Die Goethe-Medaille 2026
Anita Raja und Christa Wolf – Deutsch als Sprache des Herzens

Porträt der Übersetzerin Anita Raja; im Hintergrund ein Bücherregal
Foto (Detail): © Willie Schumann

Es ist ein schöner Sommertag und wir treffen Anita Raja, die viele Jahre Leiterin der Biblioteca Europea auf dem Gelände des Goethe-Instituts in Rom war. Mit einem herzlichen und einladenden Lächeln öffnet sie uns ihre Wohnung, die angenehm kühl ist. Die Trägerin der Goethe-Medaille 2026 hat viele Geschichten zu erzählen. 

Von Sarah Wollberg

Wir setzen uns, umgeben von Büchern, und sprechen über ihren Zugang zur deutschen Sprache, die außergewöhnliche Freundschaft, die sie ein Leben lang mit Christa Wolf verband, und über den langen Austausch, der sie zur italienischen Stimme einer der bedeutendsten Schriftstellerinnen Deutschlands machte.

Die Ursprünge

Anita Rajas Beziehung zur deutschen Sprache beginnt bei ihrer deutschen Mutter, deren Leben von Brüchen und einem Gefühl der Entwurzelung geprägt war. 1937 musste sie im Alter von zehn Jahren mit ihren Eltern aus Deutschland fliehen. Sie gehörten zu den Letzten, denen die Flucht gelang, während viele andere Familienangehörige verhaftet, deportiert und ermordet wurden. Kurz vor dem Inkrafttreten der Rassengesetze, gelangten sie nach Italien. Es folgten Transitlager und faschistische Verbannung. Anitas Mutter konnte erneut flüchten, diesmal allein in die Schweiz. Erst nach Kriegsende fand die Familie dank des Roten Kreuzes wieder zusammen.

Fast zufällig gelangten sie nach Neapel, ursprünglich mit dem Ziel, nach Palästina weiterzureisen, wo eine Schwester des Großvaters lebte, die einzige Überlebende der Familie. Doch sie blieben in Italien, und Anitas Mutter lernte dort ihren späteren Ehemann kennen, Anitas Vater. Als Anita noch sehr klein war, zog die Familie nach Rom.

Zu Hause sprach ihre Mutter mit ihren Eltern Deutsch, mit ihrer Tochter aber ausschließlich Italienisch. Für Anita Raja fühlte sich Deutsch wie eine vertraute, private Sprache an – die Sprache des Herzens ihrer Mutter. Sprach jemand Deutsch mit ihr, verstand sie alles, fast so, als wäre es Italienisch – und so ist es bis heute geblieben. „Deutsch ist ein Teil meiner Identität, aber ein Teil, der sich nie ganz wie mein eigener anfühlt. Es ist etwas, das ich immer wieder erreichen muss. Es ist eine Sprache, mit der ich mich ständig auseinandersetze.“

Der Großvater besaß eine umfangreiche deutschsprachige Bibliothek. Goethe, Mann und Schiller standen dort als unverzichtbare Klassiker neben der Göttlichen Komödie. Der Vater, erinnert sich Anita Raja, war ein äußerst gebildeter Mann und zitierte oft Goethe, während die Mutter eine leidenschaftliche Leserin Thomas Manns war. Dennoch, so erzählt Anita Raja, habe sie nie daran gedacht, Übersetzerin zu werden.

Die Begegnung mit Christa Wolf

Das Interesse an der Übersetzung entstand erst später, beinahe zufällig. Raja war befreundet mit Sandra Ozzola und Sandro Ferri, die Gründer des Verlags Edizioni E/O, der in seinen Anfangsjahren vor allem Literatur aus Osteuropa herausgab. Sie suchten Mitarbeiter*innen, die Texte aus der DDR lesen und zusammenfassen konnten. „So entdeckte ich mit großer Begeisterung viele Autorinnen aus der DDR. Für mich eröffnete sich eine Welt, die mir zuvor völlig unbekannt war.“

Porträt der Übersetzerin Anita Raja neben einer Glaswand der Biblioteca Europea in Rom Foto (Detail): © Willie Schumann

Zunächst arbeitete sie intuitiv. Der entscheidende Wendepunkt kam mit Christa Wolf.
„Meine Mutter auf der einen und Christa Wolf auf der anderen Seite – zwei verschiedene Wege, über die sich meine Beziehung zur deutschen Sprache entwickelt hat.“

