Das Gift

Ein Kind steht vor einem geschmückten Weihnachtsbaum neben einer Person in einem roten Kostüm mit weißem Bart und Mütze. © Boyan Montero

Ausstellung von Boyan Montero

19. Juni – 29. Juli 2025

Der Titel Das Gift spielt mit der doppelten Bedeutung des Wortes: Im heutigen Deutsch steht es für „Gift“, doch im Althochdeutschen bedeutete es ursprünglich „Geschenk“. Dieser Bedeutungswandel offenbart die sprachliche wie begriffliche Ambivalenz und macht den Begriff zum Ausgangspunkt eines faszinierenden Paradoxons. Im Zentrum der Ausstellung steht genau diese Mehrdeutigkeit des Schenkens.

Das Gift untersucht die Spannungen und Widersprüche, die im Akt des Schenkens liegen – zwischen Fürsorge und Kontrolle, Freiheit und Verpflichtung, Großzügigkeit und Überforderung. Ausgangspunkt ist das weit verbreitete Sprichwort „Das Leben ist ein Geschenk“, das Montero in seinen Arbeiten kritisch hinterfragt. Durch Collagen aus Familienfotos, Erinnerungsstücken, Kindheitsmythen und Märchen entfaltet sich ein vielschichtiges Bild: Geschenke erscheinen nicht nur als liebevolle Gaben, sondern nehmen mitunter groteske Formen an – als Bumerangs der Erinnerung oder als Umarmungen, die erdrücken, weil Geste und Last untrennbar ineinander übergehen.

Die eigens für die Räume des Goethe-Instituts konzipierten Installationen verbinden Zeichnung, Fotografie, Objekte und performative Elemente. Ergänzt wird die Ausstellung durch die Publikation Only the Sun Comes up for Free, in der Montero das Konzept des Geschenks in unterschiedlichen kulturellen und historischen Kontexten reflektiert – von archaischen Gesellschaften über christliche Traditionen bis hin zu Märchen, Kinderritualen und künstlerischen Ausdrucksformen.

Für Montero ist Kunst ein provokanter Spiegel der Welt – eine Schwelle, an der das Selbst endet und das Andere beginnt. Schon als Kind verschenkte er seine Zeichnungen in der Hoffnung, durch sie gesehen und geliebt zu werden. Mit den Jahren wuchs der Zweifel, ob echte Verbindung überhaupt möglich ist. Dennoch bleibt die zentrale Frage bestehen: Wie können wir uns mit dem Anderen verbinden?
Ein zentrales Motiv der Ausstellung ist der vergiftete Apfel aus dem Märchen Schneewittchen – nicht als Symbol des Todes, sondern als Zeichen eines Übergangs: ein Moment des Erwachens und des Erwachsenwerdens. In dieser Logik wird die Kunst selbst zum notwendigen „Gift“ – verstörend und befreiend zugleich.

Diese Fragestellungen bringt Montero auch in eine theatralische Form: Ein dramatisierter Text verleiht den widersprüchlichen Facetten des Schenkens unterschiedliche Stimmen. Inspiriert von Diogenes, der Philosophie in die Alltagssprache überführte, lässt Montero Theorie und Emotion auf Augenhöhe nebeneinander bestehen – zugänglich, fragmentarisch, poetisch.

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Über den Künstler
Boyan Montero (geb. 1990) hat einen Masterabschluss in Bildender Kunst vom Sandberg Instituut, Amsterdam (2022), sowie einen BA von der Gerrit Rietveld Academie (2019). Zuvor studierte er Buch- und Druckgrafik sowie Kunstpädagogik an der Nationalen Kunstakademie Sofia (2015). Weitere Stationen seines Werdegangs waren die Beijing Foreign Studies University (2010), die École Estienne in Paris (2012) und die School of Visual Arts in New York (2017).

Zu den jüngsten Ausstellungen und Performances, in denen seine Arbeit gezeigt wurde, gehören Prospects 2025 während der Art Rotterdam, eine Einzelausstellung in der The Bookstore Foundation, Amsterdam, und eine Residency im Mertens Frames Project Space von Plan B, ebenfalls in Amsterdam. Im Jahr 2024 verlieh der Mondriaan Fonds seiner Praxis das Stipendium „Werkbijdrage Jong Talent“ sowie einen Zuschuss zur Projektentwicklung. Seit 2024 ist er Gastdozent an der Gerrit Rietveld Academie und Mitglied von De Vishal - einer von Künstlern geleiteten Plattform für zeitgenössische Praktiken in Haarlem, Niederlande. Seit 2023 arbeitet er in Zusammenarbeit mit dem niederländischen Komponisten Boris Bezemer an einer experimentellen Oper.

Weitere Highlights sind: Family Portraits, Bulteh 2000 Ltd, Mexiko (2025); CHAOS + o r d e - n i n g, De Vishal, Haarlem (2024); With Love Nieuw-West, DAY Collective, Amsterdam (2024); Let's Play with Color, The Bookstore Foundation, Amsterdam (2024); My Parents Are Both Good and Bad, Rijksmuseum Passage, Amsterdam (2024); Living Room, Marwan, Amsterdam (2023); Venom, Thomaskerk, Amsterdam (2022); Small Thing, NEVERNEVERLAND, Amsterdam (2022); The Resident Broadcast, W139, Amsterdam (2021); THE COMMON INN, Het Nieuwe Instituut, Rotterdam (2019); Holy Disorders, Domkerk, Utrecht (2019); A Puppet Opera, Muziekgebouw aan 't IJ, Amsterdam (2018); Tight-Lipped and Tongue-Tied, Museum Perron Oost, Amsterdam (2018); Uncut, Stedelijk Museum, Amsterdam (2018).

 

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