Eindrücke von meinem Besuch in Deutschland zur „Darstellenden Kunst im digitalen Zeitalter“
Ein neuer Blick auf die zeitgenössische Kunst

Eröffnung des Kultursymposiums Weimar
© Tora Hsu

Heutzutage wird Technologie nicht mehr als etwas angesehen, das Kälte symbolisiert und die Grenzen der darstellenden Kunst verwischen sich mehr und mehr. Die Neuen Medien sind auch nicht mehr ganz so „neu“ und Künstliche Intelligenz, Big Data und Algorithmen dringen aus den Bereichen der Technologie und Wirtschaft in die Welt der Kunst vor, wo sie zu Themen oder gar Werkzeugen von Künstlern werden. Die Verbindung von darstellender Kunst und digitaler Technologie ist in der heutigen Zeit schon Mainstream geworden. In dem sich immer schneller drehenden digitalen Zeitalter stellt sich die Frage, worauf wir uns als Kreative oder als Betrachter eigentlich fokussieren?

Ich hatte das Glück, vom Goethe-Institut Taipei als Teilnehmer der Besuchergruppe „Performing Arts in the Digital Age“ eingeladen zu werden, wo ich die Gelegenheit hatte, gemeinsam mit mehr als zehn ostasiatischen Künstlern, Kuratoren und Produzenten aus Korea, China, Hongkong und Japan bei dem von den Münchner Kammerspielen ausgerichteten Festival „Politik der Algorithmen – Kunst, Leben, Künstliche Intelligenz“ und dem von der Zentrale des Goethe-Instituts 2019 veranstalteten „Kultursymposium Weimar“ durch eine Vielzahl von Aufführungen, Vorträgen, Diskussionsveranstaltungen und im direkten Meinungsaustausch mehr darüber zu erfahren, wie man in zeitgenössischen deutschen Theaterkreisen und der Kulturwelt im Allgemeinen über die Verbindung von digitaler Technologie und künstlerischem Schaffen nachdenkt.

Kultursymposium Weimar
© Tora Hsu
Der Kurator der Münchner Kammerspiele, Christoph Gurk, organisierte das Festival „Politik der Algorithmen – Kunst, Leben, Künstliche Intelligenz“, das aus einer ganzen Reihe von künstlerischen Ansätzen wie Dramen, Musik, Installationen, Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen bestand. Wie schon die Bezeichnung andeutet, war dies ein Kulturfestival, das den Schwerpunkt auf die „Politik der Algorithmen“ legte. Im Gespräch mit Christoph Gurk erzählte er, dass er die Anregung für dieses Festival bekam, als er sich die HBO-Science-Fiction-Serie „Westworld“ anschaute, wodurch ihm bewusst wurde, dass die Entwicklung künstlicher Intelligenz und von Robotern in der nicht allzu fernen Zukunft mit Sicherheit einen großen Einfluss auf das Leben der Menschheit haben werde. Die digitalen Daten, die wir mit bloßem Auge nicht erkennen können, finden jetzt schon in hohem Maße und in jedem Augenblick Eingang in unsere Gesellschaft. Wenn die Voraussetzung für das herkömmliche Theater - das gemeinsame Erleben im Theater von Publikum und Schauspielern - nicht mehr ehernes Gesetz ist, oder wenn wir gar auf der Bühne keine menschlichen Akteure mehr sehen, wie soll man dann das „Darstellende“ und die „Kunst“ voneinander abgrenzen?

Von dem sechstägigen Festival nahmen wir an den letzten drei Tagen teil, wir erlebten Werke, bei denen die Schauspieler beziehungsweise die Erzählung durch technische Mittel ersetzt wurden. Bei Gurks kuratorischer Aussage dreht es sich genau um den Kern der Fragen, die wir bei diesem Festival angeregt diskutiert haben: wenn das Digitale und die künstliche Intelligenz die Populärkultur und die Massenmedien schon grundlegend verändert haben, kann dann das Theater noch an seinen althergebrachten Werten festhalten?

