#DAOWO Sessions - Artworld Prototypes
Wie man die Kunstwelt mit Blockchain erschließen kann

Von Régine Debatty

Die DAOWO-Sessions: Artworld Prototypes ist eine Veranstaltungsreihe, die in den vergangenen Wochen online stattfand, und in der „Möglichkeiten für die Zukunft der Kunstwelt unter Verwendung von Blockchain erforscht wurde, um herauszufinden, welche Lehren aus der Zusammenarbeit von DAOs (Dezentralisierte Autonome Organisationen) mit anderen gezogen werden können.“ Das Thema dieser Sitzungen waren bemerkenswert relevant für die Zeiten, in denen wir leben: eine Pandemie, die uns dazu veranlasst, anders miteinander zu arbeiten, Rufe nach einer gerechteren Gesellschaft, Kunsträume, die nach neuen Strategien suchen, um aktuell zu bleiben, und das hysterische (oder einfach nur verwirrte?) Medieninteresse an Kryptokunst. Das Thema fügt sich auch in einen breiteren, viel älteren Kontext ein, in dem die zeitgenössische Kunst Marktlogiken folgt, die für die meisten Künstler*innen nicht funktionieren.
  eeefff, Economic Orangery 2021. Screenshot from The DAOWO Sessions – Artworld Prototypes: DAO as Chimera (Minsk) eeefff, Economic Orangery 2021. Screenshot from The DAOWO Sessions – Artworld Prototypes: DAO as Chimera (Minsk)
DAOWO hat Künstler*innen dazu aufgerufen zu erforschen, was mit ihrer Arbeit und ihren Teams passieren würde, wenn die Blockchain-Technologie nicht nur für Finanztransaktionen oder als Marketingtrick genutzt, sondern auch dazu dienen würde, die Zukunft der Kunstwelt neu zu erfinden. Bei den DAOWO-Modellen liegt der Akzent nicht darauf, wie die Kunst derBlockchain-Technologie genutzt wird, sondern darauf, wie die Blockchain-Prinzipien die Kunst von außen transformieren können, indem sie die Prozesse und das Design ihrer Verwaltung demokratisieren und radikal darüber nachdenken, wie Künstler*innenzu Regisseur*innen ihrer eigenen Arbeitspraktiken werden können (anstatt von den üblichen Gatekeepern der gegenwärtigen Kunstindustrie abhängig zu sein). Als solche fungierten die Modelle auch als eine Art Übung in Institutionskritik.

  Screenshot from the DAOWO Sessions – Artworld Prototypes: Ensembl (Hong Kong) Screenshot from the DAOWO Sessions – Artworld Prototypes: Ensembl (Hong Kong) Vor ein paar Wochen schrieb ich über das Berliner Experiment (Black Swan DAO: Kann Blockchain die Vergabe von künstlerischen Aufträgen demokratisieren?). Hier ein paar Worte zu den anderen Modellen, die im Rahmen der DAOWO Global Initiative entwickelt wurden:

Screenshot from the DAOWO Sessions – Artworld Prototypes: Covalence Studios (Johannesburg) Zoom presentation Screenshot from the DAOWO Sessions – Artworld Prototypes: Covalence Studios (Johannesburg) Zoom presentation

Das gewagteste und kreativste DAO-Modell wurde vom Künstler und Informatiker Nicolay Spesivtsev zusammen mit der Künstlerin und Autorin Dzina Zhuk von eeefff vorgestellt.

Deren Anregung besteht aus einem Live-Action-Rollenspiel (LARP), das fest in den politischen Realitäten der postsowjetischen Stadt Minsk verankert ist. Das LARP mit dem Namen Economic Orangery 2021 zieht Parallelen zwischen der Art von dezentralen Solidaritätsorganisationen, die in den kleinen öffentlichen Innenhöfen von Wohnblocks überall in der Stadt entstanden sind, und ihrem Online-Pendant, den eigens konstruierten digitalen Räumen, die eine sichere, unzensierte Kommunikation ermöglichen. Die Künstler*innen fügten eine zusätzliche Ebene der Bedeutung und Verspieltheit hinzu, indem sie das Spiel in einer Zukunft ansiedelten, in der die Blockchain-Technologie altmodisch geworden ist. Dieses Element der „Science-Fiction der Gegenwart“ ermutigt die Spieler*innen, die Werte der Arbeit mit dezentralen Technologien sowohl in der Kunstwelt als auch im Zusammenhang mit den horizontalen Institutionen zu betrachten, die im Zuge der Proteste gegen die Wiederwahl Lukaschenkos und die bröckelnden sozialen Strukturen von Weißrussland entstehen. Das LARP ist somit als Co-Abhängigkeitssystem konzipiert, in dem die Entscheidungen der Spieler*innen sowohl die Innenweltstruktur des Spiels als auch ihre eigene Wahrnehmung des realen Lebens beeinflussen.



Das Ensembl-Projekt aus Hongkong wandte die Dynamik von DAOs auf den interdisziplinären Kontext des zeitgenössischen Musizierens an. Ensembl wird geleitet von Samson Young, Künstler, Performer und künstlerischer Leiter der experimentellen Sound Advocacy-Organisation Contemporary Musiking; von Schriftsteller, Filmemacher und Anthropologe Mao Mollona; und Andrew Crowe sowie Ashley Lee Wong von MetaObjects.

