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Angela Lehner
Vater Unser

Angela Lehner
© Paula Winkler

Den Weg finde ich auch im Dunkeln. In Vater unser begegnen wir Eva Gruber - eine Antiheldin, mit der man mietfiebert, obwohl sie unzurechnungsfähiger nicht sein könnte -, als sie in Handschellen in einer psychiatrischen Klinik in Wien eingewiesen wird. Hinter schleichenden Tagen und flapsiger Tragikomik stellt Lehner auf wunderbar satirische Weise die immer wiederkehrende und doch ewig aktuelle Frage: Gibt es Normalität?

Von Ditte Hermansen

Im Gemüsebeet wühlende Irre. Dahinter: Wien. Angela Lehner erhielt für Vater unser den Österreichischen Buchpreis für das beste Debüt 2019 (um nur eine Auszeichnung zu nennen). Die Laudatio bezeichnete den Roman als frech und direkt, ein Lob, das ich ohne Zögern auch der Erzählerin des Romans aussprechen möchte: Eva Gruber. Ach Eva… Man kann einfach nicht anders, als zu ihr zu halten, obwohl sie manipulativ, taktlos und völlig unzurechnungsfähig ist. Wir begegnen ihr im Eingangsbereich des Otto-Wagner-Spitals, einer psychiatrischen Klinik in Wien. Sie wurde von der Polizei hergebracht, weil sie angeblich völlig grundlos aus nächster Nähe eine ganze Kindergartengruppe erschossen haben soll. In der Klinik gibt es ein Wiedersehen mit ihrem Bruder Bernhard, der allerdings verängstigt wirkt und nicht gerade euphorisch auf das Zusammentreffen reagiert.

Die Tage schleichen dahin und bieten Tragikomik vom feinsten: Vor den anderen Irren hab ich schon Angst hin und wieder, aber im Normalfall ist es ganz okay mit denen, deswegen langweilt man sich schnell. Das Entertainment-Programm hier ist ja auch sehr beschränkt. Nicht zuletzt Evas Gespräche mit dem Psychiater Korb sind genial. Sie drehen sich um die bekannte, aber ewig aktuelle Frage literarischer Texte zum Thema Psychiatrie: Ist Normalität nur ein Märchen, das wir uns selbst erzählen? Ein Märchen jedenfalls, das die Frau Gruber nicht so ohne weiteres schluckt: Korb lehnt sich zurück: »Sie haben ein Aufmerksamkeitsproblem.« Er verschränkt die Arme. »Ach so«, sage ich und lehne mich ebenfalls zurück, »dann kann man natürlich mal sein Benehmen vergessen. Der Zweck rechtfertigt die Mittel, oder?«

Ein weiteres Thema, auf das schon der Titel eindeutig verweist, ist der tief verwurzelte Katholizismus im 'Vaterland Österreich'. Der Roman behandelt Religion allerdings nicht im Sinne existenzieller Glaubensfragen, sondern als soziale Struktur in Gesellschaft und Familie. Warum sind beide Gruber-Kinder in der Psychiatrie? Warum sind die Besuchszeiten mit den (Krokodils-)Tränen der Mutter gefüllt? Warum glaubt Eva nicht an ein kosmisches Gleichgewicht, solange ihr Vater am Leben ist?

Wie ein Irrgarten


Eine Hand hält Angela Lehners Roman "Vater unser" vor einer grauen Hauswand. © Ditte Hermansen Es ist schwer zu sagen, mit was für einem Genre wir es hier zu tun haben. Das Buch ist satirisch (richtig witzig sogar), flirtet mit dem Thrillergenre, lebt von seinen Bezügen zur Kulturgeschichte und ist gleichzeitig eine hochaktuelle Erzählung über eine dysfunktionale Familie.

In einem Interview im Papierstau Podcast (ein unabhängiger Literaturpodcast, von dem ich inzwischen abhängig bin) wurde Lehner gefragt, ob sie einen Masterplan für Eva und den Roman hatte. Doch die Autorin bezeichnet das ganze System vielmehr als einen Irrgarten, als ein Spinnennetz aus (Fehl-)Informationen, bei dem sie irgendwann kein einziges Kapitel mehr abändern konnte, ohne eigentlich fünf andere in die Tonne treten zu müssen.

Ich stelle mir vor, wie das Labyrinth aus Handlungssträngen hinter Vater unser eine wunderbare Eigendynamik entwickelt, als Eva und Bernhard abhauen, um eine Mission zu erfüllen, die eine Art Nabelschnur für den gesamten Roman darstellt: »Der Vater, er muss sterben«, sagte er. »Du musst ihn umbringen.«. Selbst wenn ich wollte, könnte ich das Ende dieses Romans nicht spoilern, weil er so viele verwirrende Schleifen bildet. Und obwohl man nie so richtig schlau wird aus Eva, will ich diese Rezension mit ihren eigenen Worten beenden: Den Weg finde ich auch im Dunkeln.

 

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