#DAOWO Sessions - Artworld Prototypes
Kann Blockchain die Vergabe von künstlerischen Aufträgen demokratisieren?

​Blockchain-Systeme wurden bisher hauptsächlich in der Finanzwelt oder bei Lieferketten eingesetzt, dabei ist ihr Potential wesentlich größer.

Von Régine Debatty

In den letzten Jahren arbeiteten Künstler*innen mit Blockchains, um Kunstwerke zu schaffen, die die Wertsysteme und das Wohlstandsgefälle in der Kunstszene und darüber hinaus untersuchen, die menschliche Atmung in Kryptowährungen umsetzen, die einem Wald ermöglichen, Kapital anzusammeln, mit alternativen Mechanismen des Kunstbesitzes experimentieren, Menschen dafür entlohnen, zu meditieren (oder so zu tun als ob), oder kritisch untersuchen, wie sich Rohstoffe in Wert verwandeln lassen.

DAO Berlin Black Swan Goethe-Institut / Studio Hyte
Aber lässt sich Blockchain-Technologie dafür mobilisieren, eine diffusere, tiefgreifendere Rolle in der Umgestaltung der Kunstszene zu spielen? Kann sie die Kunstszene auf einer tieferen Ebene wiederbeleben, herausfordern und umpolen? Lassen sich die Werte, die Blockchain möglich macht – darunter Transparenz, das Teilen von Ressourcen und gleichberechtigter Zugang zu Information –, darauf anwenden, wie die Kunstszene denkt und funktioniert?
 
Die Kurator*innen Ruth Catlow, Penny Rafferty und Ben Vickers sind überzeugt, dass die gesamte Künstler-Community von Experimenten mit DAOs (dezentralisierten autonomen Organisationen) profitieren kann. Diesen Monat starteten sie die DAOWO Sessions: Artworld Prototypes („-WO“ steht dabei für „working with others“ = mit anderen arbeiten), eine Reihe von Online-Vorträgen und -Gesprächen, die bis 4. März 2021 jeden Donnerstagvormittag stattfinden. Die Sessions haben zwei Ziele: zum einen die Präsentation neuer Blockchain-Prototypen durch DAO-Teams in Berlin, Hongkong, Johannesburg und Minsk, die Mittel für die Entwicklung experimenteller Kunstprojekte erhalten haben, zum anderen soll die Öffentlichkeit eingeladen werden, das Potential von DAOs zu diskutieren und zu untersuchen, wie Blockchain-Technologie zur Ausarbeitung neuer Systeme beitragen kann, die lokal entwickelt werden, aber von verschiedenen Gemeinschaften unter verschiedenen Bedingungen und an verschiedenen Orten benutzt werden können. Es ist dringend notwendig, die Technologie jetzt zu studieren, bevor sie sich verfestigt.
 

Die erste Online-Session der Reihe beschäftigte sich mit Black Swan DAO, einem Experiment zu einem dezentralisierten Konzept für aktuelle Finanzierungs- und Ressourcenmodelle in der Kunst. Laura Lotti und Calum Bowden, die Künstler*innen und Denker*innen hinter dem Projekt, wollten die zunehmende Prekarität künstlerischer Praktiken und anderer Formen kultureller Arbeitfrontal angehen. Derzeit konzentrieren sich die Ressourcen, Gelder und Mechanismen in der Kunstszene in der Regel in den Händen etablierter Institutionen. Was, wenn sie zu Kulturschaffenden umgelenkt werden könnten?
Screenshot der „Berlin: Black Swan DAO“ Online-Session, 28. Januar 2020 © Goethe-Institut

Screenshot der „Berlin: Black Swan DAO“ Online-Session, 28. Januar 2020 © Goethe-Institut

Screenshot der „Berlin: Black Swan DAO“ Online-Session, 28. Januar 2020 © Goethe-Institut