Das Ziel des Projektes besteht darin, eine „Ethereum-basierte Plattform für die dezentrale Organisation von künstlerischer Produktion“ zu schaffen und eine DAO zu implementieren, die die inhärent dynamische, gemeinsame und sich ständig verändernde Natur von Aufführungen vollständig widerspiegelt. Ensembl untersucht Fragen der Autorenschaft und kollektive Formen der künstlerischen Produktion, bei denen Performances, Screenings und Ausstellungen nicht festgelegt sind, sondern ständig neu geprägt, (neu) aufgeführt und (neu) verbreitet werden. Mit jeder Weiterentwicklung der Arbeit tauchen neue organisatorische und wirtschaftliche Fragen auf.

Ensembl spiegelt auch die vielen Dimensionen wider, die eine künstlerische Praxis im Laufe eines Projektes annehmen kann, wobei sich die Künstler*innen sukzessive in der Rolle von Stipendienverfasser*innen, Künstler*innen, Kollaborateur*innen, Manager*innen, Forscher*innen usw. wiederfinden. Jede dieser Rollen erfordert Arbeitsformen, die tendenziell übersehen werden, wenn nicht sogar als unsichtbar gelten. Anstatt in starren Rollen zu denken, werden im Projekt sowohl Aktionstypen als auch die Ergebnisse von Interaktionen wertgeschätzt.

Ensembl ermöglicht es, dass sich die Kunst als ein Prozess und nicht als ein abgeschlossenes Werk ausdrücken kann.



Das Projekt der Covalence Studios, gesteuert von der Kuratorin und Forscherin Bhavisha Panchia, dem Künstler Chad Cordeiro und der Künstlerin, Kuratorin und Forscherin Carly Whitaker, hat das Konzept und den Rahmen der DAOs aufgegriffen, um zu überlegen, wie die Zusammenarbeit und Beteiligung in der Künstlergemeinschaft von Johannesburg am flexibelsten formuliert, rationalisiert und gefördert werden kann.

Johannesburg, so erklärten Panchia und Whitaker, ist die Heimat einer internationalen Künstlergemeinschaft, die einem öffentlichen Sektor zunehmend misstraut, der mit Misswirtschaft bei der Finanzierung und Korruption im Bereich Kunst und Kultur in Verbindung gebracht wird. Infolgedessen sind Künstler*innen heute mehr denn je auf den Galeriesektor angewiesen, um ihre Tätigkeit aufrechtzuerhalten. Diese Privatisierung der Kunstförderung hat die Art der produzierten Werke beeinflusst und den Spielraum für experimentellere Praktiken eingeschränkt. DAOWO kann Künstler*innen mehr Unabhängigkeit von öffentlichen und privaten Modellen des Kunstmanagements verschaffen.

Jenes DAO, welches das Team in Johannesburg ausgearbeitet hat, ist ein gemeinsam genutzter Atelierraum für Künstler*innenals Miteigentum, der auch personalisiert werden kann. Konzipiert im Gespräch mit anderen physischen Räumen, wie dem Atlantic House in Kapstadt und den Bag Factory Artist Studios, würde das Studio nicht nur den „Gemeinschaften dienen, die es noch nicht gibt“, sondern sich auch von den üblichen Gatekeepern und Arbeitssilos befreien.
 

Die DAOWO Global Initiative lud Kunstschaffende, Kurator*innen und Denker*innen aus Berlin, Hongkong, Johannesburg und Minsk ein, um neue Modelle zu entwerfen, die sich mit zentralen Fragen zum Potenzial der Blockchain beschäftigen veraltete Modelle zu ersetzen, Machtstrukturen zu dezentralisieren und die Kunst umzudenken. Das Ziel dieser Experimente besteht darin, zu testen, wie ein DAO in der Kunstwelt bestehen und von seinen Gemeinschaften, Mitglieder*innen und Nutzer*innen verwendet werden würde. Könnte ein solches die Solidarität anregen,neue Formen der Partnerschaft entstehen lassen und Anreize für neue Modelle der Unternehmensführung schaffen?


Wenn Sie sich nur ein einziges Video der DAOWO-Session-Reihe anschauen, dann sollte es das Interview von Francesca Gavin (deren Show über Fungi besonders witzig und lehrreich war), mit Ruth Catlow und Penny Rafferty, den Kuratorinnen, die alle Videositzungen der DAOWO Sessions – Artworld Prototypes koordinierten.

Ein weiteres Gespräch, das ich Ihnen empfehlen möchte, ist die Episode des Goethe-Institut-Podcasts, in dem Ruth Catlow, Mitbegründerin von Furtherfield, Parallelen zwischen den Anfängen des Internets und der Blockchain zieht. In den 1990er Jahren sahen sie und andere Künstler*innen das Internet als einen Raum, in dem man Werke schaffen, verbreiten, kritisieren und in Umlauf bringen konnte, einen Ort der Zusammenarbeit und der Kooperation. Die Kommunikation war direkt und dezentralisiert. Ab den frühen 2000er Jahren zeichnete sich in der Kunstlandschaft eine Bewegung der massenhaften Zentralisierung des Internets ab, die von monopolistischen, profitorientierten Giganten (Google, Amazon, Facebook, etc.) orchestriert wurde.

Die DAOWO-Initiative erinnert uns daran, dass dezentralisierende Bewegungen und Technologien nicht von der Bildfläche verschwinden werden und wir andere Akteur*innen als die aus der Tech- und Finanzsphäre für deren Hinterfragung und Handhabung benötigen.

Ein weiteres Element, das ich am DAOWO-Programm besonders interessant fand, ist, dass es, soweit ich weiß, die einzige Initiative war, die ernsthaft jenes berühmte „Danach“, d.h. die Post-Corona-Zeit, untersuchte, von dem alle in den frühen Tagen der Pandemie sprachen und das anscheinend in Vergessenheit geraten ist.

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