Sechs neue Stimmen, sechs neue Perspektiven auf die gemeinsame Ostsee
Wenn wir über die Ostsee sprechen, sprechen wir häufig über Zahlen zum Verlust der Biodiversität, zur Eutrophierung, zu Schadstoffbelastungen oder zum Klimawandel. Doch was wäre, wenn wir diese Herausforderungen nicht durch abstrakte Daten und Statistiken, sondern durch Geschichten, Erinnerungen, kulturelle Traditionen, Aktivismus und Kunst betrachten würden?
Für die Ausgabe 2026 von Guarding the Baltic Sea wurden sechs Künstler*innen ausgewählt, die diesen gemeinsamen Lebensraum und seine Herausforderungen aus jeweils ganz eigenen Perspektiven betrachten. Trotz ihrer unterschiedlichen Ansätze verbindet sie ein gemeinsames Engagement als Hüterinnen der Ostsee.
Im Werk der französischen Künstlerin Laure Vigna zeigt sich dieses Engagement in der Auseinandersetzung mit Stille und Unsichtbarkeit. An der Schnittstelle von Kunst und Umweltforschung entwickelt sie skulpturale Arbeiten, in die sie häufig Mikroorganismen und Cyanobakterien einbezieht. Indem sie diese verborgenen und oft übersehenen Lebensformen erforscht, verleiht Vigna den mikrobiellen Geschichten, die in Landschaften und Körpern eingeschrieben sind, eine Stimme.
Eine andere Form des Erzählens findet sich in den Arbeiten der estnischen Textilkünstlerin, Autorin und Community-Organisatorin Mia Tamme. Ausgehend von finnisch-baltischen Traditionen wie Weben, Fischen, Singen und Seefahrt untersucht Tamme, wie kulturelle Praktiken ökologische Geschichten über Generationen hinweg weitertragen. Ihre Arbeiten setzen sich kritisch mit Fragen von Identität, Archivierung, Geschlecht und Zugehörigkeit auseinander und eröffnen eine queere sowie dekoloniale Perspektive auf die Geschichte und Landschaften des Ostseeraums.
Eine weitere gesellschaftliche Perspektive bietet die Arbeit der polnischen Bildkünstlerin, Lyrikerin und Forscherin Weronika Zalewska. Ihre künstlerische Praxis beschäftigt sich mit sozioökonomischen Transformationsprozessen und deren Auswirkungen auf kulturelle wie ökologische Landschaften. Als Transmedia-Künstlerin entwickelt sie experimentelle Ausdrucksformen und Methoden, die unser Verständnis zwischenmenschlicher und interspezifischer Verflechtungen vertiefen und dazu beitragen, alternative Vergangenheiten und mögliche Zukünfte vorstellbar zu machen.
Auch die Beziehung zwischen Menschen und anderen Arten steht im Mittelpunkt der Arbeit der deutschen Designerin und Forscherin Rasa Weber. Durch die Verbindung von künstlerischer Forschung, Tauchpraxis und ökologischem Design untersucht sie Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit marinen Ökosystemen, anstatt diese lediglich als Ressource zu begreifen. Mit Installationen, unkonventionellen Designansätzen und Materialexperimenten entwirft sie Visionen alternativer Zukünfte für die Meeresumwelt.
Forschung bildet ebenfalls den Kern der Arbeit des in Helsinki lebenden italienischen Medienkünstlers Roberto Fusco. Er untersucht Umweltphänomene durch die Perspektiven von Daten, Technologie und Wahrnehmung. Indem er komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse in künstlerische Formen übersetzt, hinterfragt Fusco, wie Wissen über ökologische Veränderungen entsteht, vermittelt wird und emotional erfahrbar gemacht werden kann.
Auch die menschliche Wahrnehmung von Wasser und lebenden Organismen steht im Zentrum der Arbeit der finnischen Künstlerin Noora Sandgren. Mit Fotografien, Kunstprojekten im öffentlichen Raum und Bildungsformaten lädt sie ihr Publikum dazu ein, aquatische Ökosysteme und die sensiblen Beziehungen, die sie tragen und erhalten, genauer zu betrachten.
So unterschiedlich ihre künstlerischen Ansätze auch sind: Die Künstlerinnen von Guarding the Baltic Sea 2026 laden dazu ein, die Ostsee nicht als entferntes Umweltproblem wahrzunehmen, sondern als lebendigen Raum, der Gemeinschaften, Geschichten und Zukunftsperspektiven in der gesamten Region miteinander verbindet. Aktivismus, wissenschaftliche Forschung, kulturelles Gedächtnis, gemeinschaftliches Wissen, künstlerische Experimente und die aktive Einbindung der Öffentlichkeit tragen gleichermaßen dazu bei, nachhaltige Zukünfte für die Ostsee und ihre Anrainerinnen denkbar und gestaltbar zu machen.