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Elektronische Musikfestivals
Die Leute kommen in Strömen, doch nicht nur wegen der Musik

Phono Festival in Odense
Foto: Birk Kroman

Jedes Jahr zieht es tausende von Menschen auf Musikfestival, besonders elektronische Festivals werden beim Publikum immer beliebter. Die Festivals unterscheiden sich stark voneinander, und doch sprechen sie mehr oder weniger das gleiche Publikum an. Wofür stehen die einzelnen Festivals? Wie schneiden sie im Vergleich miteinander ab? Und wie erleben die Gäste ihren Besuch?

Fusion
Die Fusion findet im nordöstlichen Teil Deutschlands statt, auf einem früheren russischen Militärflughafen mit dem Namen „Müritz Airpark“ in der Nähe von Lärz in Mecklenburg Vorpommern. Darauf bezieht sich auch die russische Schreibweise von Fusion „Фузион“, die zusammen mit den halbzylinderförmigen Flugzeughangars zum Symbol für das Festival geworden ist.

Das Festival wurde 1997 von der Gruppe Kulturkosmos ins Leben gerufen. Seitdem entsteht jedes Jahr eine autonome, avantgardistische und zu weiten Teilen nicht kommerzielle Gegengesellschaft in den Wochen vor und während des Festivals. Im Gegensatz zu vielen anderen Festivals wird auf der Fusion wenig von den Organisatoren und Ordnungsleuten gesteuert und kontrolliert. Vielleicht ist gerade deshalb das Gemeinschaftsgefühl besonders ausgeprägt.

Es werden verschiedene Genres der elektronischen Musik gespielt, doch das Programm wird nie vor der Eröffnung bekanntgegeben. Dadurch ist die Stimmung entspannt, es entstehen keine überzogenen Erwartungen, die enttäuscht werden könnten. Stattdessen stehen das sinnliche Erlebnis, die Kunst und die Gemeinschaft im Mittelpunkt und schaffen die Rahmenbedingungen für ein magisches und märchenhaftes Erlebnis. Deshalb wird die Fusion auch oft mit dem amerikanischen Festival Burning Man verglichen.

Malthe, 32, hat sowohl das Roskilde Festival als auch die Fusion erlebt. Seiner Meinung nach hat es Vor-und Nachteile, dass die Fusion weniger straff organisiert ist. Er findet auf jeden Fall, dass die Fusion ein phantastisches Festival ist, mit all der Kunst rundherum und der skurrilen Atmosphäre, die umso wichtiger wird, wenn die Musik nicht im Mittelpunkt steht. Egon, 29, fährt seit vielen Jahren zur Fusion, und genau wie Malthe schätzt auch er den fließenden Übergang zwischen Camping und Festival, der sich aus weniger Regeln und Kontrolle ergibt. Dadurch entsteht eine schöne und entspannte Atmosphäre, die das Festival prägt und es zu einem Ort macht „wo man einfach abhängen und Spaß haben kann.“

Roskilde
Das Roskilde Festival ist nicht nur das größte Festival in Dänemark, sondern in ganz Nordeuropa. 1971 fand es zum ersten Mal statt, damals als traditionelles Hippiefestival im Geiste von Woodstock. Heute sind die Hippies in der Minderheit, und Roskilde hat sich zu einem großen Mainstreamfestival für Menschen jeden Alters entwickelt. Eine der zahlreichen Zeltbühnen unterschiedlicher Größe ist die legendenumwobene „orange Bühne“, die das Image des Festivals maßgeblich geprägt hat. Vor der Bühne haben 60.000 Zuschauer Platz, und auf ihren Brettern haben im Laufe der Jahre Größen wie Bob Marley, U2, Bruce Springsteen, die Rolling Stones, Stevie Wonder und viele mehr gespielt, eine traditionsreiche Bühne, auf der sich der Flügelschlag der Geschichte atmen lässt.

Anders als auf der Fusion ist hier alles durchorganisiert bis ins letzte Detail und es gibt viele Ordnungskräfte. Doch obwohl der Ausdruck mit den allgegenwärtigen Sponsor-Bildschirmen und Werbeplakaten wesentlich kommerzieller ist, legt man wie bei der Fusion Wert auf Kunst, politisches Engagement und die Gemeinschaft. Vor allem ist auch das Roskilde Festival noch immer ein Non-Profit Unternehmen, Überschusseinnahmen werden gespendet.

Malthe, der sowohl die Fusion als auch Roskilde kennt, sieht vor allem das abwechslungsreiche Musikprogramm als großes Plus des Roskilde Festivals. Es gibt Musik für jeden Geschmack und jede Laune, und auch das leckere Essen ist nicht zu verachten. Für viele der Festivalbesucher, vor allem den jüngeren, ist die soziale Gemeinschaft auf dem Campingplatz, wo zahlreiche Privatpartys darum kämpfen, wer das beste - sprich lauteste – Basssystem hat, genauso wichtig wie die Konzerte. „Das ist ja gerade das, was Spaß macht“, sagt Simon, 26.

