Die Frankfurter Buchmesse und der Deutsche Buchpreis
Ein Destillat der Gegenwart
Wenn sich im Oktober die Literaturszene auf der Frankfurter Buchmesse trifft, geht es auch um die drängenden Fragen unserer Zeit. Wie die deutschsprachige Literatur darauf blickt, zeigt die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2026: Ihre Romane handeln von Krieg, Erinnerung, Klimakrise, Migration und Zukunftsvisionen – und zeichnen damit ein vielschichtiges Porträt der Gegenwart.
Von Lara Sielmann
Deutschland befindet sich 2026 in einem Wahljahr. In gleich drei ostdeutschen Bundesländern wurde gewählt. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wurde die rechtspopulistische Partei AfD (Alternative für Deutschland) stärkste Kraft und auch in Berlin erzielte sie ein starkes Ergebnis. Der rechte Aufschwung ist ein globales Phänomen, das inzwischen auch die politische Realität in Deutschland bestimmt. Überraschend ist das nicht, beunruhigend bleibt es dennoch.
Doch die politische Polarisierung ist aktuell nicht die einzige Quelle der Unsicherheit: Hinzu kommen die Klimakrise, Russlands anhaltender Krieg gegen die Ukraine, der fortdauernde Krieg in Gaza und die erbitterten Debatten darüber, wann Kritik an Israel in Antisemitismus umschlägt, sowie eine weiterhin angespannte wirtschaftliche Lage. Wie erzählt man also von einer Gegenwart, die von Unsicherheit und Umbruch geprägt ist?
Die Shortlist als Spiegel aktueller Krisen
Das deutsche Literaturjahr 2026 erscheint vor diesem Hintergrund wie ein Spiegelbild. Im Besonderen die diesjährige Shortlist des Deutschen Buchpreises liest sich wie ein Destillat aktueller Krisen – und ist doch weit mehr als ein Abbild politischer wie gesellschaftlicher Stimmungen. Die Bücher erzählen von historischen Traumata, gegenwärtigen Kriegen, technologischen Utopien wie Dystopien, der Klimakrise und Migration. Sie fragen, wie Menschen unter den Bedingungen einer unübersichtlichen, zunehmend zerfallenden Welt miteinander leben können, ohne die historischen Erfahrungen außer Acht zu lassen.Flirrende, ineinandergreifende Sätze und irrwitzige sprachliche Spielereien stehen neben klaren, nüchternen, dabei nicht unsentimentalen Blicken auf den Menschen. Dabei wird der Literatur wieder Raum gelassen: Allein die Romane auf der diesjährigen Shortlist sind zwischen 304 und 640 Seiten lang. Ging der Trend in den vergangenen Jahren zu kurzen, häufig autobiografischen Büchern, steht die Fiktion nun wieder stärker im Vordergrund. Immer wieder gehen die Autor*innen der Frage nach, wie Wirklichkeit erzählt, erinnert oder manipuliert wird. Die Bücher entlarven, ohne bloßzustellen, und nehmen den Menschen als Ganzes in den Blick, ohne Scheu und ohne Weichzeichner.
Schwergewichte unter sich: Die Shortlist versammelt einige der umfangreichsten Romane des Jahres. | © Lena Everding
Shida Bazyar: Die Lücken
Allen voran steht Shida Bazyars monumentaler dritter Roman Die Lücken. Darin erzählt die Autorin von einem Dorf im Hunsrück in Rheinland-Pfalz und verfolgt dessen Geschichte über mehrere Generationen hinweg, ausgehend von der Zeit vor und während des Nationalsozialismus. Wo einst eine lebendige jüdische Gemeinde existierte, die religionsübergreifend Teil des Dorflebens war, zeigt Bazyar klar und zugleich erzählerisch-poetisch, wie schnell sich die politische Stimmung verändert: Die jüdischen Freund*innen werden zu Feind*innen erklärt, verfolgt, vertrieben und deportiert. Viele Dorfbewohner*innen sehen weg oder profitieren vom Besitz der Verfolgten. Nach dem Krieg wird diese Vergangenheit verschwiegen. Der collagenartige Roman verbindet verschiedene Zeitebenen und Perspektiven und macht die Geschichte des Dorfes bis in die Gegenwart der 2010er-Jahre erfahrbar. Im Zentrum stehen wiederum zwei iranische Flüchtlingsfamilien, die mit Vorurteilen konfrontiert werden und sich auf unterschiedliche Weise ein Leben vor Ort aufbauen. Der Titel ist Programm: Bazyar leuchtet die Lücken der deutschen Vergangenheit aus, die weit in die Gegenwart reichen, und schließt damit zugleich eine Lücke der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, in der nach wie vor viel geschwiegen wird.Franziska Gänsler: Orca