"Uncanny Valley"
© Tora Hsu
Stefan Kaegi, Mitglied der Theatergruppe „Rimini Protokoll“, hat gemeinsam mit dem Dramatiker Thomas Melle das Theaterstück Unheimliches Tal (Uncanny Valley) produziert, das in einer Vortragsperformance der Frage der Instabilität der Menschheit nachgeht. Wer dann allerdings auf der Bühne freimütig zum Publikum spricht, ist ein ganz dem Äußeren des Autors nachgebildeter Roboter. Die koreanische Künstlerin und Regisseurin Jisun Kim hat in ihrem Stück „Deep Present“ vier aus Daten verschiedener Art erschaffene Chatbots kreiert, die in ihrem Kulturschaffende verkörpernden „Auftritt“ die Frage erörtern, wie menschliches Wissen „outgesourced“ wird. Diese beiden Werke, die auf der Bühne ohne Schauspieler aus Fleisch und Blut auskommen, gehen von einem klaren und stark argumentativen Kreativkonzept aus, das die Zuschauer in einer ganz anderen Weise berührt, als dies bei einem auf einem erzählenden Handlungsstrang aufbauenden herkömmlichen Theaterstück der Fall wäre. Sie erhalten dafür Anregungen zur Reflexion, so als ob sie an einer akademischen Vortragsveranstaltung teilnähmen.

In dem Stück „Algorithmen“ des Berliner Theater- und Performancekollektivs „Turbo Pascal“ werden durch die von den Aufführenden auf der Bühne ausgegebenen Befehle die vom Publikum zur Verfügung gestellten Daten dazu gebracht, im Rahmen der von den Künstlern gestalteten Performance und scheinbar durch algorithmische Berechnung Bühnenszenarien und dramatische Emotionen zu erzeugen. Durch die absichtlich gewählte Low-Tech-Gestaltung und eine sehr geschickte Form der Ironie wird die Bedeutung der „Menschheit“ im Rahmen dieses großen Themas der Digitalisierung verdeutlicht. Das immersive Stück „Boys Space“ der erst 2015 gegründeten jungen Theatergruppe „THE AGENCY“ ist noch das auf unserer Reise erlebte „konventionellste“ Werk. Auch wenn man merkte, dass die Künstler versuchten, durch die Verbindung einer Handy-App mit einer virtuellen Erzählung das Publikum dazu zu bringen, sich in eine Performance einzubringen, die einem Online-Spiel nachempfunden war, war es aufgrund der wenig stringenten Struktur und des ideologisch aufgeladenen Themas für die Zuschauer schwierig, in ein interaktives Erleben einzutauchen.

Die interaktive Installations-Performance „Pillow Talk“ der Choreographin Begüm Erciyas hat mir von allen Werken auf diesem Festival am besten gefallen. Erciyas hatte einen riesigen Lagerraum im Keller der Münchner Kammerspiele freigeräumt und den gesamten Boden mit weichem, aber unebenem und wogendem schwarzem Schaumstoff ausgelegt. In diesem Raum gibt es viele Kissen, die man umklammern oder auf die man sich hinlegen kann. Die Zuschauerinnen und Zuschauer konnten gruppenweise diesen Raum betreten und sich ein Kissen suchen, um mit diesem ein intimes „Gespräch“ zu führen. Auch hier handelt es sich um eine technische Anwendung von Chatbot und Algorithmen. „Pillow Talk“ erlaubt es den erlebenden Zuschauerinnen und Zuschauern auf einfache und unverfälschte Weise, aber in einer Art, die ein Gefühl von Sicherheit vermittelt, in die Erzählung einzutreten, so als ob man in die eigene Kindheit zurückversetzt wird, in der man sich im eigenen Bett mit einer Puppe oder in der Phantasie vorgestellten Freunden unterhält. Dieses aufwühlende und intime „Pillow Talk“ brachte uns als Abschluss des Festivals nach drei Tagen intensiver Auseinandersetzung mit vielerlei digitalen Performances noch mehr dazu, über das Hauptthema dieses Festivals zu reflektieren.

Besuchergruppe des Kultursymposiums Weimar
© Tora Hsu
Außer dem Besuch der Aufführungen hatte das Goethe-Institut für unsere Besuchergruppe die Gelegenheit arrangiert, dass wir uns nach jeder Aufführung mit den Autorinnen und Autoren dieser Werke im Gespräch austauschen konnten, um ein noch besseres Verständnis für ihre ursprüngliche Idee zu ihrem Werk und für ihren kreativen Prozess zu bekommen. Da die Künstler aus unserer Gruppe aus ganz verschiedenen Hintergründen stammten, erweiterte sich die Bandbreite dieses Dialogs thematisch vom reinen kreativen Schaffen hin zu anderen Bereichen wie der Produktion, den beteiligten Branchen, kulturellen Unterschieden und der internationalen Lage. Bei einem Kunstfestival, das so sehr auf das Digitale fokussiert war, war dieser Austausch auf konventionelle „analoge“ Art für uns umso wertvoller.

