Tomer Dotan-Dreyfus „Birobidschan“
© Verlag Voland & Quist GmbH, Berlin und Dresden 2023
S. 11-12 und 48-53
Vorwort
Die Zeit ist eine Linie. Sie bewegt sich wie eine Linie. Nein, nicht auf oder entlang einer Linie. Nicht linear. Die ganze Zeit ist eine Linie. Manchmal eine gerade, die die Landschaften dieser Erde von Osten nach Westen durchkämmt. Jeden Tag bewegt sich die Zeit so, mal angenehm wie Finger in den Haaren eines Geliebten, mal hartnäckig wie ein metallener Läusekamm der unsere kollektive Kopfhaut einkerbt. Manchmal ist die Zeitlinie rund und sieht aus wie ein winziger Ring, der immer größer wird: wie Epidemien, wie ein Meteor, der aus dem schwarzen sibirischen Nachthimmel in einem Wald in die Erde eindringt und Zeitwellen auswirft. Manchmal ist sie also eine Eins, eine gerade stolze Linie, manchmal eine Null, rund und beschützend.
Dieser Text ist ein Experiment, der Versuch einer Umkehrung: Kann die Zeit auch von links nach rechts, von Westen nach Osten kriechen? Kann sie von außen nach innen fließen?
Ich bin der Erzähler dieser Geschichte. Ich bin der Versuchsleiter. Die Beziehung zwischen einem Erzähler und einer Geschichte ist immer rund: Es gibt ein Innerhalb und ein Außerhalb — aber wer oder was befindet sich in wem oder in was?
Ich bin müde. Das ist mir bewusst. Ich spreche, um nicht einzuschlafen. Die Erzählung muss raus. Diese Welt von Birobidschan — nicht das Birobidschan der Welt — will ans Licht. Rand des Schlafes, Rand der Wirklichkeit. Gibt es dieses Birobidschan tatsächlich? Ja, ich sehe es doch vor mir. Aber mit jedem Blinzeln mag es verschwinden. Stillstehen, Biro! Damit ich dich zeichnen kann.
Als Erzähler habe ich keine Zeit, Fragen zu beantworten. Wenn ich einen Bären einfüge und dann kurz eine Zigarette rauche oder mich von Fragen ablenken lasse, mag es sein, dass ich nach fünf Minuten wieder zum Text zurückkehre und aus Versehen zwei Figuren verloren habe, weil ich den Bären nicht rechtzeitig wieder herausgeholt habe.
Manchmal muss man in eine Geschichte einfach einen neuen Bezugspunkt hineinwerfen, um zu schauen, wie die anderen Figuren darauf reagieren. Das erschwert vielleicht das Verständnis meiner Erzählung, aber das ist mir egal. Ich tue es nur für mich; der Text ist mein Labor, und ich bin der Versuchsleiter.
(…)
11.
(…)
Die Birobidschaner bemühten sich stets, dass jedem von ihnen dieselbe Summe zur Verfügung stand: siebzigtausend Rubel pro Person. Mit diesem Geld kauften die Leute Fische,
Marmeladen, Milchprodukte, Obst, Gemüse und Fleisch, wohl wissend, dass das Geld seinen Weg zu ihnen zurückfinden würde. Wenn ein Birobidschaner mehr als hunderttausend
Rubel besaß, wusste er, dass jemand anderem Geld fehlte und dem geholfen werden musste. Fast immer wusste man nach wenigen Tagen, wer der Arme war, und half ihm, so gut es möglich war, bei der Feldarbeit oder lud ihn mal zum Abendessen ein, bis es ihm wieder besser ging. Ein Birobidschaner oder eine Birobidschanerin musste schon extrem selbstsüchtig sein, dass die Gemeinschaft ihm die Hilfe verweigerte. Der Kaufakt selbst hatte also kaum eine Bedeutung, und den Bauern und Fischern ging es nicht darum, Geld zu verdienen, sondern darum, die Grundbedürfnisse aller zu befriedigen.
12.
