Reflektionen zum 24. Februar 2022
Frauenstimmen für die Ukraine

Female Voices for Ukraine Teaser ©Goethe-Institut Hongkong

6 Schriftstellerinnen aus Hongkong und Taiwan. 6 weibliche Stimmen für die Ukraine. Was machten sie an dem Tag, dem 24. Februar? Was sind ihre Reflexionen dazu?

6 Autorinnen ©Goethe-Institut

Taiwan - YuChin CHEN


Deutsche Übersetzung:
Der Schnee schmilzt,
die Bäume schlagen aus,
die lange Nacht des Krieges will einfach nicht enden,
sie verbleibt in der Erinnerung von Generation zu Generation.


 

Taiwan - Charng-Ting CHIOU


„Ich bin mir sicher, dass der Schmetterling eines Tages nach Hause fliegen wird, dass die Kugeln in den pechschwarzen Gewehrlauf zurückkehren und in einen tiefen Traum fallen werden.
Am Ende werden das Licht und die Gerechtigkeit den Menschen ihre Hoffnung zurückgeben.“




 

Taiwan - Zi-Fan SHIEH


Eisiger Wind zieht unheilvoll vorbei,
die ganze Welt leidet unter dem Schmerz,
leuchtende Strahlen werden entflammt –
sie bringen die Gewehrläufe zum schmelzen,
die Sonnenblumen – sie erblühen




 

Taiwan - Jade Yu-hui CHEN


Während der Jahrhundertpandemie wütet, halte ich mich gerade in Berlin auf. Zum ersten Mal fühle ich den Krieg so nah, den Frieden so fern. Als jemand, die die russische Literatur und darstellende Kunst über alles liebt, ist mir dieser Putinsche Krieg absolut unerträglich und unverständlich. Gibt es innerhalb von Russlands Grenzen denn nichts Besseres zu tun? Etwas dafür zu tun, dass es dem Volk besser geht? Wieso muss man unbedingt einen Krieg vom Zaune brechen? Ich hoffe, dass Putin bald abtritt und in Europa wieder Frieden herrscht.





 

Hongkong - Hon Lai Chu


Der Wahnsinnige entschied sich, einen Handel anzuregen.

 „Da ihr nun einmal in Frieden und Sicherheit leben wollt,“ der Wahnsinnige im Anzug setzte seinen Fuß auf ihren Boden:
 
„Erlaubt mir in eure Häuser einzutreten, auf dass ich eure Kinder röste und zu euren Seelen werde. Gestattet mir, mich mit eurer Haut und mit eurem Fleisch zu kleiden, auf dass ich alle eure Nerven durchströmen möge.“

Diejenigen, die sich weigerten, sich selbst zu verkaufen,

durchmaßen ihre zu Trümmerhaufen gewordenen Häuser, kleine Kinder mit zerschmettertem Nacken umklammernd, entledigten sich ihrer fleischlichen Leiber und warfen ihre Seelen ins läuternde Feuer. Durch den Gang in die lodernden Tiefen der Hölle erlangten sie den unsterblichen Glanz ihrer Seelen zurück. Mit frisch erkalteten Handflächen und neu angeordneten Handlinien bemächtigen sie sich nun ihres Schicksals.

Jedermann weiß,

Ein Wahnsinniger ist ein Wahnsinniger.

Schon vor langer Zeit in die Welt des Wahnsinns hinabgestiegen,

ist es seine Aufgabe, Normalität zu definieren, indem er sie verwirft und eine Neue erschafft.

Um sich des Wahnsinns zu erwehren,

muss am Ende jeder einen Handel eingehen;

Eine angemessene Dosis Wahnsinn  

im Tausch gegen ein kleines bisschen Alltag.

Nur mit Wahnsinn lässt sich Wahnsinn begreifen, lässt sich Wahnsinn in Schach halten, lässt er sich mindern, kann man sich in ihn einfühlen. Nur mit Wahnsinn lässt sich Wahnsinn überwinden.

Inmitten des im Brande geschlossenen Handels

feiern Menschen den Tod anderer: 

Der Feind ist größer als der Mensch.

„Wo ist Gott?“

Der, der das göttliche Licht nicht mehr in sich trägt, erkennt nicht,

dass er sich Gott auf den Rücken geschnallt hat.

Immer wenn er mit Sprengstoff um sich wirft,

schleudert er auch ein kleines bisschen Göttliches hinweg.


Aus dem Chinesischen übersetzt von Joern Peter Grundmann

 

Hongkong - Tang Siu Wa


24. Februar, ich verbringe die mitternächtlichen Stunden meines Geburtstags im Feuer des Krieges. Die Schüsse und die Einschläge der Granaten verursachen eine Schockwelle nach anderen auf meiner Haut. Es ist kaum zu glauben, wie nahe an der Invasion wir uns tatsächlich befinden. Die urtümliche Fragilität des Lebens, abgesetzt gegen den Schein des Feuers, lediglich über den Bildschirm unserer Mobiltelefone werden wir ihrer Zeuge. Uralt und doch immer neu, bringt sie das scheinheilige Gewand unserer zivilisierten Welt zum Zerreißen——unser nacktes Herz projiziert sich in die Weiten der Ukraine.

Aus dem Chinesischen übersetzt von Joern Peter Grundmann

 

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