StartNet
Gehen oder bleiben?
Wer als junger Mensch keine beruflichen Perspektiven in der Heimat sieht, der kehrt ihr wohl oder übel den Rücken. So wie in Apulien. In der süditalienischen Region wird dieser „Braindrain“ zunehmend zum Problem. Die Initiative StartNet will gegensteuern: Sie vernetzt Schüler*innen und Lehrkräfte mit Akteur*innen aus Wirtschaft, Politik und Kultur – und sorgt für Begegnungen, die so manchen Jugendlichen zum Bleiben bewegen.
Von Susanne Kilimann
„Mein Traum ist es, mich selbstständig zu machen und in ein paar Jahren hier ein Reisebüro zu eröffnen. Kulturreisen durch meine Heimat Apulien zu organisieren – das müsste spannend sein.“ Alessia Lopasso sitzt im Klassenzimmer des Liceo Statale Marco Polo in Bari und erzählt von ihren Zukunftsplänen. Im vergangenen Jahr hat die 19-Jährige an dieser Oberschule das Abitur gemacht. Ihr Berufswunsch sei während eines mehrmonatigen Projekts im letzten Schuljahr gereift.
Spuren einer großen Vergangenheit
„Als wir das Freizeitprogramm für den Gegenbesuch unserer deutschen Austauschschüler*innen ausgearbeitet haben, wussten wir erst gar nicht, was wir denen hier zeigen sollten“, erinnert sich Alessia. Die junge Frau mit den großen braunen Augen schüttelt amüsiert den Kopf, wenn sie an ihre damalige Unsicherheit zurückdenkt: „Uns schien alles, was wir hier haben, nichts Besonderes zu sein.“ Erst als sich die Klasse gemeinsam mit ihrer Lehrerin intensiv mit Apulien und den kulturellen Schätzen beschäftigt habe, änderte sich ihr Blick auf die Heimat. In der Region, die sich entlang der adriatischen Küste vom Sporn bis zum Absatz des italienischen Stiefels erstreckt, gibt es vielerorts Spuren einer großen Vergangenheit zu entdecken: Burgen und Kathedralen aus der Zeit der Normannen, archäologische Funde aus der Römerzeit und Hinterlassenschaften weit älterer Kulturen.Botschafter*innen für Kunst und Kultur
Den früheren Plan, nach dem Abi bei irgendeiner Airline als Flugbegleiterin anzuheuern und durch die Welt zu fliegen, hat Maria Mara inzwischen verworfen. Seit ein paar Monaten studiert sie Sprachen an der Aldo-Moro-Universität in Bari. Noch ist ihr Berufsziel nicht konkret. „Aber im Gegensatz zu früher denke ich nicht mehr, dass man aus Apulien weggehen muss, wenn man jung ist und sich eine berufliche Zukunft aufbauen will. Wir haben viel Kultur hier. Daraus lässt sich etwas machen.
Impulse mit Langzeiteffekt
Dass die Schüler*innen an Baris Marco-Polo-Oberschule solche Impulse mit Langzeiteffekt bekommen, ist nicht nur engagierten Lehrer*innen zu verdanken. Hinter dem ambitionierten Jackpot-Projekt steht StartNet, eine europäische Lernplattform für regionale Bildungsnetzwerke, die das Goethe-Institut in Rom mit finanzieller Unterstützung der Stiftung Mercator angeschoben hat.
Fachkräfte händeringend gesucht
Eine wichtige Säule des StartNet-Engagements sind Fortbildungsangebote für Lehrer*innen. Sie sollen lernen, wie sie Schüler*innen möglichst früh bei der beruflichen Orientierung unterstützen können. Diesem Ziel dienen auch sogenannte Expert*innenbesuche in Schulen, bei denen Menschen aus unterschiedlichen Branchen aus ihrem Berufsalltag erzählen und Einblicke in das breite Spektrum der Unternehmenslandschaft Apuliens geben.
Etliche Unternehmen sind nun Teil des StartNet-Netzwerks, denn auch sie haben ein Interesse daran, ihre wirtschaftliche Zukunft mit gut ausgebildetem Personal zu sichern. Derzeit sehen sie sich mit dem Problem konfrontiert, dass viele junge Menschen in Süditalien gleich nach dem Schulabschluss der Heimat den Rücken kehren, weil sie glauben, dort ohnehin keinen Arbeitsplatz zu finden. In einigen Zukunftsbranchen gibt es deswegen schon jetzt Personalengpässe: Lebensmittelchemiker*innen, Kommunikationselektroniker*innen, Fachleute für Robotik und Bionik, aber auch IT-, Web- und Marketing-Expert*innen werden händeringend gesucht.
Tourismus und Blue Economy bieten gute Chancen
In den kommenden Jahrzehnten könnten ganze Branchen ausbluten – falls es nicht gelingt, den Abwanderungstrend zu stoppen. Aktuelle Statistiken zeigen eine alarmierende Entwicklung: Vom Beginn der Wirtschaftskrise bis 2017 sind mehr als 150.000 junge Menschen zwischen 15 und 34 Jahren ausgewandert. Damit ist diese Altersgruppe in Apulien in weniger als einem Jahrzehnt um 14 Prozent geschrumpft.Eine der größeren Aktionen, die StartNet bisher auf die Beine gestellt hat, war das StartNet Camp im Dezember 2018. Bei dieser zweitägigen Berufsmesse in Apuliens Barockstadt Lecce konnten sich Schüler*innen über ausgewählte Wirtschaftszweige informieren: Tourismus, Denkmalschutz, Mode und Design, Lebensmittelproduktion sowie Blue Economy, also nachhaltige Technologien. „In diesen Sektoren könnten in Zukunft viele Arbeitsplätze entstehen, weil schlichtweg Bedarf an deren Dienstleistungen oder Produkten besteht“, sagt Cesare De Palma. Voraussetzung für eine positive Entwicklung all dieser Branchen sei jedoch, dass die Unternehmen das erforderliche Personal rekrutieren können.
Zum Bleiben motivieren
Es wird noch Jahre dauern, bis sich Resultate der StartNet-Initiative in den Arbeitslosenstatistiken niederschlagen. Aber ein Anfang ist gemacht. Auch an der De-Pace-Oberschule in Lecce hat StartNet dafür gesorgt, dass sich die Lehrkräfte im Unterricht inzwischen stärker auf berufsbezogene Projekte fokussieren als noch vor einigen Jahren. „Wir haben verstanden, dass wir schon an der Schule den Motor zünden müssen, damit unsere jungen Leute hier, in ihrer Heimat, beruflich durchstarten können“, sagt Schulleiterin Silvia Madaro Metrangolo.