Nicht weniger bedrohlich, wenn auch von ganz anderer Natur, geht es in Franziska Gänslers ebenfalls drittem Roman Orca zu. Als eine der profiliertesten Klima-Autorinnen erzählt Gänsler von Cora, die in einem Internat für reiche Jugendliche zur Schule geht und unbedingt dazugehören möchte. Gemeinsam mit ihrer Freundin Olympia engagiert sie sich in einer Gruppe von Klimaaktivist:innen, die zunehmend radikaler wird. Der Roman spielt auf die Fridays-for-Future-Bewegung und das harte Durchgreifen der Politik gegen diese an und wirft dabei Fragen nach den Grenzen politischen Handelns und nach Fanatismus auf. Zugleich erzählt er vom Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Anerkennung.Elias Hirschl: Schleifen
Über Radikalität und Vereinzelung schreibt – witzig und ideenreich – auch der österreichische Autor Elias Hirschl in seinem bereits sechsten Roman Schleifen, in dem die Sprachwissenschaftlerin Franziska Denk und der Mathematiker Otto Mandl eine perfekte Universalsprache entwickeln wollen. Sie glauben, auf diese Weise Missverständnisse und damit menschliche Kommunikationsprobleme lösen zu können. Doch je stärker sie Sprache ordnen und kontrollieren wollen, desto mehr geraten ihre Experimente außer Kontrolle. Es ist ein Roman über Kommunikation und ihre Grenzen, der besonders durch ein sprachliches Feuerwerk besticht.Valeria Gordeev: Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle
Ebenso sprachgewaltig wie surreal liest sich der Debütroman von Valeria Gordeev, die 2023 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde und rund zehn Jahre an Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle gearbeitet hat. Darin erzählt sie von den Geschwistern Lada und Konstantin, die zwischen Berlin, Kyjiw und Moskau leben. Gordeev verbindet familiäre Konflikte mit Krieg, politischer Gewalt und der Macht reicher Eliten. Sie verhandelt den Krieg in der Ukraine ebenso wie autoritäre Machtstrukturen und die technologische Utopie eines Lebens ohne Tod.Peggy Mädler: Selbstregulierung des Herzens
Eher nüchtern und schlicht ist der Ton in dem dritten Roman von Peggy Mädler. In Selbstregulierung des Herzens erzählt sie von Georg, der überzeugt ist, dass die Kybernetik – die Wissenschaft von der Steuerung und Regelung komplexer Systeme – die DDR retten kann, von seiner freiheitsliebenden Künstlerfreundin Mona und ihrem erweiterten Freundeskreis. Die Lebenswege der Figuren führen von den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart. Als einzige ostdeutsche Stimme auf dieser Liste verbindet Mädler DDR-Geschichte mit persönlichen Beziehungen und der Frage, wie stark Menschen durch politische Systeme geprägt werden. Dabei zeigt sie auch, dass es nicht die eine Erzählung von der DDR gibt. Es gibt viele unterschiedliche Lebenswege, die noch immer entdeckt und diskutiert werden müssen – gerade in einem Deutschland, das in Ost und West auf so vielen Ebenen geteilt bleibt.Dana Vowinckel: Anton und Alma
Gesellschaftliche Fragen nach dem Umgang mit jüdischer Identität in Deutschland beleuchtet Dana Vowinckel in ihrem Page-Turner Anton und Alma. In ihrem zweiten Roman erzählt sie anhand der Liebesgeschichte der beiden titelgebenden Figuren von zwei jungen Menschen, deren Beziehung durch unterschiedliche Herkünfte, religiöse Identitäten und familiäre Konflikte belastet wird. Zugleich verhandelt sie Fragen nach Antisemitismus, Rassismus und deutscher Erinnerungskultur, und bezieht dabei auch die aktuellen Diskussionen um Israel und Palästina, den Gaza-Krieg, mit ein.Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur des Jahres 2026 – auch abseits dieser Shortlist – öffnet unterschiedliche wie vielfältige Perspektiven auf Macht und Verletzlichkeit, Zugehörigkeit und Ausschluss. Sie erzählt nicht aus einer einzigen nationalen oder ideologischen Mitte heraus, sondern aus widersprüchlichen und auch marginalisierten Positionen – und reicht dabei weit über den deutschsprachigen Raum hinaus. Verhandelt werden universelle Fragen: Wie erinnern Gesellschaften an Gewalt? Wie gehen Menschen mit Krieg und politischer Polarisierung um? Was bedeutet Zugehörigkeit in Zeiten rasanter Digitalisierung und Globalisierung, gesellschaftlicher Vereinsamung auf der einen und Elitenbildung einzelner auf der anderen Seite? Und sie zeigt, dass Literatur Erfahrungen sichtbar machen kann, bei denen politische Sprache an ihre Grenzen stößt, und damit Räume zum Nachdenken eröffnet.
Die Frankfurter Buchmesse in Kürze
Die Frankfurter Buchmesse findet vom 7. bis 11. Oktober 2026 statt und gilt als die wichtigste Literaturmesse weltweit – für Fachpublikum sowie Interessierte, für die sie von Freitag bis Sonntag geöffnet hat. Seit 1949 bringt sie Verlage, Autor*innen und Literaturfans zusammen. Jedes Jahr steht ein anderes Gastland im Mittelpunkt, 2026 ist es Tschechien unter dem Motto „Ein Land an der Küste“.