aufhübschen, neue Gebäude mit Bedacht einpassen – ich glaube, das kann ein Erfolgsrezept sein. Zunächst gezielt in bestimmten Quartieren angewendet, kann es sich nach und nach verbreiten. Die Besitzer müssen es nur wollen, und die Stadtverwaltung muss konsequente Regeln setzen, Initiative fördern und Verstöße sanktionieren.

Übrigens empfinde ich persönlich weder Wellblechdächer noch Neonschilder als großes Problem. Die einen sieht man von unten sowieso nicht, die anderen verleihen den Straßen in der Tat etwas „typisch Taiwanisches“, wenn es nicht gerade ein Altstadtviertel wie die Dihua Street ist. Viel störender und unästhetischer finde ich das Gewirr von Stromkabeln, das kreuz und quer über so viele Fassaden gezogen ist und wirklich jedes Haus verschandeln kann. Hier anzusetzen und dafür zu sorgen, dass am eigenen Haus alle Kabel ordentlich verlegt sind, das wäre vielleicht eine Idee, um mit der Stadtverschönerung loszulegen.

Wer muss den Anstoß geben?

Einiges lässt sich von oben verordnen, aber nicht alles. Flächendeckend wird sich das Bild der Städte in Taiwan nur ändern, wenn immer mehr Bewohner selbst erkennen: Es ist nicht nur möglich, in einer schöneren Umgebung zu leben – es lohnt sich vor allem. Nur menschenfreundliche Bauten verdienten das Etikett „Kultur“, schrieb der Literaturprofessor Hsu Yu-fang (許又方)in einem Kommentar. „Eine schmutzige, chaotische Umgebung respektiert die Menschen nicht.“ Taiwan müsse lebenswerte Bedingungen schaffen, damit Kultur und Leben sich gegenseitig ergänzen. Ansonsten werde es „nie eine fortschrittliche Nation“ werden.

So drastisch würde ich das nicht ausdrücken. Ich finde Taiwan ziemlich fortschrittlich und sehe in der Gesellschaft viele ermutigende Entwicklungen. Zunehmender Stolz aufs eigene Land und ein Bewusstseinswandel in Sachen Lebensqualität können sich gegenseitig verstärken. Die Taiwaner haben schon so viel geschafft. Sie könnten sicherlich auch ihre Städte aufräumen und dabei bewahren, was sie besonders macht. Sie müssen es nur wollen. Nicht wegen des Eindrucks bei Besuchern aus dem Ausland, sondern für sich selbst.