Tag der Deutschen Einheit
„Die DDR in Erinnerung halten, mit ihren vielen Facetten“
Im Gespräch mit Romy Straßenburg spricht Robert Ide über seine eigenen Wendeerfahrungen, das Zusammenwachsen von Ost und West und die politische Verunsicherung in Ostdeutschland.
Von Romy Straßenburg
Robert, Du gehörst einer Generation an, die noch in der DDR aufgewachsen ist, aber ihr Erwachsenenleben vollständig im wiedervereinigten Deutschland verbracht hat. Was unterscheidet Deine Generation von anderen?
Das Interessante ist, dass in Ostdeutschland Menschen mit fünf Jahren Altersunterschied Dinge völlig verschieden erlebt haben. Ich selbst war vierzehn beim Mauerfall und bekam in der Schule bereits Probleme, weil ich politisch den Mund aufgemacht hatte. Daraufhin sollte ich nicht mehr zum Abitur zugelassen werden. Wäre ich stattdessen ein paar Jahre älter gewesen, hätte ich mich wahrscheinlich freiwillig bei den DDR-Grenztruppen verpflichten müssen, um einen Studienplatz zu bekommen. Es hat sich zwar 1989 (mit dem Fall der Berliner Mauer) über Nacht für alle gleichzeitig alles geändert und dennoch kam es darauf an, in welchem Lebensabschnitt man war. Meine Eltern zum Beispiel mussten mit 50 ein komplett neues Leben anfangen, haben ihre Jobs verloren, und auch die Art und Weise, wie man gelebt hatte, zählte eigentlich nicht mehr.
1990, als die DDR der Bundesrepublik beigetreten war, waren die Erwachsenen um mich herum völlig orientierungslos. Das führte aber dazu, dass ich alles neu machen konnte, ohne jemanden zu fragen, und das war wahnsinnig aufregend und toll. Diese Freiheit hat mich total beflügelt. Gleichzeitig habe ich aber gesehen, dass meine Eltern große Angst hatten, wie es weitergeht, ob sie sich ihre Wohnung noch leisten können und ob sie Arbeit bekommen. Zu dieser Zeit brach eine Form des „Zusammen“ weg, denn jetzt musste jeder für sich sehen, wie er weiterkommt.
Welche Erwartungen hatten die meisten Ostdeutschen zum Zeitpunkt der Wende?
Ich erinnere mich an den Moment, als wir mit meiner Familie am 9. November 1989 über die Bornholmer Straße in den Wedding rüber sind. Wir sahen abblätternde Altbauten und meine Mutter sagte: „Wo ist denn jetzt der Westen? Das sieht ja aus wie bei uns.“ Damit ging es schon los, denn das war nicht der Westen, den wir im Kopf hatten, wo es allen gut geht. Ein Erlebnis hat mich besonders geprägt: Wir haben in einem türkischen Gemüseladen eine Kiwi gekauft und fragten, wie man sie zubereitet, ob man sie kocht? Der Verkäufer hat sich totgelacht, aber in dieser Herzlichkeit lag ja ein Versprechen: „Wir interessieren uns genauso für euch, wie ihr für uns. “ Aber über die Jahre merkte die Ostdeutschen, dass sie zwar selbst immer nach Westen geguckt haben, in das gelobte Land, aber die Westdeutsche haben ganz woanders hingeschaut, nach Frankreich, Italien und Amerika. So hat man sich nie gesehen, sich nie in die Augen geguckt, selbst wenn man sich gegenüberstand. Und dann kamen aus Westdeutschland die ganzen „Helfer“, um die die Demokratie aufzubauen, aber eben einfach nach dem Modell der Bundesrepublik. Für Ostdeutsche war kein Platz. Und das tut ganz vielen Ostdeutschen bis heute sehr weh.
Welche Unterschiede zwischen Ost und West fallen Dir heute noch besonders auf?
Erstmal gibt es einfach weniger Vermögen in Ostdeutschland, was eine große soziale Frage ist. Im Osten konnte man kaum etwas vererben. Und weil man keine private Zusatzversorgung machen konnte, gibt es heute ein geringeres Rentenniveau. Und solche Themen, die aus dem Osten kommen, werden oft erst mal abgelehnt und wenn sie dann im Westen ankommen, mit Verzögerung, dann erst werden sie zum politischen Thema. Das sehen wir bei all den Strukturwandelfragen. Genauso ist Krankenversorgung auf dem Land seit zwei Jahrzehnten ein Riesenthema in Ostdeutschland, weil viele Krankenhäuser in der Fläche sich nicht mehr finanzieren können oder keine Ärzte finden. Jetzt kommt das aber auch in der westdeutschen Fläche an, in Nordrhein-Westfalen, und plötzlich ist es ein großes Thema.
