Südosteuropäische Ansichten Was übrig bleibt

Die Gedenkstätte für die Bulgarische Kommunistische Partei auf dem Berg Chadschi Dimitar
Die Gedenkstätte für die Bulgarische Kommunistische Partei auf dem Berg Chadschi Dimitar | Foto: Nikola Mihov

Wohl keine andere europäische Region hat nach dem Zweiten Weltkrieg so viel Gewalt erlebt wie Südosteuropa. Welche Spuren hat das hinterlassen? In Fotos, Filmen und Installationen nähern sich nun Künstler der Geschichte und Erinnerungskultur ihrer Länder an. Von Carina Braun

Gesichter, die aus alten Fotos radiert wurden, leerstehende Fabriken, in denen die Spuren früherer Produktivität verfallen, monumentale Bauten, die verloren in der Landschaft stehen: Es sind Zeugen einer wechselhaften Geschichte, die die Ausstellung Eingeschriebene Erinnerung im Museum für Photographie Braunschweig zeigt. 23 Künstler aus elf südosteuropäischen Staaten haben die Vergangenheit ihrer Heimat in Bilder gefasst. Herausgekommen sind Rückblenden und Momentaufnahmen einer Region, die mit „Südosteuropa“ zwar eine neutrale geografische Bezeichnung gefunden hat, deren anderer Name jedoch noch immer ambivalente Assoziationen weckt: der Balkan.

Wer von „balkanischen Zuständen“ spricht, meint oft mafiöse Strukturen, Blutrache, Chaos. Der Ausdruck „Balkanisierung“ stammt noch aus osmanischen Zeiten und wird ganz selbstverständlich dann gebraucht, wenn ein Vielvölkerstaat in seine Einzelteile zerfällt oder in das, was manche dafür halten. Hier am Rande Europas nahm der Erste Weltkrieg seinen Anfang, später blieb es unter dem Deckmantel eines vereinigten Jugoslawien weitgehend ruhig – bis mit dem Kommunismus auch die staatliche Ordnung zusammenbrach, alte Grenzen ans Licht gezerrt und ethnisch aufgeladen wurden.

Der Balkan wurde zum Schauplatz der brutalsten Konflikte im Europa der Nachkriegszeit. Etwa 25.000 Menschen starben im Kampf um einen kroatischen Staat; mehr als 100.000 Menschen kostete es das Leben, als Serben jahrelang auf ihre früheren Nachbarn im Talkessel von Sarajevo feuerten. Das 20. Jahrhundert in Südosteuropa endete, wie es begonnen hatte: mit Krieg, Vertreibung und Nationalismus.

Forget your past?

Eine solche Geschichte in Bildern zu erzählen, die keine Bilder der Gewalt sind, ist schwierig. Für Eingeschriebene Erinnerung nähern sich die Künstler mit ruhigen, unaufgeregten Fotos und Filmen der kollektiven und über Generationen „ererbten“ Erinnerung. „Forget your past“ – so fordert etwa ein Graffito, das den Eingang zur Gedenkstätte für die Kommunistische Partei in Bulgarien überspannt. Der Bulgare Nikola Nihov hat mit seiner Kamera das Schicksal alter kommunistischer Denkmäler festgehalten.

Andere Bilder zeigen Nebenschauplätze der Geschichte, die über die Jahre selbst zu inoffiziellen Mahnmälern geworden sind: die nationalistische Architektur Belgrads als Überbleibsel einer auf Sichtbarkeit ausgerichteten Herrschaftsideologie, die Straßen von Sarajevo im Jahr 1989, als die Unsicherheit kommender Jahre sich erst andeutete. Der Rumäne Ștefan Sava hat eine Gedichtrezitation im Schlachthof von Bukarest gefilmt, wo während des Zweiten Weltkriegs Juden zu Tode gefoltert und an Fleischerhaken aufgehängt wurden. Andere Künstler haben einen persönlichen Zugang gewählt und die Spuren der Vergangenheit in Fotoalben und den Schubladen antiker Kommoden gesucht: Alte Familienfotos und vergilbte Dokumente dokumentieren eine Geschichte jenseits von Daten und Fakten.

Eingeschriebene Erinnerung ist ein Nachfolgeprojekt von Wagnis der Erinnerung, für das prominente Autoren sich in Gedichten und Texten mit den Konflikten in Südosteuropa befasst haben. Wie damals Worte wurden nun Bilder gefunden, die Fragen aufwerfen nach dem richtigen Umgang mit der Vergangenheit. Erinnerung ist das, was irgendwann übrig bleibt von der Geschichte.