Kassandra – ein italienischer Bestseller

„In Italien wurde Kassandra völlig unerwartet zum Bestseller“, erzählt Anita Raja, „und zum ersten Bestseller von Edizioni E/O.“ Der Erfolg lief nicht über die traditionellen Kanäle, sondern verbreitete sich über unabhängige Buchhandlungen, Kulturvereine, feministische Gruppen und Dokumentationszentren. „Anfang der achtziger Jahre“, erklärt sie, „waren viele Frauen auf der Suche nach ihrer eigenen Identität, und Kassandra traf genau diesen Nerv.“

Für Anita Raja ist Kassandra weit mehr als der Roman über einen Mythos; es ist ein Buch, das auch von unserer Gegenwart spricht: „Kassandra sind wir! Sie eröffnet uns einen Weg der Emanzipation und der Befreiung von kulturellen und gesellschaftlichen Zwängen.“ Hinzu kommt die Kraft von Christa Wolfs Sprache: ausdrucksstark und vielschichtig, besonders beeindruckend bei szenischen Lesungen.

Ihre langjährige Freundin Sandra Ozzola von Edizioni E/O, mit der wir am Tag zuvor in den Verlagsräumen gesprochen haben, ist sich vor allem in einem Punkt sicher: „Ohne Anitas außergewöhnliches Können wäre Kassandra in Italien nicht dasselbe geworden – es hätte sogar ein Desaster werden können.“

Eine persönliche Frage

Dank ihrer engen Beziehung, fast wie zwischen Mutter und Tochter, hatte Anita Raja oft die Gelegenheit, Christa Wolf sehr persönliche Fragen zu stellen. Eine davon beschäftigte sie besonders: „Mich interessierte vor allem, wie sie alles miteinander vereinbaren konnte: eine große Schriftstellerin zu sein und gleichzeitig eine Familie, zwei Töchter und einen Haushalt zu haben. Diese Frage hat mich immer beschäftigt: wie es einer Frau gelingt, Welten zusammenzuhalten, die wir normalerweise gezwungen sind, voneinander zu trennen.“

Christa Wolf habe auf einen außergewöhnlichen Partner zählen können, der sich um die Organisation des Haushalts kümmerte. Zwischen den beiden habe es eine besondere, aber ausgewogene Rollenverteilung gegeben. Auch literarische Fragen wurden gemeinsam besprochen, der Ausdruck einer tiefen Verbindung, die alle Bereiche ihres Lebens umfasste.

Die Verbundenheit zu Christa Wolf lebt fast 15 Jahre nach deren Tod weiter: in den Erinnerungen an die gemeinsame Zeit, in ihren Büchern, die heute bei Edizioni E/O neu aufgelegt werden, und auch durch ihre Töchter. Anita Raja hat das Gefühl, diese viel besser zu kennen, als es tatsächlich der Fall ist. „Christa sprach oft von ihnen, so wie eine gute Freundin von ihren Kindern erzählt. Ich fühle mich ihnen durch ein Gefühl der Vertrautheit verbunden.“

Eine außergewöhnliche Geste

Unter den vielen Erinnerungen gibt es eine, die Anita Raja besonders viel bedeutet. Als Christa Wolf 1990 den Premio Mondello erhielt, teilte sie das Preisgeld mit ihrer Übersetzerin, die sie nach Sizilien begleitet hatte.
Eine seltene Anerkennung, denn die Arbeit von Übersetzer*innen erfuhr damals noch sehr wenig Wertschätzung. Christa Wolf war sich der Bedeutung der Übersetzung und der entscheidenden Rolle von Anita Raja vollkommen bewusst.

Die Goethe-Medaille 2026

Und was denkt sie über die Goethe-Medaille? Anita Raja erzählt uns, dass sie kein Mensch sei, der gerne im Rampenlicht stehe. „Ich glaube, die Arbeit einer Übersetzerin ist eine Arbeit, die einen Schritt hinter der Autorin oder dem Autor steht. Das war immer auch mein persönlicher Lebensstil“, sagt sie mit ihrer feinfühligen Art, die wir so gut aus der Zeit kennen, als wir Seite an Seite mit ihr im Rahmen der Bibliothekskooperation zwischen der Biblioteca Europea und dem Goethe-Institut gearbeitet haben. „Wenn ich an die Menschen denke, die diese Auszeichnung vor mir erhalten haben, frage ich mich manchmal, ob meine Arbeit nicht überschätzt worden ist. Aber ich freue mich natürlich sehr darüber.“

Wir freuen uns ebenfalls, einmal mehr das Licht auf eine so menschliche Persönlichkeit zu richten. Sicher ist, dass Anita Raja keinesfalls überschätzt wurde. Im Gegenteil: Wenn wir Kassandra sind, dann verdanken wir das auch ihr, der italienischen Stimme von Christa Wolf.

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