Man könnte doch auch ein positives Narrativ des Wandels formulieren und fragen: Sind Ostdeutsche durch ihre Biografien nicht besser in der Lage, sich an Veränderungen anzupassen?
Ich glaube, diese Wandelerfahrung ist tatsächlich ein Vorteil und ja, Ostdeutschland hat sich bereits neu erfinden müssen und hat eine starke Transformation erlebt. Bergbaugebiete werden zu Naherholungsgebieten, es gibt Cluster für Biotechnologie, Firmen siedeln sich in Ostdeutschland an. Ich glaube fest an diese Wandlungsfähigkeit, denn in einem Staat wie der DDR musste man sich auch oft durchwurschteln und das hatten die Ostdeutschen tatsächlich den Westdeutschen lange voraus. Das Problem ist ja nur, dass der Wandel jetzt so permanent geworden ist, dass alles gleichzeitig geschieht, was alle Menschen überfordert. Alle haben Angst vor der künstlichen Intelligenz, vor den Folgen des Klimawandels, Angst vor Jobverlust und in ländlichen Gegenden haben sie schlechte Zukunftsperspektiven. Und dann machen die Leute zu, selbst wenn sie wandlungsfähig sind und sagen sich „Ich hab jetzt drei Wandel hinter mir, aber den vierten, fünften, sechsten, den schaffe ich nicht mehr, den will ich nicht. Das ist mir alles zu viel “.
Wie erklärst Du dir das Erstarken der Rechtsextremen in Ostdeutschland?
Ich glaube, den meisten Ostdeutschen in den Bundesländern, in denen zuletzt Wahlen stattfanden, geht es eigentlich gut: Sie haben ein Haus, die haben Autos, die machen regelmäßig Urlaub, die meisten haben inzwischen Arbeit, nicht zu vergleichen mit den ersten Jahren nach der Wende. Aber die Leute haben die große Angst, dass ihnen wieder das Gleiche passiert wie 1990, nämlich dass sie über Nacht alles wieder loswerden, was sie sich über die letzten Jahre aufgebaut haben. Die Angst ist auf jeden Fall größer im Osten.
Die AfD macht es sehr geschickt, weil sie ostalgische Symbole wie die DDR-Mopeds von Simson ausholt und sagt: „Jetzt fahren wir wieder in die Freiheit. Uns kann keiner vorschreiben, was ist.“ Und dabei wird natürlich vergessen, dass das eine Diktatur war und dass Menschen an der Grenze erschossen wurden. Aber man merkt, dass in dieser Wahrnehmungsstörung eine tiefe Traurigkeit und Bitterkeit und Enttäuschung liegen und das reproduziert sich und überträgt sich auf jüngere Generationen. Das finde ich schon krass und hätte ich nie erwartet nach 36 Jahren.
Aber ich finde auch, kulturell sind Ost und West schon viel näher aneinander als man denkt und der große Clash besteht inzwischen in abgehängten, ländlichen Regionen.
Wird die Ost-West-Unterscheidung Deutschland noch lange prägen oder verliert sie allmählich an Bedeutung?
Ich beschäftige mich jetzt seit 36 Jahren mit diesem ganzen Thema und im Moment wieder sehr intensiv. Und jetzt sehe ich, dass ganz viele junge Leute, die die DDR gar nicht erlebt haben, sich wieder dafür interessieren, wenn ihre Eltern aus Ostdeutschland kommen. Selbst wenn sie längst woanders leben. Diese Menschen sagen, es bedeutet ihnen etwas. Ich merke das auch bei meinen Eltern, bei meinen Großeltern. Da gibt es immer noch Schmerzen, Sehnsüchte und Enttäuschungen. In meiner Arbeit will ich versuchen, dem nachzugehen, um zu verstehen, warum die ganz junge Generation wieder einen neuen, frischen, vielleicht auch hoffentlich kritischen Blick auf die DDR hat, aber eben immer noch einen sehr empathischen.
Ich würde es gut finden, wenn die Menschen auch in dreißig, vierzig Jahren noch darüber reden, weil es eben doch wichtig ist, dass man die DDR in Erinnerung hält, und zwar mit diesen vielen Facetten und weil eben unterschiedliche Leute versuchten, durch eine Diktatur durchzukommen und daraus trotzdem etwas zu machen, immer mit der Frage: „Wie sehr passe ich mich an oder nicht? “ Das sind ja Fragen, die ich mir heute auch stelle. Aber ich hoffe natürlich, dass sich die sozialen Unterschiede nivellieren werden. Aber solange Vermögen unangetastet bleiben, bleibt auch die soziale Spaltung bestehen. Und da Ostdeutschland in dieser Hinsicht einen Startnachteil hat, wird es nie völlig aufholen können. Dass die Lebensverhältnisse irgendwann komplett gleich sein werden, das war tatsächlich eine Illusion, ein falsches Versprechen, das von den Ostdeutschen zu gerne geglaubt worden ist.