Interview mit Yotam Gotal
„Hier entsteht ein echtes Gemeinschaftsgefühl“

Mein Gott, Herr Pfarrer! Bühnenbild
v.l.n.r.: Inga Busch, Sophie Rois, Benny Claessens, Christine Groß. | Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz© Gordon Welters

Der Theatermacher Yotam Gotal hospitiert in Berlin an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Im Interview erzählt er, welche Impulse die Produktion „Mein Gott, Herr Pfarrer“ ihm für seine eigene Arbeit gibt, warum es von Vorteil ist, künstlerische Risiken eingehen zu können und wie er die Berliner Theaterlandschaft erlebt.

Von Patrick Wildermann

Wie ist die Verbindung zur Volksbühne zustande gekommen?

Dazu muss ich etwas ausholen. Ich habe mich 2022 mit einem Video meiner Inszenierung von Bertolt Brechts „Fatzer“-Fragment beim Brecht-Festival in Augsburg beworben. Die Reaktionen der Festival-Leiter Jürgen Kuttner und Tom Kühnel waren sehr positiv, aber aufgrund der Pandemie war unklar, ob ein Gastspiel möglich sein würde. Wir haben dann vereinbart, dass ich stattdessen einen Kurzfilm für das Festival drehe, inspiriert von einem Brecht-Gedicht aus dem „Lesebuch für Städtebewohner“. Über diesen Austausch ist eine Freundschaft mit Jürgen Kuttner entstanden – und der Plan, gemeinsam ein weiteres Projekt zu realisieren. Er hat mich in Tel Aviv besucht, wo wir eine Woche lang sehr intensiv diskutiert und schließlich beschlossen haben, uns mit dem Film „Der Passagier – Welcome to Germany“ des deutschen Dramatikers Thomas Brasch auseinander zu setzen.

Was reizt Sie beide an diesem eher unbekannten Werk von Brasch?

Der Film ist zweisprachig gedreht, auf Deutsch und Englisch, und er setzt sich auf mehreren Ebenen sehr spannend mit dem Holocaust auseinander. Im Zuge unserer Überlegungen für eine israelisch-deutsche Koproduktion hatten wir ein unverbindliches Meeting an der Volksbühne, wo Jürgen Kuttner schon seit den 1990er Jahren arbeitet. Wir haben den Schauspieler Martin Wuttke getroffen, außerdem die Volksbühnen-Dramaturgin Anna Heesen. Sie hat mir angeboten, dass ich doch für eine Zeit am Haus hospitieren könnte. Das fügte sich gut, weil ich ohnehin im Gespräch über ein Praktikum irgendwo in Deutschland mit Berit Wohlfahrt war, die beim Goethe-Institut die Ansprechpartnerin für die Übersetzungsförderung von Theaterstücken und für Hospitationsstipendien ist. Sie hat mich bei meinen Berlin-Plänen ebenso unterstützt wie das Goethe-Institut Israel in der Leitung von Carola Dürr, wofür ich extrem dankbar bin.

An welchen Proben nehmen Sie dort teil?

Ich hospitiere bei der Inszenierung „Mein Gott, Herr Pfarrer“ des Volksbühnen-Intendanten René Pollesch – der Titel ist inspiriert von einer deutschen Fernsehserie aus den 1980er Jahren, wie man mir erzählt hat, „Oh Gott, Herr Pfarrer“. Pollesch arbeitet mit einem vierköpfigen Ensemble – Inga Busch, Benny Claessens, Christine Groß und Sophie Rois – sowie einem Mädchenchor. Es geht, wie immer bei Pollesch, nicht darum, eine lineare Geschichte zu erzählen. Ich würde das Stück als postmoderne Collage beschreiben, die von Ingmar-Bergman-Filmen inspiriert ist und sich mit Religion und Religiosität auseinander setzt.

Wie erleben Sie Pollesch bei der Arbeit?

Im Hebräischen würden wir sagen: Er hat ein goldenes Herz. Pollesch ist extrem freundlich und zugewandt, was meiner Erfahrung nach keine Selbstverständlichkeit bei einem Regisseur in seiner Liga ist. Gewöhnlich sind Regisseure eher autoritär und möchten die Kontrolle über alles haben, was ich bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen kann – schließlich tragen sie am Ende auch die Verantwortung. Es gibt dazu ein weiteres hebräisches Sprichwort: Erfolg hat viele Väter, Misserfolg nur einen. Wenn eine Inszenierung künstlerisch floppt, zeigen alle mit dem Finger auf den Regisseur, nicht auf das Team. Aber Pollesch stellt ein echtes Gemeinschaftsgefühl auf der Probe her, holt die Meinung von anderen ein. Vor allem die Schauspielerinnen und Schauspieler sind bei ihm im Grunde Co-Autorinnen und -autoren und haben großen Einfluss auf die Inszenierung.

Können Sie sich selbst auch einbringen?

Ja, durchaus. Ich will nicht zu viel über die Inszenierung preisgeben, aber wie erwähnt setzt sie sich mit Fragen von Religion und dem Glauben an Gott auseinander. Ich spreche Hebräisch – also kann ich das Alte Testament im Original lesen. Das war in vielen Fällen hilfreich für den Arbeitsprozess, wie überhaupt meine Bibelkenntnisse.

