Literatur Hou Bei

Alb der Einsamkeit

Es war Juni, als ich in diese fremde Kleinstadt kam. Jeder Anblick sah aus wie auf einer Postkarte, und jedes Schaufenster lud zu eingehender Betrachtung ein. Auf sonnigen, ziegelroten Straßen leuchteten einem frische Blumen entgegen, Kirchenglocken schallten ans Ohr, dazu Bronzestatuen am Straßenrand, Harmonikaspieler – überall dieses Déjà-vu-Gefühl aus Reisesendungen. Alles war gleichzeitig so fremd und doch wie von ferne bekannt.

Gewiss, am Auffallendsten waren auch die Enge der Straßen und die nahe beieinander stehenden Häuser. Vom Zug aus konnte man in jeden Garten sehen, und wenn man am Straßenrand saß, sah man auf den Etagen klar und deutlich jede Ausstattung. Hätte die junge Frau, die auf einem Fenstersims saß und rauchte, mir nicht zugewinkt, so wäre es mir vorgekommen wie das Bühnenbild eines großformatigen Melodramas.

Auf einmal ging mir durch den Sinn, dass ich eigentlich noch nie so nahe an einer fremden Lebenswelt gewesen war. So nahe, dass das Auge gar nicht mitkam, all die Einzelheiten zu erfassen; so nahe, dass man beinah vergaß, wie völlig unwissend man war.

Den ganzen langen Tag, der sich bis gegen Mitternacht hinzog, war ich geschäftig am Fotografieren, erkundete unermüdlich die Preise, bewunderte die frischen Kirschen und Erdbeeren, kostete beflissen Wurst und Bier – ich hätte mich wohl ein halbes Jahr in einem einzigen Supermarkt vergnügen können. Eifrig gab ich mich dem Genuss hin, nichts zu tun zu haben. All das, wofür ich in China seit langem keine Zeit gehabt hatte, schien auf einmal ganz normal zu sein.

Als der reiche Tag voller neuer Eindrücke zu Ende war, hing ich beim Einschlafen noch lange den Erlebnissen nach. Im Traum jedoch stürzte ich jäh in einen längst vergangenen, heftigen Schmerz, der mein Herz wie ein Messer durchbohrte. Mir war, als müsste ich an einem alten Schluck Blut ersticken.
Jahrelang hatte ich nicht mehr daran gedacht. Doch nun durchdrangen längst vergessen geglaubte Wirrungen und Wutgefühle in einer einzigen Nacht die Festung der Erinnerung und schwemmten mir alles vor Augen.

Als ich erwachte, verharrte ich lange in Befremden über mich selbst. Nicht dass die neuen Gesichter hier nicht ausreichend freundlich, der märchenhafte Himmel nicht ausreichend klar gewesen wären – vielmehr war es irgendein Damm in meinem Herzen, der, ohne dass es mir bewusst geworden war, ein kleines Leck bekommen hatte.

Zuvor dachte ich immer, dass es die Erinnerung wäre, die durch diesen Damm abgehalten würde. Mit Arbeitseifer und allerlei Alltagskram hatte ich ihn Schicht für Schicht erbaut, stets sorgsam darauf bedacht, dass ja kein Riss entstand, ja kein Schrei durchdrang. Doch nun, in diesem Zimmerchen in einem fremden Land, stieg mir erst in ruhiger Gewissheit auf, dass es die Einsamkeit war, die davon abgehalten wurde.
Dass ich in meinem Leben immer wieder gegen die Angst ankämpfte, war deshalb, weil ich mich von der Einsamkeit zu befreien suchte. Gerade diese kostbare Fähigkeit ließ mich auch immer wieder aus scheinbar sicheren Zonen entfliehen, um nicht in einem unüberwindbaren Abgrund zu versinken.

Auf diesem Flecken Erde, der einen Goethe hervorgebracht hatte, empfand ich zum ersten Mal, wie einschneidend real die Leiden des jungen Werthers wirklich waren: Seine abgöttische Verehrung für Lotte war zur selben Zeit ein Albtraum, denn wenn Liebe und Aufopferung besungen werden, vergisst man allzu oft, dass diese tödliche Ballung von Aufmerksamkeit, diese verzweifelte Leidenschaft, letztlich nur der Einsamkeit entspringt.

Vielleicht ist auch das Schreiben im Grunde nichts anderes als ein Alb der menschlichen Einsamkeit.
Doch auch wenn – ich würde die Einsamkeit niemals preisen.

