Interview mit der Leiterin des Berliner Theatertreffens Yvonne Büdenhölzer
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Haus der Berliner Festspiele
Außenansicht | Foto (Zuschnitt): Berliner Festspiele © Mathias Völzke

Fragen an Yvonne Büdenhölzer: Von Yi-Wei Keng (Dramaturg am National Kaohsiung Center for the Arts - Weiwuying)

Können Sie uns etwas darüber erzählen, wie Sie Leiterin des Theatertreffens geworden sind?

Ich war Regieassistentin, Dramaturgin und Kuratorin des Festivals NEW PLAYS FOR EUROPE sowie künstlerische Leiterin des Stückemarkts beim Theatertreffen. Als Thomas Oberender Intendant der Berliner Festspiele wurde, bat er mich, die Leitung des Theatertreffens zu übernehmen und ich sagte sofort zu!

Was sind der Ursprung und die Funktion des Theatertreffens?
 
Das erste Theatertreffen fand im Oktober 1964 statt und die grundlegende Struktur war damals dieselbe wie heute: Eine Jury von Theaterkritiker*innen wählte zehn herausragende Produktionen aus, die in Berlin zur Aufführung kamen. In der Gründungserklärung der Berliner Festspiele steht über das Theatertreffen: „[Es] soll der Versuch gemacht werden, durch eine Auswahl von Schauspielinszenierungen aus der Bundesrepublik Deutschland, aus Österreich und der Schweiz nicht nur ein Bild vom Stand des deutschsprachigen Theaters zu geben, sondern auch die wegen der Isolierung der einzelnen Theaterstädte so notwendige Möglichkeit des Vergleichs zu schaffen.“

Seitdem hat sich das Theatertreffen zu einem Schaufenster des deutschsprachigen Theaters für die Welt entwickelt und lädt Zuschauer*innen, Theatermacher*innen und Fachpublikum aus aller Welt nach Berlin ein, bemerkenswerte neue Inszenierungen zu sehen und bietet die Gelegenheit, in einen kritischen Dialog über das Theater und die uns bestimmenden gesellschaftlichen Diskurse zu treten.

Haus der Berliner Festspiele Zuschauerraum | Foto (Zuschnitt): Berliner Festspiele © Burkhard Peter Die 7 Theaterkritiker*innen besuchten letztes Jahr 432 Produktionen in 56 Städten im deutschsprachigen Raum. Wie war das möglich? Können Sie uns die Funktionsweise der Jury erklären?
 
Die sieben Kritiker*innen reisen, um so viele neue Theaterproduktionen wie möglich zu sehen und diskutieren dann mit ihren Kolleg*innen darüber, was sie gesehen haben. Die Jurymitglieder entscheiden in einer abschließenden Jurydiskussion demokratisch und auf der Grundlage der Verfahrensregeln (die auch auf unserer Website öffentlich zugänglich sind), welche dieser Produktionen sie am herausragendsten finden und zum Theatertreffen einladen wollen.

Das Theatertreffen zeigt 10 bemerkenswerte Produktionen, doch es gibt keine Kategorien wie beste/r Regisseur*in, beste/r Schauspieler*in etc. Welcher Gedanke steht dahinter?
 
Da wir das Theaterschaffen als einen kollektiven Prozess verstehen und alle auszeichnen wollen, die an der Produktion eines Theaterstücks beteiligt sind, wollen wir nicht einzelne Künstler*innen wie z.B. Regisseur*innen oder Bühnenbildner*innen besonders hervorheben. Doch ehrt die Alfred-Kerr-Stiftung jährlich eine*n Schauspieler*in aus einer der 10 eingeladenen Aufführungen mit dem Alfred-Kerr-Preis für Nachwuchsschauspieler*innen. Und unser Medienpartner 3sat vergibt den 3sat-Preis zum Theatertreffen an eine*n Künstler*in aus der Zehner-Auswahl.

