Hördur
Regie: Ekrem Ergün
Deutschland 2015, 80 Min.
Mit: Almila Bagriaçik, Hilmi Sözer, Felicitas Woll
Hasan, Aylins einsamer Vater, der sich und seine beiden Kinder am „Arbeiterstrich“ mit allerlei Gelegenheitsjobs finanziell über Wasser hält und sich zunehmend zornig gegen die Ausbeutung wehrt, beobachtet die Entwicklung seiner Tochter mit Misstrauen; als er feststellt, dass Aylin ihre fünfzig Stunden Sozialarbeit abgeleistet hat und dennoch regelmäßig den Reitstall besucht, beginnt er zu intervenieren. Noch heftiger reagiert Hasan auf die Nachricht, Aylin werde an einem kleinen Reitturnier teilnehmen. Er verbietet ihr das Reiten und befiehlt ihr, mit ihm und Emre in die Türkei zurückzukehren. Aylin widersetzt sich, flieht und versöhnt sich dann doch mit Hasan. Am Ende, als sie doch an dem Turnier teilnimmt, spielt es keine Rolle mehr, ob sie schneller ist als die Konkurrenz: Sie hat ein neues Selbstvertrauen gewonnen, die Achtung ihrer Schulklasse errungen und den Weg zu einer verlässlichen Identität gefunden.
Natürlich gehört Hördur – Zwischen den Welten, wie zum Beispiel auch Katja von Garniers Ostwind, ins Genre jener Pferdefhof-Filme, in denen junge Mädchen im Umgang mit den Tieren eine Art Sozialisierung erleben und einen wichtigen Schritt ins künftige Leben vollziehen. Aber Regisseur Ekrem Ergün und seine Autorin Dorothea Nölle siedeln ihre Heldin in einer anderen, sozial härteren Welt an und zielen mit Aylins Migrationshintergrund auf brandaktuelle Fragen der Integration in Deutschland. „Uns war aufgefallen, dass bei vielen Pferdefilmen die Tiefe der Figuren und die inneren Konflikte nicht deutlich genug herauskommen. Und genau das haben wir versucht, in unserem Film zu ändern. Das Pferd wird zum Katalysator zur Emanzipation unserer Hauptfigur. Sie begehrt im Lauf des Films gegen das konservative Denken ihrer türkischen Familie auf.“ (Ekrem Ergün) Kein Zufall, dass der Weg aus der Stadt zum Pferdehof über einen Fluss führt – ein Topos, der bis in die klassische Mythologie zurückreicht und mit der Überquerung oder Grenzüberschreitung die Ankunft in einer anderen Welt verspricht.
Hans Günther Pflaum