Kultursymposium Weimar
© Tora Hsu
Ein weiterer Schwerpunkt unserer Reise war das in Weimar stattfindende zweite internationale Kultursymposium. Der Titel des diesmaligen Symposiums war „Die Route wird neu berechnet“ mit über 70 Vortragenden aus vielen verschiedenen Bereichen und aus 35 Ländern. Dazu gehörten Künstler, Politiker, Journalisten und Unternehmer, die in Vorträgen, Diskussionsveranstaltungen, Bühnen- und Filmaufführungen darüber diskutierten, wie sich in einer Zeit schneller technologischer Veränderung auch Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur grundlegend verändern und wie dies unsere Zukunft beeinflusst, aber auch neue Möglichkeiten eröffnet.

Dieser dreitägige Diskussionsmarathon fand in dieser entspannten, durch Goethe und das Bauhaus berühmten Stadt der Kultur statt. Die Veranstaltungen waren auf mehrere Standorte verteilt, was der Informationsflut in der heutigen Zeit gut entspricht. Leider war es uns da nicht möglich, so wie wir es online gewöhnt sind, gleichzeitig mehrere Browserfenster zu öffnen. Wir konnten nur unseren jeweiligen Interessen folgen und von einer Veranstaltung zur anderen gehen, wo über vielfältige Themen leidenschaftlich diskutiert wurde. Danach versammelten wir uns zu den Mahlzeiten in einem Gastronomiezelt und tauschten unsere gesammelten Eindrücke und offenen Fragen aus.

Zwar waren die Themen der Vortragsveranstaltungen jeweils unabhängig voneinander, doch drehten sich alle gleichermaßen um die Realität der zunehmenden Digitalisierung, mit der die Gesellschaften weltweit konfrontiert sind. Beispielsweise stellte die Wissenschaftlerin Katrin Nyman-Metcalf von der Estnischen Akademie für e-Government in der Podiumsdiskussion „Wenn Staaten Daten sammeln“ vor, wie in dem stark vernetzten Estland die Privatsphäre der Bürger durch Dezentralisierung und die Blockchain-Technologie geschützt werden, wobei die Daten nur einmal gesammelt werden und eine hohe Transparenz gewährleistet ist. Estland steht damit mit seinem e-Government-System weltweit an zweiter Stelle im Index der Netzsicherheit. Die indische Menschenrechtlerin Usha Ramanathan macht sich große Sorgen um die Krise der Menschenrechte in ihrem Land, das durch das von den indischen Behörden verwendete und auf biometrischen Daten basierende Identifizierungssystem „Aadhaar“ ausgelöst wurde. Dieses System verlangt von den Bürgerinnen und Bürgern, dass sie ihre persönlichen Daten darin hinterlegen. Nur so ist es ihnen dann möglich, beispielsweise ein Bankkonto zu eröffnen oder das Internet zu nutzen, ja sogar zu heiraten, und es gibt keinerlei Einschränkung durch rechtliche Regelungen, um die Privatsphäre und die Daten zu schützen. Der niederländische Wissenschaftler Rogier Creemers berichtete über das chinesische Sozialkredit-System, das in den letzten Jahren zu einer breiten und von Sorgen geprägten Diskussion geführt hat. Er erläuterte aus akademischer Sicht die möglichen Auswirkungen dieses Systems auf die chinesische Gesellschaft. Doch seine allzu sehr um Objektivität bemühte Sichtweise wurde vom anwesenden Publikum in Zweifel gezogen, das die Frage stellte, ob sein „Optimismus“ nicht die an China kritisierten Menschenrechtsprobleme ignoriere.

In der Podiumsdiskussion „Einprogrammierte Vorurteile. Algorithmen und Diskriminierung“ löste ein aus Ruanda stammender Zuschauer eine leidenschaftliche Diskussion, ja sogar eine explosive Debatte aus, da er die Zusammensetzung der drei Diskussionsteilnehmer auf dem Podium als „zu weiß“ brandmarkte, wodurch das Thema der Podiumsdiskussion ad absurdum geführt werde. Mit ernster Miene hielten die Diskutanten dagegen, dass „die Hautfarbe nicht das einzige über Identität entscheidende Kriterium“ sein könne. Die dann durch den Tumult auf dem Podium und im Publikum ausgelöste „erweiterte Diskussion“ wurde leidenschaftlich und heftig geführt und regte viele Menschen zum weiteren Nachdenken an.