"Chinchilla Arschloch, waswas" "Chinchilla Arschloch, waswas", Barbara Morgenstern, Christian Hempel, Benjamin Jürgens | Foto (Zuschnitt): Rimini Protokoll © Robert Schittko Können Sie uns etwas über die Rolle vom Stückemarkt und dem Internationalen Forum beim Theatertreffen erzählen?
 
Die zehn Aufführungen, die wir beim Theatertreffen zeigen, konzentrieren sich auf den deutschsprachigen Raum. Der Stückemarkt und das Internationale Forum erweitern das Festival dagegen um sehr willkommene internationale Perspektiven. Der Stückemarkt sucht nach neuen Formen der Autor*innenschaft und innovativen Theatersprachen und hat seit 2019 diese Suche international erweitert nach neuen künstlerischen Stimmen in der ganzen Welt. Das Internationale Forum ist eine Plattform für weltweite Zusammenarbeit, eine Initialzündung für künstlerische Allianzen, Aktionen und die Suche nach einer ästhetischen Bewegung, die junge Künstler*innen aller Kontinente nach Berlin bringt.

Ich erinnere mich, dass ich bei meinem Besuch beim Theatertreffen 2014 einen Amerikaner traf, der keinerlei Erfahrung im Theaterbereich hatte, aber Regie lernen wollte. Er sagte mir, jemand habe ihm vorgeschlagen, das Theatertreffen zu besuchen, da er dort das weltweit beste Theater zu sehen bekomme. Was bedeutet das Theatertreffen Ihrer Meinung nach für das zeitgenössische weltweite Theater?
 
Das Theatertreffen ist mit seinem kuratorischen Prinzip einer Kritiker*innen-Jury einzigartig. Mit den zehn ausgewählten Aufführungen, sowie den Stücken und Aufführungen, die zum Stückemarkt eingeladen werden, präsentieren wir jedes Jahr im Mai den State of the Art des zeitgenössischen deutschsprachigen und internationalen Theaters. Das Theatertreffen wird damit zu einem Epizentrum des Vergleichs, der Diskussion, Kommunikation und Orientierung, nicht nur für das hiesige, sondern auch für ein internationales Publikum.

"The Vacuum Cleaner" "The Vacuum Cleaner", Damian Rebgetz, Thomas Hauser, Annette Paulmann, Walter Hess, Julia Windischbauer | Foto (Zuschnitt): Münchner Kammerspiele © Julian Baumann Das taiwanesische Publikum muss sicher eine besondere Nähe zu den 10 Produktionen des Theatertreffens 2020 fühlen. Als künstlerischer Leiter des Taipei Arts Festivals hat Yi-Wei Keng schon mal Johan Simons eingeladen, einen Vortrag zu halten sowie Rimini Protokoll und Toshiki Okada dazu, Theatervorstellungen zu zeigen. Das Nationaltheater hatte Katie Mitchell eingeladen. Da das Theatertreffen virtuell stattfand, war es möglich, mit den Produktionen ein noch größeres Publikum zu erreichen. Welche Trends sehen Sie nun beim Theatertreffen 2020?

Indem wir das erste virtuelle Theatertreffen organisierten, konnten wir ein viel größeres Publikum erreichen und konnten beispielsweise die Gelegenheit bieten, eine Auswahl an Aufführungen einem Publikum zugänglich zu machen, dem es nicht möglich war, das Theatertreffen persönlich zu besuchen. Das ist eine Entwicklung, die wir ganz klar willkommen heißen. Ein Trend, der hoffentlich in Zukunft viel mehr Aufmerksamkeit erfahren wird und den wir auch mit unserem Begleitprogramm TT Kontext analysiert haben, ist natürlich die Notwendigkeit für die Theater, sich auf die Digitalsphäre einzulassen. 

