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Deniz Ohde
Streulicht

Die deutsche Autorin Deniz Ohde.
© Suhrkamp Verlag

Das allgegenwärtige Debüt des letzten Jahres: Deniz Ohdes mehrfach preisgekrönter Roman Streulicht. Ein Text über soziale Mobilität, über die versteckten Codes, die ganz unmerklich und unbewusst den Unterschied machen. “Ich war nicht schaumgeboren, sondern staubgeboren”, erklärt die Erzählerin, die zur Hochzeit ihrer besten Freunde in die Industriestadt ihrer Kindheit zurückkehrt. Ein betont langsamer und tiefgründiger Roman über Wurzellosigkeit.
 

Von Ditte Hermansen

Dreht man eine Runde durch die deutschen Literaturpreislandschaft des vergangenen Jahres, kommt man an Deniz Ohdes (geb. 1988) Debüt Streulicht nicht vorbei. Der Roman wurde u. a. mit dem ZDF-aspekte-Preis ausgezeichnet und war auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und auf der Spiegel-Bestsellerliste vertreten. Die Erzählung sei schnörkellos und komme nahezu ohne erzählerische Tricks aus, hieß es in der TAZ. Ohdes Schreiben ist auf beharrliche Weise gründlich. Die Abwesenheit jeglichen Überschwangs und Dramas lässt den ersten Teil des Romans fast etwas träge daherkommen, ist zuletzt jedoch das, was die Leser*in für den Text einnimmt.

Die Protagonistin kehrt für die Hochzeit ihrer zwei besten Freunde an den Ort ihrer Kindheit zurück und erinnert sich in der Industrielandschaft, die immer in ein schwaches ‚Streulicht‘ getaucht scheint, an ihre Kindheit zurück: Ich war nicht schaumgeboren, sondern staubgeboren. Ihr Vater hat sein ganzes Leben einer Industrie gewidmet, die jetzt keine Verwendung mehr für ihn hat, und bleibt rastlos in seinem alten Sessel zurück: Das ganze Leben meines Vaters war ein einzige Ersatzhandlung. Die Mutter hat ihr Heimatdorf in der Türkei verlassen und weigert sich, den Blick in die Vergangenheit zu richten. Ein Dilemma, in dem sich auch die Ich-Erzählerin bald wiederfindet: Muss man seine Wurzeln kappen, um wachsen zu können? Und wo wächst man hin, wenn man von einem Ort stammt, wo sich jeder Atemzug anfühlt wie Watte kauen?

Gleich und gleich


Bogomslaget til Deniz Ohdes roman "Streulicht" foran et blågrønt væg. © Ditte Hermansen Alle um mich herum schienen wie selbstverständlich in die Universität hineindiffundiert, in den vergangenen Sommermonaten übergangslos von kindischen Abiturienten zu jungen Erwachsenen geworden zu sein. Entweder das, oder sie waren von Anfang an so gewesen. Der Roman erinnert eindrücklich an die ungleichen Voraussetzungen, mit denen wir ins Erwachsenenleben starten. Ohde schreibe über die Herausforderungen sozialer Mobilität, über die sonst kaum gesprochen werde, zumindest nicht in der deutschen Gegenwartsliteratur, so Helmut Böttiger im Podcast SWR2 Lesenswert.
Auch die Mutter der Erzählerin will ihrer Tochter nicht die Perspektive der Außenseiterin einnehmen lassen. Aber du kannst nicht gemeint sein. Du bist Deutsche, blockt sie deren Berichte von Rassismuserfahrungen auf dem Schulhof ab.

Der schulische Werdegang der Erzählerin zieht sich strukturgebend durch die Erzählung. Als sie schließlich ihr Studium beginnt, liegt es  nicht am fachliche Anspruch, sondern an den sozialen Codes, dass sie sich entfremdet fühlt. Und ganz im Gegensatz zum Gesetz des Dschungels auf dem Schulhof, wo jede Abweichung sofort aus vollem Halse herausgeschrien wird, bleiben sie sozialen Unterschiede an der Universität für jene unsichtbar, die nicht unter ihnen leiden, weil sie keinen migrantischen Hintergrund haben oder aus der Arbeiterklasse kommen.

Aus dieser doppelten Außenseiterposition hat Ohde einen subtilen Roman gemacht, dem es gelingt, ganz und gar politisch zu sein, ohne das Gefühlsleben der Ich-Erzählerin wie eine offene Wunde zu exponieren. Für mich zeigt sich in dieser demokratischen und offenen Art, die Dinge zu sehen, ein typischer, in seiner Nuanciertheit rührender Zug deutscher Gegenwartsliteratur. Ich denke, wenn ich diese Rezension mit dem Schlusssatz des Romans beende, verrate ich nicht mehr als die Wärme, die die Ich-Erzählerin (auch) für das Hinterland ihrer Kindheit hegt: Wenn’s nichts wird, kommst wieder heim.



 

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