Schulabschluss in Zeiten des Coronavirus
Büffeln fürs Abitur während der Pandemie
Zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird das Abitur an den italienischen Schulen nur in reduzierter Form stattfinden. Minerva Possanzini, Abiturentin am neusprachlichen Gymnasium „Federigo Enriques“ in Ostia erzählt von den Vorbereitungen für die Hochschulreife in Zeiten der Isolation.
Von Christine Pawlata
Als Minerva Possanzini am Abend des 4. März hörte, dass Italiens Schulen Corona bedingt nicht öffnen würden, fand die 18-jährige Schülerin das wie viele ihrer Altersgenossen zuerst gar nicht schlimm. „Am Anfang habe ich mich gefreut. Ich dachte mir, ‚das wird jetzt eine Woche bis zehn Tage dauern, danach wird’s wieder normal weitergehen.‘ Nie hätte ich geglaubt, dass das Ganze so lange dauern würde.“
Lange hat ihre Freude über die unverhoffte Schulpause nicht angehalten. „Ich vermisse meine Mitschüler sehr. Es ist ganz und gar nicht dasselbe, sich über einen Bildschirm zu sehen. Mir fehlen auch meine Lehrer, sogar die, mit denen ich mich manchmal gestritten habe. Denn es sind ja genau diese Lehrer, die einem dabei helfen, über sich hinauszuwachsen. Ich vermisse alles, einfach morgens in das Schulgebäude zu gehen oder die Aufregung vor einer Prüfung mit meinen Klassenkameraden teilen zu können. Über einen Bildschirm gehen alle Gefühle verloren. Klar, man kann alle Aufgaben machen, aber wenn da niemand ist, der neben dir sitzt und mit dem du deine Gefühle teilen kannst, dann ist das wirklich blöd.“
Getrennt durch einen Bildschirm
Seit fünf Jahren lernt Minerva Deutsch an ihrer Schule. „Es ist eine schwierige Sprache, aber gerade deshalb fasziniert sie mich.“ Der Sprachunterricht im virtuellen Klassenzimmer fällt ihr nicht leicht: „Mir ist der normale Unterricht viel lieber. Manchmal gibt es Probleme mit dem Ton, mit der Videokamera oder mit der Internetverbindung, alles ist schwieriger. Meine Deutschlehrerin ist zwar auch jetzt sehr präsent, aber ich vermisse den direkten Austausch mit ihr. Es ist einfach etwas ganz Anderes, wenn sie bei uns im Klassenzimmer an der Tafel steht, man einfach fragen kann, wenn man etwas nicht versteht und sie einem dann sofort helfen kann.“Die Videolektionen stellen aber für Minerva dennoch willkommene Momente in der neuen Schulroutine dar, an denen sie sich ein bisschen weniger einsam fühlt: „In den gemeinsamen Schulstunden geht es mir eigentlich gut. Wir können dann die Videokameras anstellen und uns zumindest sehen. Das ist natürlich nicht dasselbe, als ob wir zusammen im Klassenzimmer sitzen würden, aber in in diesen Stunden sind wir uns dann doch alle ein bisschen näher.“
Abitur im Ausnahmezustand
Wie etwa eine halbe Million Schüler*innen in Italien, wird auch Minerva am 17. Juni zum Abitur antreten. Nach der Schulschließung am 5. März, war wochenlang nicht klar, wie die Reifeprüfung in Zeiten der sozialen Isolation aussehen solle. Seit kurzem gibt es darüber mehr Deutlichkeit. Alle schriftlichen Prüfungen wurden gestrichen, es wird nur noch eine große mündliche Prüfung vor einer schulinternen Prüfungskommission und einem externen Kommissionspräsidenten geben. Immerhin wird diese aber in der Schule und nicht per Videokonferenz stattfinden.Über die starke Reduktion der Reifeprüfung ist die Schülerin aus Ostia enttäuscht: „Ich finde es sehr schade, denn damit verpassen wir eine grundlegende Erfahrung des Lebens. Das Abitur sollte ein Meilenstein sein, an den man sich das ganze Leben erinnert. Es sollte der Moment sein, an dem man seine Reife beweist. Aber so bekommen wir nicht einmal die Möglichkeit, den Adrenalinstoß vor dem Examen zusammen mit unseren Mitschülern zu erleben. Jetzt besteht die Prüfung nur noch aus einer mündlichen Prüfung vor der Kommission, unsere Klassenkameraden dürfen wegen des Abstandsgebots nicht dabei sein. Das macht mich traurig.“
Minerva schaut dennoch optimistisch in die nähere Zukunft und hofft darauf, das bestandene Abitur zusammen mit ihren Freunden feiern zu können: „Ich habe mir immer vorgestellt, sofort nach der Prüfung an den Strand zu gehen. Jetzt ist dieser Wunsch noch viel größer. Mir fehlt der Geruch des Meeres, das Gefühl des Sands an den Füßen, diese Dinge sind für mich jetzt noch wichtiger als zuvor. Ich möchte mit meinen Freunden im Meer schwimmen, am Strand feiern, einfach sorglos sein.“