Strøm
Wie es der Name bereits andeutet, handelt es sich bei Strøm um ein Festival für elektronische Musik. Immer im August findet es an verschieden Orten in Kopenhagen statt. Dieses Jahr feiert Strøm sein 10-jähriges Jubiläum, im Laufe der vergangenen Jahre hat es sich zu einem der größten Festivals in Skandinavien entwickelt. Neben Musik gibt es ein umfangreiches Angebot an verschiedenen Workshops, Vorträgen und Partys. Besonderer Wert wird auf die Locations gelegt, die die Musik wiederspiegeln und möglichst interessant sein sollen. So gab es z.B. Konzerte in den unterirdischen Zisternen beim Schloss in Frederiksberg, einem Ort, der besonders gut zu harter elektronischer Musik und Stroboskop passt. Unheimlich, faszinierend und ein wenig grenzüberschreitend.
 

Nimmt man an verschiedenen Events im Laufe des Festivals teil, entdeckt man Kopenhagen auf neue, inspirierende und persönliche Weise. Das gibt dem Festival das gewisse Extra. Aus diesem Grund spricht Strøm ein sehr gemischtes Publikum an und ist ohne Zweifel eines der zugänglichsten Festivals. Andreas, 31, hat seit vielen Jahren an Strøm teilgenommen und schätzt genau dies besonders. Neben einem ausgezeichneten und progressiven Line-Up sind es vor allem die tollen Locations und die mit der Musik verbundenen Happenings, die das Besondere des Festivals ausmachen. „Die verschiedenen Komponenten gehen in einer höheren Einheit auf, das macht es zu einem der besten Festivals in Dänemark.“

Berlin Atonal
Berlin Atonal ist ein Berliner Festival, das 1982 ins Leben gerufen wurde. 1990 wurde das Festival mit dem Fall der Mauer eingestellt. Hinter dem Festival stand damals nämlich u.a. Dimitri Hegemann, der zu dieser Zeit all seine Energie auf den damals neu gegründeten, legendenumwobenen Technoclub Tresor verwendete. 2013 hat Dimitri das Atonal im Kraftwerk, wo auch der Tresor heute beheimatet ist, wiederbelebt. Seitdem hat das Minifestival weltweite Bekanntheit erlangt und wird immer beliebter. Das Kraftwerk liegt, wie der Name schon andeutet, in einem großen, alten Kraftwerk in der Mitte von Berlin. Mit den hohen Betonwänden und großen Räumen eignet es sich perfekt für Visuals und experimentelle Musik.

Das Atonal hatte in Bezug auf elektronische Musik und Kunst von Anfang an einen experimentierenden und bahnbrechenden Charakter. In der Festivalwoche wird das Kraftwerk von Installationen, Performances und Weltpremieren neuer Musik, Workshops und innovativen Kooperationen belebt. Das in den 1980er Jahren gegründete Festival hat Kultstatus und ist eine Inspirationsquelle für viele andere Festivals und Musikevents auf der ganzen Welt. Egon wohnt in Berlin und hat schon mehrmals am Atonal teilgenommen. Er schätzt vor allem das innovative Programm und den Drift des Festivals, das Spektrum der elektronischen Musik und visuellen Kunst in einer großen Explosion auszuweiten. „Es passiert immer etwas Unerwartetes, auch wenn man eigentlich auf alles vorbereitet ist.“

Phono Festival
Das Phono Festival ist eines der vielen neueren, aufstrebenden Festivals in Dänemark. Es erinnert in vielem an das Berlin Atonal, ohne Zweifel eine der Inspirationsquellen für das Phono Festival. Es findet in Odense statt und der Fokus liegt auf experimenteller und anspruchsvoller elektronischer Musik, Visuals und Lightshows.

Hinter dem 2009 gegründeten Festival stehen Anders Olsen und Mikkel Steensgaard. Ihre Ambitionen haben sich im Laufe der vergangenen Jahre verändert: Zunächst ging es vor allem darum, Spaß zu haben und die leerstehenden Gebäude in Odense mit Leben zu füllen. Inzwischen ist das Ziel, Skandinaviens bestes Festival für experimentelle elektronische Musik zu werden, erzählen die beiden Organisatoren.

Obwohl im Festivalprogramm viele international bekannte Namen zu finden sind, bietet das Festival immer noch viele Überraschungen, sagt Anders, der sich zwar darauf freut, bestimmte Künstler zu erleben, aber eben auch auf das Unerwartete und Unbekannte. Seiner Meinung nach ist das besonders Gute am Phono im Vergleich zu anderen Festivals das Booking, denn an einem einzigen Tag erlebt man völlig verschiedene Genres. In Anbetracht dessen ist es umso beeindruckender und sehr sympathisch, dass das gesamte Festival noch immer von engagierten Freiwilligen organisiert wird. Abschließend sagt Anders: „Wir vergleichen uns am ehesten mit Unsound, CTM und Mutek, aber wir haben unsere ganz eigene Art, die Dinge anzugehen. Und meine absolute Hochachtung an Atonal dafür, dass sie einfach so hardcore gut sind!“

Was alle Festivals gemeinsam haben, sind die Partys, die Stimmung, das Gemeinschaftsgefühl und die Musik. Eins ist sicher: Nicht allein die Musik macht die Festivals zu den einzigartigen und ganz individuellen Erlebnissen, für die die Leute sie so schätzen. Man muss es einfach selbst erlebt haben, worauf wartet ihr noch?

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