Sie haben eine 50%-Frauenquote bei den Regisseuren des Theatertreffens vorgeschlagen. Wir sehen, dass 2020 sechs Produktionen von Regisseurinnen stammen. Beim virtuellen Theatertreffen gibt es sogar von sechs online präsentierten Produktionen vier von Regisseurinnen. Können Sie uns erzählen, wie Sie dazu kamen, diese Entscheidung zu treffen und wie Sie über die Inspiration und den Einfluss dieser weiblichen Produktionen auf das deutsche Theater denken?
 
Die deutsche Theaterwelt wird immer noch sehr von patriarchalischen Strukturen dominiert und das ist etwas, das wir unbedingt ändern müssen. Allgemein gesagt, gibt es beispielsweise weniger Gelegenheiten für Frauen, um auf den wichtigsten Bühnen als Regisseurinnen zu arbeiten und weibliche Theaterschaffende erhalten weniger Aufmerksamkeit in den Medien. Sie bekommen oft geringere Budgets für ihre Produktionen, werden schlechter bezahlt und müssen sich mit der zweiten Reihe begnügen etc. Hinzu kommt, dass der erste Schritt in die Professionalität Frauen viel schwerer gemacht wird. Wir wollten diesen unhaltbaren Zustand nicht länger nur darstellen, sondern stattdessen einen aktiven Beitrag zur Verbesserung dieser Situation leisten und für Geschlechtergerechtigkeit in den Künsten kämpfen. Daher trafen wir die Entscheidung, eine Quote von mindestens 50% Regisseurinnen/weibliche Kollektive einzuführen, was - im Gegensatz zu dem, wie es zuweilen gesehen wird - weibliche Theaterschaffende endlich in die Stellung bringt, die sie schon lange hätten einnehmen sollen.

"Anatomie eines Suizids" "Anatomie eines Suizids", Julia Wieninger, Gala Othero Winter, Sandra Gerling. In the background: Christoph Jöde, Paul Herwig, Tilman Strauß | Foto (Zuschnitt): Deutsches SchauSpielHaus Hamburg © Stephen Cummiskey Welchen Rat würden Sie jungen Theaterschaffenden geben?
 
Arbeitet zusammen und denkt über eure Blase hinaus!
 
Was halten Sie für die drei wichtigsten Eigenschaften einer künstlerischen Leiterin?

Neugier, Offenheit und die Bereitschaft, kooperativ zu denken! 

"Hamlet" "Hamlet", Sandra Hüller, Mercy Dorcas Otieno | Foto (Zuschnitt): Schauspielhaus Bochum © JU Bochum Welchen Herausforderungen muss sich das Theater in der Nach-COVID-Zeit stellen? Wo liegen die Chancen?

Die Zukunft unserer Theaterlandschaft ist derzeit sehr davon abhängig, was die Kulturpolitik entscheidet, um die Künste finanziell zu unterstützen. Trotz der schwierigen Zeit, in der wir uns befinden, sind die staatlich, städtisch und kommunal finanzierten Theater immer noch viel besser dran als die freien und privaten Theater, unabhängigen Ensembles und Solokünstler*innen. Es ist entscheidend, dass die Finanzierung auch auf solche Einrichtungen und Künstler*innen ausgeweitet wird, damit sie diese Krise überleben können. Anderenfalls wird unsere Theaterlandschaft in einem Jahr deutlich anders aussehen und ich befürchte, dass das einen unumkehrbaren Wandel nicht zum Besseren mit sich bringen würde.

Andererseits nehmen wir auch wahr, wie die Solidarität zwischen den Künstler*innen und den Kultureinrichtungen wächst und dass die derzeitige Situation auch die Chance bietet, die Pause-Taste zu drücken, um unsere eigenen Positionen und das System, in dessen Rahmen wir alle arbeiten, zu überdenken.

Wer sind die künstlerischen Leiter*innen, die Sie am meisten inspiriert haben?
 
Frie Leysen. Sie gründete das internationale Festival Foreign Affairs bei den Berliner Festspielen. Für mich ist sie die Grande Dame der internationalen Festivallandschaft - unangepasst, jemand, die eine Bereitschaft zum Zuhören mitbringt und aus Sicht der Künstler*innen denkt.

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