Eine virtuelle Austauschplattform
Living Rooms

Living Rooms
© Goethe-Institut Indonesien

Von August bis Oktober 2020 bot das Projekt Living Rooms eine virtuelle Austauschplattform für Kunst- und Kulturschaffende aus Südostasien und Deutschland.

Um Künstler*innen und Kulturarbeiter*innen aus ihrer Region während der COVID19-Pandemie zu unterstützen und zu vernetzen, schufen die Goethe-Institute aus Indonesien, Malaysia, den Philippinen, Thailand und Vietnam einen Safe Space auf ZOOM für virtuellen Wissensaustausch und Diskussionen zum aktuellen Stand der Künste (post-)Corona. Ein Versuch, die vielschichtige und sich immer weiterentwickelnde Situation zu reflektieren. Dabei entstand eine diverse Gruppe, die sich gegenseitig inspirierte, forderte und stützte.

Impulse für die sechs gemeinsamen Treffen gaben drei Leitfragen:

  • How to (not) reopen?
  • How to (not) survive?
  • How to (not) create?

Ein Einblick:

“COVID-19 is history and you will have a story to tell”

Anfang März reisten drei Künstler*innen mit einem Pacific-Leipzig-Stipendiums des Goethe-Instituts für eine mehrmonatige Residenz am Leipzig International Arts Programme (LIAp) nach Deutschland. Zwei Living Rooms © Keni s. Wochen später begann der Lockdown und die drei Stipendiat*innen setzten ihren Aufenthalt trotz Kontaktbeschränkungen und auch aufgrund unmöglich gewordener Ausreisen fort. Anna-Louise Rolland, Gründerin von LIA, beschreibt die künstlerischen Prozesse während dieser Zeit als eine Art Heilung. Die Künstler*innen reflektierten ihre Sorge, ihre Einsamkeit sowie den Wunsch nach Berührung in ihren Arbeiten, nutzten ihre Atelierfenster als Ausstellungsfläche und entwickelten Strategien zum Austausch mit anderen Künstler*innen vor Ort. 

In Südostasien versuchten Künstler*innen und Kulturorganisationen sich schnellstmöglich an die neue und von Unsicherheiten geprägte Situation anzupassen. Vor allem drei Entwicklungen standen dabei im Vordergrund: Viele Künstler*innen schlossen sich für gemeinsame soziale Initiativen zusammen, produzierten beispielsweise Masken oder brachten Essenspakete in einkommensschwache Nachbarschaften. Kulturorganisationen entwickelten virtuelle Programme um andere Künstler*innen zu unterstützen oder interaktive Formate, um die Verbindung zu anderen zu stärken. Ein weiteres Phänomen ist für Delan Robillos, Mitglied der National Commission for Culture and the Arts in den Philippinen, “Mainstream to Downstream”: Um weiterhin Einnahmen zu generieren, entwickelten Künstler*innen kleinere Formate oder Merchandiseprodukte, die sie meist auf Social Media zu günstigeren Preisen verkauften und so neue Märkte erreichen konnten. Für Artati Sirman, Selasar Sunaryo Art Space Bandung, stellt sich die Frage, inwieweit diese neuen Produktionsmodi den Kunstmarkt nachhaltig verändern und demokratisieren können.

Digitale Innovationen und neue Formen der Vermittlung

Je länger die Pandemie andauert, umso mehr setzen sich viele der Living Rooms-Teilnehmenden mit digitalen Technologien auseinander und entwickeln neue Kompetenzen und Formate. Für Felix Ruhöfer, Leiter der Kunst- und Ausstellungsplattform basis e.V., Frankfurt, stehen dabei zwei Aspekte im Living Rooms © Goethe-Institut Indonesien Vordergrund. Erstens die Frage, wie die digitalen Präsentationsformen künstlerische Praktiken verändern und zweitens welche Wirkung virtuelle Formate auf das Publikum haben. Mit ihrem virtuellen Puppentheaterfestival erreichte Papermoon Theatre ein größeres Publikum als jemals zuvor. Ein weiterer Vorteil: Da das Bühnenbild nicht für eine Tour auf- und abgebaut werden musste, konnten die Theatermacher*innen dafür fragile Materialien nutzen. Zentral bleibt für Leiterin Maria Tri Sulistyani das Zwischenmenschliche, hierfür müssten stets Lücken und Austauschformate geschaffen werden. Auch Komunitas Salihara in Jakarta erreicht mit virtuellen Performances teilweise über 30.000 Zuschauer*innen. Zahlen, die die Frage nach der temporären Gemeinschaft, die Theater schafft, neu stellen. Ein weiteres Novum sind lebhafte Chats und Kommentare als direkte Reaktionen während der Live-Videos. Was für alternative soziale Choreographien und Zusammenkünfte entstehen?

