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Vereinigtes Königreich Glasgow

Übersetzt von: Jen Calleja
The Pine Islands

Das Buch 'The Pine Islands' auf einem hölzernen Hintergrund
© Goethe-Institut Glasgow

Von Cee Ehlers

Obwohl Gilbert Silvester, Poschmanns Protagonist, höchstwahrscheinlich entsetzt wäre mit einem rebellischen Teenager verglichen zu werden (und Holden Caulfield wiederrum angewidert vom Vergleich zu einem spießigen Akademiker), sind beide Charaktere doch von Träumen und Literatur (falsch-)geleiten und werden von ihren Fluchtgründen eingeholt.

Pine Islands (2019) ist der dritte Roman der deutschen Dichterin und Schriftstellerin Marion Poschmann, als erster im Englischen bei Serpent’s Tail erschienen. Die Übersetzung von Jen Calleja wurde rechtmäßig für den Internation Booker Prize geshortlisted.

Wir folgen Gilbert Sullivan, einem mittelstufigen Akademiker, spezialisiert im Symbolismus von Bartstilen in Filmen. In Reaktion auf einen Traum, in welchem seine Frau ihm fremdgeht, begibt er sich auf ein von ihm benanntes „Projekt der Abwendung“. Er flieht scheinbar ziellos nach Japan, eine „Teenation“, als Reiseziel nicht von ihm sondern seiner Frau begehrt. Erst wenn er in Tokyo gelandet ist, erbaut er sich ein Programm für seinen Besuch: er entscheidet sich in die Fußstapfen des Dichters Bashō zu treten und sich auf eine Reise zu den Kieferninseln im Norden Japans zu begeben. Bevor Gilbert seine Reise beginnen kann, unterbricht her versehentlich Yosa, ein junger (bebärtiger) japanischer Mann, in einem Suizidversuch an einem Bahnhof. Unter dem Vorwand ihm einen “würdevolleren” Ort für seinen Selbstmord zu finden überzeugt Gilbert Yosa zu den Kieferninseln mitzukommen.

Der Roman ist voll von wunderschönen Bildern die einen auf die poetischen Wurzeln von Poschmann und Calleja aufmerksam machen. Dies wird durch die des Erzählers sanft sardonischen Reflektionen von Gilberts Selbstmitleid und akademischen Geschwafel scharf und humorvoll kontrastiert (und das ist für einen Übersetzer keine leichte Leistung). Wie vielleicht rauszuhören ist halte ich Gilbert Silvester für einen verabscheuungswürdigen, voreingenommenen Mann, der sich von seinen eigenen Mängeln und der Absurdität seiner Flucht komplett nicht bewusst ist und einen suizidalen jungen Mann in die Rollen von Reiseleiter und ergebenen Studenten zwingt. Allerdings beeinträchtigen die Mängel des Protagonisten nicht die Leseerfahrung, da Genuss sowohl in Callejas schön übersetzter Prosa (und Haikus!), als auch in Gilberts Enttäuschungen zu finden ist. Ich finde auch an der „Meta-heit“ Freude: wir (die Leser) folgen der Reise eines Mannes (Gilbert) der die Reise eines Mannes folgt (Bashō) der die Reise eines Mannes folgt (Saigyō). Man könnte dies sogar ausdehnen und sagen das wir Calleja folgen die Poschmann folgt die Gilbert folgt…

Zugegebenermaßen enthält dieser Roman keine große Menge an Charakterentwicklung, also sollten Leser, die darauf warten das Gilbert sich verwandelt, aufpassen. Ich denke auch das es wichtig ist darauf hinzuweisen das, im Einklang mit der Unempfindlichkeit des Protagonisten, das Thema und Bilder von Suizid nicht immer sensibel diskutiert werden. Überspannend jedoch halte ich den Roman für eine amüsierende Erkundung des männlichen Egos, umrahmt von Callejas poetisch erbrachter Sprache.

Ich war bereits vor dem Lesen von Pine Islands Liebhaber von Poschmanns Gedichten (ich empfehle ‘Gnadenanstalt’), und ich bleibe Fan von ihrer tollen Bildsprache und scharfen Humor. Hoffentlich findet Poschmanns Poesie bald ihren Weg in den englischen Büchermarkt, bis dann: fangt an zu lesen!

Lesezeit: 2 Minuten, 30 Sekunden

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