Juni 2019
Arne Bellstorf: Baby’s in Black

Book Cover: Baby's in Black
Cover © SelfMadeHero

Persepolis war wohl meine erste Begegnung mit Graphic Novels. Die Geschichte bekam große Aufmerksamkeit, als sie 2007 verfilmt wurde, und sowohl das Buch (aus dem Französischen von Stephan Pörtner) als auch der Film erzählen von der Kindheit und dem Erwachsenwerden der Autorin Marjane Satrapi während der Iranischen Revolution. Mit seinen einfachen aber sinnlichen Schwarz-Weiß-Zeichnungen ist Persepolis mal faszinierend, mal urwitzig, mal sehr sehr traurig und wurde so zum weltweiten Erfolg.

Wenn deine Lust auf das Genre der Graphic Novel, ähnlich meiner, durch Persepolis geweckt wurde, solltest du Baby’s in Black von Arne Bellstorf ganz oben auf deine Leseliste setzen. Es ist zwar nicht ganz so weitreichend und politisch wie Satrapis Autobiographie, spielt aber in ähnlicher Form mit vermeintlich einfachen, schwarz-weißen Strichzeichnungen und gelegentlichen Schattierungen mit grobem Bleistift.

Oktober, 1960. Zwei frankophile Künstler*innen, Astrid Kirchherr und Klaus Voorman, entdecken eine großartige Band aus England in einer der härtesten Ecken des Hamburger Rotlichtmilieus. Jeden Abend kommt das Paar wieder und eine Freundschaft entwickelt sich, zwischen ihnen und den jungen Männern aus Liverpool, die – noch nicht berühmt – im Keller eines alten Kinos neben den Toiletten schlafen. Im Mittelpunkt des Buchs steht die sofortige Anziehung und letztlich tragische Beziehung zwischen Astrid und Stuart Sutcliffe, der einst Bass spielte, als die Beatles für kurze Zeit zu fünft waren.

Das Buch erfasst das Plötzliche und Richtige einer bestimmten Art von früher Liebe und die Beziehung ist wunderschön gezeichnet. Die Chemie der Seitwärtsblicke zwischen Astrid und Stuart, die aus unterschiedlichen Panels herausgucken, kann man nicht übersehen und Stuarts allmähliche Verwandlung, wobei er Astrid immer ähnlicher wird, ist subtil und sorgsam eingearbeitet.

Arne Bellstorfs respektvoller und zarter Umgang mit seinem Stoff durchdringt das Buch. Immer wieder werden Auftritte der Beatles eingestreut, performen sie Rock-‘n‘-Roll-Klassiker. Ein weiterer starker Einfluss ist Astrids Fotografie: Astrid machte die ersten professionellen Fotos von den Beatles und bestimmte dabei deren Image (sie und ihre Freund*innen inspirierten auch die frühen Pilzkopf-Frisuren) und Bellstorf gestaltet diese Fotos in der Erzählung nach. Er verwendet auch Nachzeichnungen von Astrids ikonischen frühen „Selfies“ in gefühlvollen Traumsequenzen, die eine Kontinuität durch das Buch schaffen und auf den späteren Verlust hindeuten.

Popkultur war noch nie meine Stärke und der Mythos der Beatles ist weitgehend an mir vorbeigezogen (wie eine Freundin bezeugen kann, der ich einst begeistert berichtete, dass ich gerade eine tolle Lyrikerin der visuellen Poesie Namens Yoko Ono entdeckt hatte…), aber nachdem ich Baby’s in Black gelesen habe, hab ich den Staub von den Schallplatten meiner Eltern gewischt und mir die frühen Hits der Band angehört, während ich durch Astrids eindrucksvolle und originelle Fotos stöberte. Von den Lichtern der Reeperbahn über die exzentrische Mode der Kunstszene bis zum fast stetigen Zigarettenrauch rufen Bellstorfs Zeichnungen die Atmosphäre von Zeit und Ort eindrücklich hervor. Ob du neugierig auf der Suche nach Neuem bist oder schon immer größter Beatles-Fan warst – Baby’s in Black eröffnet einen faszinierenden Blick auf die frühen Tage der Beatles, als sie noch keine Ikonen waren.
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