Auch neue Formate für Weiterbildung und Reflexion werden möglich. Unabhängigen Tanzschaffenden ohne institutionelle Strukturen fehlten in den letzten Monaten die Bühnen. Gefragt waren stattdessen vor allem Online-Tanzklassen für Jugendliche und Wettbewerbe. Die Plattfom “dokumen.tari” von Sasikirana Dance Camp Bandung stärkt die Vermittlung von zeitgenössischem Tanz mit neu entwickelten Storytelling-Formaten, Fotoessays und Dokumentarfilmen. In mehrwöchigen Online-Workshops setzten sich Tänzer*innen aus ganz Indonesien mit ihrer künstlerischen Praxis auseinander und lernen neue Kompetenzen um Tanz visuell zu tradieren und verständlich zu machen. Es geht darum, neue Wege Vermittlung zu erforschen und das Publikum stärker an Prozess und Recherche teilhaben zu lassen. 

“Community Care”, Künstler*innenwohlfahrt und Nachhaltigkeit

Die Pandemie rückt vor allem auch Fragen zu sozialer Gerechtigkeit den Fokus. Große Teile der Bevölkerungen leiden unter finanzieller Unsicherheit und auch für Künstler*innen fehlt es an staatlichen Förderstrukturen. Obwohl viele Künstler*innen in Südostasien stets im “Überlebensmodus” arbeiten, ist ein Überleben mit einer künstlerischen Arbeit während der Pandemie kaum mehr möglich. Die NGO Artist Welfare Project Inc. aus Manila bietet selbstständigen Künstler*innen Zugang zu günstigen Krankenversicherungen und entwickelte spezielle Unterstützungsprogramme für aufgrund von COVID-19 international oder regional gestrandete Künstler*innen. Durch die Pandemie rücken die Verletzlichkeit des Körpers, mentale Gesundheit und gegenseitige Achtsamkeit mit dem/der/den Anderen in den Fokus.  Den Impuls von Künstler*innen in Südostasien sich auf ganz unterschiedliche Arten um vulnerable Gruppen, Nachbarschaften und Communities zu kümmern und so sowie auch durch ihre künstlerische Praxis Gemeinschaft zu schaffen, sieht Abhijan Toto, Kurator aus Bangkok, als wichtige Entwicklung und Verschiebung in der regionalen Kunstszene. Doch was Gemeinschaft genau bedeutet, wen diese ein- und auschließe und welche Räume sie öffnet oder für andere unzugänglich macht, müsse oft noch inklusiver definiert werden. 

Im Sommer stellte Jan-Philipp Possmann, künstlerischer Leiter des freien Theaters zeitraumexit in Mannheim, sich vor, dass alle Theater, Gallerien und Museen aufgrund von COVID-19 jahrelang geschlossen bleiben müssten. Obdachlose würden dann dort einziehen, Jugendliche die Bühne zum Abhängen nutzen, autonome Gruppen dort regieren. Welche guten Gründe gebe es dann, die Räume an die Kunst zurückzugeben? Die Kuratorin Liza Ho hat vor einigen Jahren The Zhongshan Building, ein ehemaliges Bürogebäude der Selangor Zhongshan Association, in ein Kunst- und Kreativquartier verwandelt. Nach dem Ende des Lockdowns in Malaysia beobachtete sie ein gesteigertes Interesse an künstlerischen, sinnvollen Aktivitäten. Die Menschen wollten neue öffentliche Räume und keine Einkaufsmalls.

Im Herbst führt die zweite Welle der Pandemie viele Länder der Region erneut zu einem (Teil-)Lockdown. Wieder ist schnelle Anpassung gefragt. Für Hardesh Singh und sein Team vom The Cooler Lumpur Festival war ein rein virtuelles Festival der Ideen allerdings keine Alternative.

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