Stimmen die sich suchen

„Mein Interesse als Künstler, als Fotograf, gilt Orten und ihrer Geschichte. Ich habe das Dorf fotografiert und die Menschen portraitiert: Kinder, Heranwachsende und Ältere. Für die Jungen ist die Bungalowsiedlung die Heimat, sie sind hier aufgewachsen und kennen nichts anderes. Für die Erwachsenen bleibt das Leben auch zehn Jahre nach dem Beben provisorisch. Sie sind dageblieben, sie wollten nicht entwurzelt werden, woanders hätte man sie mit ihrer Lebensgeschichte nicht verstanden. Eine Schicksalsgemeinschaft.
So leben sie Tür an Tür. Nachbarn sind Nachbarn geblieben und nebenan sind die Trümmer ihrer vormaligen Existenz. Die Onnesen wollen und können nicht vergessen. Wer verschüttet war und wem Angehörige fehlen, hat den Schmerz als beständigen Begleiter akzeptiert.
Ein Erdbeben ist mehr als ein Vibrieren von Steinen. Es ist eine Erschütterung des Glaubens an die Grundfestigkeit der Welt. Es hinterfragt die menschliche Existenz. Wer einmal gesehen hat, wie eine Straße, eben noch flach und gerade, plötzlich zum Meer wird und wie im Sturm Wellen schlägt, dem wird es später schwerfallen, wieder Vertrauen zu fassen: zum Boden, auf dem wir stehen, zum Haus, dass wir bewohnen und zu den Menschen, die uns umgeben. Zu deutlich hat sich die Vorläufigkeit der Welt offenbart.

Nach dem Überleben geht es um das Weiterleben und darum, immer wieder auf’s neue Normalität herzustellen, die das Ziel, wieder anzuknüpfen an die Zeit vor dem Erdbeben und das Dorf wieder aufzubauen, nicht aus dem Auge verliert. Ich habe in den Gesichtern Trauer und Schmerz, aber auch Widerständigkeit und Stärke gefunden, den tiefen Willen, weiterzumachen, nach vorne zu schauen – für die Familie, die Mitmenschen und für die, die so unvermittelt aus dem Leben gerissen wurden.
Ich habe Dorflandschaften fotografiert und bin in die Vergangenheit des Dorfes eingetaucht: einige der Bewohner haben mir ihre privaten Fotoalben geöffnet. So verbinden sich die übervollen Bilder aus der Vergangenheit mit den ruhigen, menschenleeren Aufnahmen der Gegenwart und bevölkern diese. „Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist nicht mal vergangen.“, schreibt William Faulkner. Alles lebt weiter fort, aber das Erdbeben zeigt, wie schnell die Gegenwart in ein Davor und ein Danach zerfallen kann. Ich nehme die Fäden auf und versuche, sie für den Betrachter wieder zusammen zu führen.
„Stimmen, die sich suchen“ ist eine Arbeit über Erinnerung, über das Vergehen von Zeit, über Schmerz und Verlust, aber auch über die menschliche Fähigkeit, trotz allem sein Leben zu leben, weil man ja nur dieses eine hat“.