Berlinale 2026
Berlinale Talents: junge Filmszene und Zukunftsvisionen

Silvia Carobbio in Berlin als Teilnehmerin von Talents 2026
Die junge italienische Filmkuratorin Silvia Carobbio in Berlin als Teilnehmerin von Berlinale Talents 2026. | © Goethe-Institut Italien | Foto: Silvia Carobbio

Als Teilnehmerin der Berlinale Talents 2026 spricht die junge italienische Filmkuratorin Silvia Carobbio über ihre kuratorischen Ideen, die Lebendigkeit des europäischen Kinos und ihre Erwartungen an eine Berlinale, die für sie eine ganz besondere ist. Von Programmgestaltung über Festivals bis hin zu VOD und Kinosaal reflektiert sie die Rolle der Kurator*innen heute – und erklärt, warum die Berlinale für sie ein einzigartiger Ort ist, um neue Talente zu entdecken.

Von Sarah Wollberg

Du wurdest für die Berlinale Talents 2026 ausgewählt. Was bedeutet das für Dich?

Ich freue mich sehr, denn ich halte das Programm für eines der wichtigsten Formate für Vertiefung, Ausbildung und vor allem Networking, das es in Europa – und ich würde sagen sogar weltweit – gibt. In Berlin ausgewählt zu werden, ist für mich eine große Ehre, auch weil ich viele Talents der vergangenen Jahre kenne und weiß, wie viel diese Erfahrung für ihr persönliches Wachstum bedeutet hat. Ich bin sehr gespannt darauf, mich mit anderen Programmkurator*innen darüber auszutauschen, welche Ideen sie für unsere Arbeit in Zukunft haben.

Was sind Deine Ideen für die Zukunft?

In den letzten Jahren habe ich einen kuratorischen Ansatz entwickelt, der sich nicht nur auf Festivals oder Kinosäle beschränkt, sondern auch Distribution und Entwicklung mit einbezieht – vom VOD über Streaming bis hin zur Arbeit an Schulen. Diese „dreidimensionale“ Sichtweise entsteht aus der Erkenntnis, dass die Krise der Kinos und die enorme Menge an produzierten Werken neue Wege erfordern. Die Logik der Premieren, so prestigereich sie auch ist, führt oft dazu, dass Filme am selben Tag geboren werden und sterben. Für mich ist es entscheidend, ein transnationales Netzwerk aufzubauen, das Filmen ein Leben über ihre Premiere hinaus ermöglicht. Ich glaube fest an das Nebeneinander von Festivals und VOD. Die Online-Verfügbarkeit schadet einem Film nicht – im Gegenteil, sie kann seine Reichweite vergrößern, wie zahlreiche Fallstudien zeigen.

Was macht die Berlinale für Dich besonders?

Die Berlinale fühlt sich ein bisschen an wie nach Hause kommen an Weihnachten. Man trifft dort jedes Jahr wieder Menschen aus der Branche, die mit der Zeit fast zu einer großen Familie werden. Für mich ist sie immer einer der wichtigsten, vielleicht der wichtigste Termin, weil man dort ständig im Austausch ist und Beziehungen aufbaut, die über die Jahre wachsen. Außerdem empfinde ich die Berlinale im Vergleich zu vielen anderen Festivals als ausgesprochen zugänglich und nachhaltig.

Kann die Berlinale Dich noch überraschen?

Die Sektionen, die mich auf der Berlinale immer am meisten überraschen, sind Forum und Berlinale Shorts. Die Auswahl an Kurzfilmen finde ich extrem spannend, vor allem im Hinblick auf das Scouting junger Filmemacher*innen, die später tatsächlich relevant werden. Forum ist für mich ein verlässlicher und seltener Ort für filmisches Experimentieren. Der Wettbewerb interessiert mich persönlich weniger, weil ich eher mit kleineren, spezielleren Projekten arbeite. Obwohl wir 2022 mit einer Produktion, für die ich gearbeitet habe, den Goldenen Bären für Alcarràs gewonnen haben, faszinieren und überraschen mich die anderen Sektionen immer mehr.

Wie siehst du das junge italienische und deutsche Kino heute?

Was das italienische Kino betrifft, wäre ich vor einem Jahr noch völlig desillusioniert gewesen. Dieses Jahr hingegen gab es einige großartige Erfahrungen. Ich denke zum Beispiel an Francesco Sossais Film Le città di pianura, der gezeigt hat, dass italienisches Autorenkino auch zugänglich sein kann. Der Film war auch an den Kinokassen erfolgreich – also keineswegs nur ein Nischenprojekt für Filmexpert*innen. Dem Publikum zu vertrauen, es ernst zu nehmen und es herauszufordern, führt am Ende zum Erfolg.
Das deutsche Kino habe ich immer als sehr vital wahrgenommen, besonders die jungen Schauspieler*innen, ohne jetzt Namen zu nennen. Auch wenn ich eine große Leidenschaft für eine deutsche Schauspielerin habe, die für mich zu den interessantesten Stimmen der Gegenwart gehört: Helena Wittmann.
Insgesamt wirkt die Produktionslandschaft dynamischer, vielleicht auch, weil Deutschland im Gegensatz zu Italien nicht so stark auf eine einzige Stadt wie Rom konzentriert ist und ein regionales Fördersystem hat, das mehr Diversität ermöglicht.

Berlinale 2026 – hast du schon Favoriten?

Ich bin sehr gespannt auf die Kurzfilme. Besonders interessiert mich der neue Kurzfilm der polnischen Filmemacherin Zuza Banasińska, die im vergangenen Jahr ebenfalls zu den Berlinale Talents gehörte. Sehr neugierig bin ich auch auf den neuen Kurzfilm der belgischen Regisseurin Martha Mechler Peters. Dann gibt es den neuen Film der deutschen Regisseurin Angela Schanelec, auf den ich mich wirklich sehr freue. Große Erwartungen habe ich außerdem an Chronicles from the Siege, den neuen palästinensischen Film von Abdallah Al-Khatib, dem Regisseur von Little Palestine. Dieser Film hat eine andere Perspektive eröffnet, und ich bin sehr gespannt auf seine neue Arbeit. Das sind bisher meine persönlichen Highlights.

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