Nehmen Sie etwas für Ihre eigene Theaterarbeit aus dieser Zeit an der Volksbühne mit?

Auf jeden Fall. Allein das Arbeitssystem, das Pollesch etabliert hat, ist enorm inspirierend. Er schreibt seine Stücke selbst und kommt mit einer Textversion auf die Probe, die aber nicht fertig ist, sondern gemeinsam gelesen und diskutiert wird. Ausgehend von diesem Austausch bringt er am nächsten Tag eine neue Version mit. Überhaupt fasziniert mich die postdramatische Ästhetik, für die die Volksbühne steht. Ich habe kürzlich hier am Haus eine Arbeit der Choreographin Constanza Macras gesehen, „Drama“, die unglaublich avantgardistisch und experimentell ist. In Israel würde etwas Vergleichbares vielleicht an einem sehr kleinen Haus vor 30 oder 40 Zuschauern gezeigt. In Berlin findet sie auf der großen Bühne vor 800 Leuten statt.

Was sind Ihre Erfahrungen mit dem Apparat eines solchen Hauses?

Das ist ein weiterer interessanter Punkt. Ab der zweiten Woche waren wir mit „Mein Gott, Herr Pfarrer“ auf einer Probebühne des Theaters in Rummelsburg, in der Berliner Peripherie, wo bereits das komplette Bühnenbild aufgebaut war. Auch das ist in Israel anders, meist gibt es einen kleinen Proberaum, wo den Schauspielerinnen und Schauspielern gesagt wird: Stellt euch vor, dort steht ein Tisch, dort ist eine Tür. Erst fünf Tage vor der Premiere wird dann im Theater im fertigen Bühnenbild geprobt, was zu absolutem Chaos führt, weil das Set am Ende doch immer anders aussieht, als man dachte. Im Grunde muss man also mit der Inszenierung von vorne beginnen. Bühnen- und Kostümbildner sind in der Regel auch nicht am Probenprozess beteiligt – anders als in Berlin, wo wir von Anfang an alle zusammen im Raum waren, die Dramaturgie, die Assistenten aller Gewerke, ich als Hospitant.

Was ist in Ihren Augen der wesentlichste Unterschied zwischen der israelischen und der deutschen Theaterlandschaft?

So bedauerlich oder banal es ist: Der größte Unterschied ist ein finanzieller. Geld macht in unserer Welt den Unterschied. In Israel müssen die Theater ungefähr 50 Prozent ihres Budgets selbst erwirtschaften, in Deutschland sind es – soweit ich weiß – um die 15 Prozent, der große Rest ist staatliche Förderung. Das bedeutet, dass die Häuser künstlerische Risiken eingehen können. Wenn eine Produktion kein Erfolg wird, ist das kein Drama. In Israel schon. Spielt ein Stück nicht genug an der Kasse ein, können im Zweifelsfall die Mitarbeiter des Theaters nicht bezahlt werden. Solche Fälle gibt es. Daraus resultiert, dass die Produktionen – die in der Regel auch auf Tournee durch kleinere Städte ohne eigenes Theater geschickt werden – einen Massengeschmack treffen müssen.

Was bedeutet das konkret?

Die Annahme ist, dass die Leute sich selbst auf der Bühne wiedererkennen wollen. Populär sind Stücke von zeitgenössischen israelischen Dramatikerinnen und Dramatikern, entweder leichte Komödien oder leichte Dramen, die im Israel von Heute spielen und sehr realistisch gebaut sind. Meistens spielen sie in baugleichen Ikea-Wohnzimmern. Nichts gegen Realismus. Auch die Schaubühne in Berlin, wo ich mir ebenfalls einige Inszenierungen angeschaut habe, arbeitet man manchmal realistisch, das kann einen Reiz haben. Aber die gesamte Intention dieser Fließband-Stücke, von denen ich spreche, ist es, vermarktbar zu sein. Umso mehr Impulse gewinne ich durch die Vielfalt der Berliner Theaterszene.

Wie geht es mit Ihrem Thomas-Brasch-Vorhaben weiter – und welche Projekte planen Sie darüber hinaus?

Jürgen Kuttner und ich haben noch nicht letztgültig beschlossen, wann und wo es stattfinden soll. Aber die Idee ist weiterhin, auf der Basis des Drehbuchs von Brasch ein Stück zu erarbeiten. Ein anderes Projekt, das nach meiner Rückkehr in Israel ansteht, ist eine Premiere von Brechts „Arturo Ui“, das ich übersetzt und adaptiert habe. Ich bleibe jedenfalls meinem Faible für Brecht treu!

Yotam Gotal, 2023
Yotam Gotal, 2023 | © Shira Gotal
Yotam Gotal, 30, ist Regisseur und Hausdramaturg des Khan-Theaters in Jerusalem. 2022 erhielt er für sein Stück „La Douleur“ beim Akko Festival eine besondere Auszeichnung. Als Regisseur ist er an Schauspielschulen, wie der Beit Zvi School of The Performing Arts und der Tel Aviv Universität tätig, wo er auch einen Philosophie-Kurs unterrichtet.

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