Black Swan DAO favorisiert Peer-to-Peer-Finanzierung und Community Organising, bei denen jeweils die Künstler*innen den Takt angeben. Das Ziel ist, Künstlergruppen mehr Kontrolle über Chancen und Rechercheagenda zu geben. Durch die Automatisierung bürokratischer Abläufe. Durch die Erleichterung des Teilens von Ressourcen, Plattformen, Technologien, Mitteln, Werkzeugen und Fertigkeiten und der Umverteilung kollektiver Macht. Oder mithilfe der Entwicklung neuer Mechanismen der Aufteilung von Risiken, desInvestierens und der Zusammenführung von Ressourcen. Statt in einem System zu operieren, das alle Entscheidungsmacht in den Händen von Galerien, Museen und Geldgebern konzentriert, wären Künstler*innen und Kulturschaffende, die durch das Raster der Kunstinstitutionenfallen, in der Lage, gemeinsam kulturelle Entscheidungen zu treffen und Projekte in Auftrag zu geben, die ihnen und ihren Gemeinschaften wichtig sind.
Screenshot der „Berlin: Black Swan DAO“ Online-Session, 28. Januar 2020 © Goethe-Institut
Der interessanteste und am stärksten entwickelte Aspekt des Projekts untersucht neue Abstimmungssysteme. Bowden und Lotti richteten eine aus neun Personen bestehende Arbeitsgruppe ein (André, Chiara, Claire, Leïth, Parrr, Shivani, Steph, Terence und Wassim), die sich einen Monat lang wöchentlich trafen und mithilfe von Trusts Discord-Plattformkommunizierten. Die Gruppe erstellte ein offenes Dokument, das Projektanträge für Kunstwerke auflistete. 16 davon wurden ausgewählt und die Gruppe musste entscheiden, welcher Antrag Entwicklungsgelder erhalten würde.
 
Black Swan testete drei Abstimmungsmethoden, die die Künstler*innen ins Zentrum der kulturellen Programmplanung stellten:
  • Quadratisches Wählen gibt den Nutzer*innen die Möglichkeit, strategisch zu denken und ihre Prioritäten besser zum Ausdruck zu bringen. Sie können sich aussuchen, ob sie ihre 100 Stimmen auf mehrere Projekte verteilen oder sie alle einem Projekt zuweisen. QW macht kollektive Entscheidungen nuancierter: Statt einem Dafür oder Dagegen können die Teilnehmenden abstimmen, wie wichtig ihnen ein bestimmtes Thema ist. Was QW so interessant macht, ist, dass es die Idee infrage stellt, Demokratie lasse sich nur durch das derzeitige „Eine Stimme pro Person“-System ausdrücken. Das ausgewählte Projekt möchte mithilfe von spekulativer Biologie und Storytelling eine Algenmaschine für den Hausgebrauch herstellen/sich ausmalen, die CO2 absorbiert und Biosprit produziert.
  • Emoji-Abstimmung: Jede Person kann über ein Schwan-Emoji genau eine Stimme abgeben. Der künstlerische Projektantrag, der 5 oder mehr Schwäne bekommt, erhält die gesamten Mittel. Die Mehrheit der Stimmen ging an ein Projekt für ein Hörspiel, das in nicht mehr als drei Stunden und in einer einzigen Einstellung geschrieben und aufgenommen werden soll. Das Hörspiel soll verschiedene Elemente untersuchen, die für die Black-Swan-Arbeitsgruppe, Trust und die Schwarzer-Schwan-Theorie relevant sind.
  • Der Lotterie-Veto-Mechanismus: alle Projektanträge kommen in eine Auslosung, es sei denn, sie haben ein Veto erhalten. Das erfolreiche Projekt, ID for 5 people [Papiere für 5 Personen], hat zum Ziel, Obdachlosen ohne gültigen Ausweis dabei zu helfen, Zugang zu staatlicher Sozialhilfe zu erhalten.
Black Swan wurde bei Trust entwickelt, einem kollektiven Projekt mit gemeinsam genutzten Räumlichkeiten in Berlin und einer Online-Community von 300 Mitgliedern. Es handelt sich dabei um Künstler*innen, Designer*innen, Technolog*innenund Ökolog*innen, die mit fortgeschrittenen Technologien und experimentellen Theorien arbeiten.
 
Lotti und Bowden planen, das System mit der gesamten Community der Trust-Discord-Mitglieder zu testen, um zu sehen, wie die Gruppengröße die Dynamik und den Abstimmungsprozess verändert. Das Black-Swan-Modell wurde speziell auf die Berliner Kunst-Community zugeschnitten und das Team hofft, in naher Zukunft in der Lage zu sein, es auch anderen Gruppen und Städten anzubieten, damit auch sie Systeme erstellen können, die Ressourcen in die Hände der Nutzer*innen statt der Gatekeeper der Kunstszene legen.
 
Ein weiteres, noch in Arbeit befindliches Element von Black Swan ist, dass seine Begründer*innen keine Erfahrung mit Blockchains haben. Noch nicht! Das noch im Frühstadium befindliche Projekt wurde so konzipiert, dass es auch für weniger technisch versierte Menschen leicht zu benutzen ist, die womöglich nicht über die nötigen Kryptowährungen verfügen, die für die Benutzung der meisten Blockchain-Netzwerke erforderlich sind. Im Moment greift das System auf eine Art „Papier-Blockchain“ zurück, bei der Lotti und Bowden im Rollenspiel verschiedene Entscheidungsfindungsprozesse benutzen, deren Auswirkungen untersuchen und ihre Annahmen überprüfen. 

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