Denn die Einsamkeit ist wahrhaft von Gift durchtränkt, ein Gift, das die Lebenskraft an ihrer Wurzel verletzt. Gewiss mag die Einsamkeit auch eine bewusste Entscheidung sein, etwa von jener Art wie es immer noch Leute gibt, die glauben, dass eine Lerche schöner singe, wenn man ihr die Augen aussteche. Ich jedoch richte meinen Blick lieber auf jene großen Seelen, die sich der Einsamkeit stellen und ihr beharrlich den Kampf ansagen.

Die Tragödie beginnt stets im Selbstbetrug; zum heiteren Schauspiel hingegen sind Aufrichtigkeit und Mut vonnöten. Ich liebe Komödien, denn ich bin sicher, dass es auf dieser Welt vielen Menschen ebenso geht wie mir: je stärker es einen innerlich schmerzt, desto lauter ist das Lachen. Schmerz lässt sich nicht teilen, doch wer den Schmerz verstanden hat, kann daraus auf andere schließen und Seelenverwandte ansprechen.

Gerade wie die Erzählung Spiel des Glücks, die ich vor über zehn Jahren geschrieben hatte: ursprünglich nur aus einem Alb der Einsamkeit heraus entstanden, sorgte sie nun, in einem Unterrichtsraum der Universität Göttingen, für angeregte Diskussionen unter den Studierenden. Ich saß mitten unter diesen jungen Männern und Frauen, vernahm ihre Freude und ihr Echo, so dass ich mich mit einem Mal in jene Jahre zurückversetzt fühlte. Die Ergriffenheit und die Freude, die ich in dem Moment empfand, hätte ich nie vorausahnen können. Nur dadurch, dass sich der Mensch nicht mit seiner Einsamkeit abfinden will, gibt es solch wundervolle Momente im Leben. Und damit wird das Schreiben tatsächlich zu einem „Spiel des Glücks“.

Wer hätte nicht schon in langen Tagen einsam und allein einen finsteren Tunnel durchschritten. Fürchte nicht, deine qualvollen Schmerzen und tiefen Gefühle könnten in gefühllosem Gelächter übergangen und abgeflacht werden. Denn irgendwann kommt der Tag, an dem sie sich in Wärme umwandeln und dich stetig begleiten. Dann also doch, dann doch lieber so...

Hou Bei (侯蓓) ist Schriftstellerin und Bühnenautorin mit einem Master-Abschluss in Literaturwissenschaften. Die 1977 geborene Autorin veröffentlichte im Jahr 1997 ihre erste Kurzgeschichte, Diamant und Muttermal (钻石和痣), in der Literaturzeitschrift Zhongshan (钟山). In der Folge wurden zahlreiche Kurzgeschichten und Novellen von ihr in chinesischen und ausländischen Zeitschriften publiziert, unter anderem in Renmin Wenxue 人民文学 (People’s Literature), Zuojia 作家 (Writer Magazine), Huacheng花城 (Blumenstadt), Furong芙蓉 (Lotos), Shanhua山花 (Bergblumen), sowie in der amerikanischen Zeitschrift Today;. 2006 erschien eine Auswahl davon in der Erzählsammlung Glasflammen (玻璃火焰). Von der Autorin, die ihren Bachelor in Anglistik absolvierte, erschien auch eine Übersetzung der kulturhistorischen Abhandlung Classic, Romantic, and Modern von Jacques Barzun (herausgegeben vom Jiangsu Jiaoyu Verlag).

Hou Bei arbeitete als Autorin im Büro für Literatur und Kunst, Department für Politik, der Militärzone Nanjing und später am Forschungsinstitut für Kultur und Kunst der Provinz Jiangsu, wo sie als Bühnenautorin tätig war. Hou Bei ist in der Reihe „Literarische Stars des 21. Jahrhunderts“ sowie unter den „Hundert Zeitgenössischen Avantgardistischen Romanautoren Chinas“ verzeichnet.

Seit einigen Jahren arbeitet Hou Bei hauptberuflich als Drehbuchautorin. Unter ihrer Mitwirkung entstand u. a. der Film Lasst die Kugeln fliegen (让子弹飞), außerdem schrieb sie die Drehbücher für die Fernsehserien Der Fluss Qinhuai (秦淮河), Die Salzhändler von Yangzhou (扬州盐商) und Die Belehnung der Götter (封神, 2015, Erstaufführung demnächst bei Hunan Satellite TV). Heute ist Hou Bei fest angestellte Drehbuchautorin bei der Firma Dongyang Sanshang Entertainment Co.,Ltd.