Die Ausstellung Immanence von Jazoo Yang erstreckt sich über drei Orte – die Galerie des Goethe-Instituts, den angrenzenden Innenhof und die POSTA Galerie. Jeder dieser Räume beleuchtet einen anderen Aspekt ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit der Lebendigkeit von Oberflächen, der stillen Beständigkeit der Materie und den verflochtenen Ökosystemen städtischer Umgebungen.
In der Galerie des Goethe-Instituts zeigt Yang die Werkreihe Immanence, die der Ausstellung auch ihren Titel gibt. Wie Fossilien in Bernstein wirken diese Kompositionen aus Fundstücken, die in Epoxidharz eingebettet sind. Es handelt sich um Überreste von Straßen und Gebäudefassaden: Fliesen, verrostete Schrauben, alte Kabel – so vielfältige Materialien, dass sie das gesamte Spektrum städtischer Materie abzubilden scheinen. Diese Objekte gleichen Mikrokosmen – in sich geschlossene Ökosysteme, die die Geschichten von Städten bewahren. Sie fungieren als Zeitkapseln, nicht mit dem Ziel der Bewahrung, sondern mit dem Fokus auf Verfall. Natur und menschengemachte Umwelt stehen hier nicht im Gegensatz – sie existieren nebeneinander. Die organische Anmutung dieser Arbeiten erinnert daran, dass der Mensch, selbst als Gestalter seiner Umwelt, ein Teil der Natur bleibt. Diese „eingefrorenen“ Momente folgen keiner linearen Erzählung – ihre Geschichte bleibt stumm, abgeschlossen und gleichzeitig Teil eines größeren Ganzen.
In der POSTA Galerie zeigt Yang ein verwandtes Projekt: Eine Kamera wird in die Spalten einer Gebäudewand eingesetzt, um das unsichtbare Leben im Inneren festzuhalten – Pilze und Mikroorganismen. Diese lebendigen Aufnahmen offenbaren verborgene Welten unter scheinbar toten Oberflächen und verwandeln die Wand in die lebendige Haut der Stadt. Der Hintergrund der Installation – Leinwände, bemalt mit Schlamm aus eingestürzten Häusern in Korea – ein von Erinnerung durchdrungenes Material – verleiht dem Werk eine zusätzliche Bedeutungsebene.
Das dritte Element der Ausstellung befindet sich im Innenhof des Goethe-Instituts: Auf einem Wandbild, das im Geiste der koreanischen Kalligrafie gestaltet wurde, bringt Yang 3D-gedruckte Fliesen an, die durch das Scannen derselben Mikroorganismen aus dem POSTA-Video entstanden sind. Das Wandbild, inspiriert von den geschwungenen Linien des Berges Witoscha, verbindet die verborgene Mikroflora städtischer Strukturen mit der weiten natürlichen Landschaft. Ein verbindendes Element ist die Verwendung von Geumjul (禁) – ein traditioneller koreanischer Brauch, bei dem Stoffstreifen an einem Seil aufgehängt werden, um einen heiligen Raum zu markieren.
Ursprünglich inspiriert von den Spuren der Urbanisierung und Gentrifizierung in Städten wie Seoul und Berlin, zeigt Yangs künstlerische Praxis die Stadt als lebendigen Organismus: Verfall bringt Neues hervor, und jede Oberfläche ist von verborgenen Lebensformen durchdrungen, die darauf warten, entdeckt zu werden.
Vikenti Komitski
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Jazoo Yang (geboren 1979 in Südkorea) lebt und arbeitet zwischen Berlin und Südkorea. Ursprünglich als Malerin ausgebildet, arbeitet sie heute hauptsächlich mit Mixed Media. Ihre künstlerische Praxis beschäftigt sich mit urbanem Wandel, Gentrifizierung und dem Verhältnis zwischen Mensch und Raum. Besonders interessieren sie die immateriellen Dimensionen städtischer Räume – unsichtbare, organische Systeme, die sich darin entwickeln und subtil auf die menschliche Wahrnehmung wirken.
In ihrer Dots-Serie etwa markiert Yang Gebäude, die zum Abriss bestimmt sind, mit ihrem roten Daumenabdruck – einer in Südkorea stark symbolisch aufgeladenen Geste, die einer Unterschrift gleichkommt. Auf diese Weise thematisiert sie persönliche Verantwortung, städtischen Wandel und Korruption im Immobilienmarkt.
Ihre Arbeiten wurden in Einzelausstellungen in Deutschland, Frankreich, China und Südkorea gezeigt. Zu ihren jüngsten Ausstellungsbeteiligungen zählen die Gruppenschau Love Letters to the City in Berlin sowie eine Ausstellung in der Kim Reeaa Gallery in Seoul.