Die Veranstalter hatten angesichts des von spekulativen Gedankenspielen geprägten Symposiums daran gedacht, in die Diskussions- und Vortragsreihen auch Performances und das Zeigen von Dokumentarfilmen einzubauen, um das Programm für die durch Rationalität, aber auch erregte Diskussionen erschöpften Gemüter abwechslungsreicher zu gestalten. Hierzu gehörte der Dokumentarfilm „The Cleaners“ des deutschen Regisseurs Hans Block. Er richtet die Kamera auf die „Content Moderators“, die über Hunderte von Millionen von Netizens bestimmen, die aber kaum jemand kennt. Der Film thematisiert das komplexe und schwer zu fassende Thema der Meinungsfreiheit und der Säuberung von Inhalten, wie das im Film angeführte Beispiel der Künstlerin Illma Gore, die ein Nacktbild des amerikanischen Präsidenten Trump zeichnete, das sich rasend schnell im Internet verbreitete, bis es von den Zensoren gelöscht wurde. Geht es hier nun um zu schützende politische Meinungsfreiheit oder werden hier gesetzliche Bestimmungen zum Umgang mit Nacktheit verletzt? Dies berührt wichtige Fragen, die von uns modernen Menschen große Wachsamkeit erfordern, da wir die sozialen Medien schon so stark internalisiert haben.

Diskussion und Rückmeldung
© Tora Hsu
Overloading. Wir verfügen nicht über künstliche Intelligenz. Ein Überangebot an Wissen, Diskussionen und spekulativem Denken haben auf uns den Effekt wie eine Überladung mit Daten und wir können schließlich dadurch abstürzen wie ein Computer. Ab einem bestimmten Zeitpunkt konzentrierten wir uns daher allmählich wieder auf den ganz normalen zwischenmenschlichen Austausch, wir aßen und tranken zusammen, gingen spazieren, unterhielten uns zwanglos, gingen sogar in einer Anwandlung von Abenteuerlust auf Nachtwanderungen in den Wald. Wir fanden also zurück zu dem in keiner Weise digitalisierten Zustand und die „Offline“-Kommunikation eröffnete uns mehr Möglichkeiten, unser Gegenüber zu verstehen - über unsere jeweiligen Facebook-Konten hinaus.

Ausstausch mit Künstler*innen beim Festival
© Tora Hsu
Die drei Tage des Kunstfestivals und die drei Tage des Kultursymposiums und die intensiven und inhaltsreichen Kontakte während der gesamten Reise erfordern noch viel mehr Zeit, um alles langsam zu verdauen. Ich kann in einem Artikel kaum alle Themen umfassend beschreiben, doch eines ist mir ganz klar geworden: während sich die Diskussion in Taiwan über die Verbindung von darstellender Kunst und digitaler Technik immer noch auf deren oberflächliche Verwendung für eindrucksvolle visuelle Effekte beschränkt, nimmt die deutsche Theaterszene Technologie schon lange nicht mehr nur als Werkzeug für ihr kreatives Schaffen wahr. Sie schürft dagegen tiefer und geht mit den Mitteln der Sozialwissenschaften der Frage nach, inwieweit das Verhältnis der Realität der Digitalisierung zur darstellenden Kunst ein bestimmtes Bild der heutigen Gesellschaft widerspiegelt. Davon ausgehend formuliert sie eine Reihe von Fragen, die sich an das Publikum und die darstellende Kunst richten: welcher Art ist die Beziehung zwischen der Realität und dem Virtuellen im Theater? Welche Möglichkeiten gibt es, dass Roboter und Menschen gemeinsam auf der Bühne auftreten? Können Schauspielerinnen und Schauspieler durch Technik ersetzt werden? Wie beeinflussen künstliche Intelligenz und Algorithmen unsere Vorstellungen von menschlicher Körperlichkeit und menschlichem Bewusstsein?Worin besteht eigentlich der Wert des zeitgenössischen Theaters?

All dies sind große Fragen, die nicht auf die Schnelle beantwortet werden können. Gleichzeitig sind sie Ausgangspunkte für das Schaffen zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler.

Für mich persönlich gilt dabei, dass ich Theater und Technik nie getrennt voneinander betrachtet habe. Angefangen von den Urmenschen, die in ihren Höhlen um die Feuerstelle herumsaßen und sich Geschichten erzählten und Legenden überlieferten, wo der Widerschein des Feuers die menschlichen Schatten an den Höhlenwänden in Bewegung setzte, bis hin zur der heutigen Zeit, in der Roboter in der Rolle von Kreativen oder Akteuren auf der Bühne erscheinen, spiegeln sie jeweils die Realität der Menschen ihrer Epoche wider.
 
Die Realität - das ist es, worauf wir uns eigentlich konzentrieren müssen.

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