Und es war dieser Wunsch, der Alexander Leibowitz antrieb, als er an diesem frostigen Morgen Anfang Mai mit der Sonne aufgewachte.
Er zog seine Arbeitskleidung an, schlüpfte in den uralten Blaumann, der einmal seinem Vater gehört hatte, und in dessen schwarze Stiefel. Die Sonne marschierte geradewegs in den Himmel in ihren Kriegsfarben Rot und Orange und verbrannte die dunkle Nacht, während Alex große Körbe zu den Kartoffelfeldern schleppte. Er dachte an Rachel in ihrem roten Kleid, das sie zwei Tage zuvor am Maifest getragen hatte, und der Gedanke half ihm ein bisschen gegen die Kälte des Morgens.
»Entschuldigen Sie ...«, hörte Alex eine Stimme hinter sich.
Als er sich umdrehte, sah er zwei Männer, die er nicht kannte, was an sich schon komisch war. Zudem trugen sie seltsame Hüte, die überhaupt nicht wie die bundistischen Arbeiterkappen aussahen. Er konnte sich auch nicht daran erinnern, dass ihn jemals jemand gesiezt hatte.
Verwirrt schwieg er einen Moment, dann fragte er knapp: »Ja?«
»Wissen Sie vielleicht, wo es hier ein gutes Hotel für zwei Reisende gibt?«
Alex sah sie an. Die beiden waren keine einfachen Männer wie er und die meisten, die er kannte.
»Es gibt kein Hotel in Birobidschan, sagte er.
»Wo sonst konnten zwei bescheidene, einfache Menschen wie die, die vor Ihnen stehen, eine Nacht verbringen? Wir fahren erst morgen mit dem Zug weiter.«
Der Sprechende stand links, der Schweigende stand rechts, und obwohl dieser noch nichts gesagt hatte, ging eine gewisse Autorität von ihm aus. Er trug einen sauberen Anzug, und seine Schuhe sahen aus, als würden sie zum ersten Mal getragen. Etwas in seinem Gesicht kam Alex bekannt vor. Einige Stunden später fiel ihm ein, dass der Mann ansatzweise dem uralten Herrn Kaminski ähnelte, der früher immer die Zeitung aus Moskau gebracht hatte.
Der Fragende hatte eine fiepsige Stimme und trug einen grauen Baumwollpullover. Wenn er am Ende jedes Satzes lächelte, wurde seine Nase schrumpelig und seine blauen Augen (die zur Farbe des Pullovers passten, wie Alex später erzählen sollte) schmaler.
»Sie müsst verstehen«, missbrauchte Alex die ungewöhnliche Sie-Form (eigentlich wäre es auf Jiddisch »ihr«, aber die Fremden sprachen kein Jiddisch), »wir haben nicht so viele Touristen hier. Sie seid die ersten Touristen, die ich sehe.
Wartet Sie ... seid Sie überhaupt Touristen? Vielleicht wollt Sie in unsere Gemeinde eintreten?« Jähe Gänsehaut überlief ihn vom Halswirbel bis zum Zeh.
Nun lachten die zwei Männer so schallend, dass Alex sich ein bisschen beleidigt fühlte. Die Birobidschaner, die einander echte Freunde und Freundinnen waren, die immer die Wahrheit sagten und seit der Kindheit daran gewöhnt waren, Kritik anzunehmen und zu geben oder eben nicht zu geben, waren sensibel für Situationen, in denen es besser gewesen wäre, den Mund zu halten, und kannten das Gefühl des Beleidigtseins kaum.
»Nein, wir sind weder Touristen noch neue Siedler«, meinte der Mann mit dem zu seinen Augen passenden Pulli.
»Was seid Sie dann? Wenn ich fragen darf ...«
»Klar dürfen Sie, wir sind Jäger. Wir suchen den seltenen Kragenbären! Den Kragenbären kennen Sie doch sicherlich, oder?«
Natürlich kannte Alex dieses Tier.
13.
Zweimal hatte Alex den schwarzen Bären gesehen.
Er war fünf Jahre alt gewesen, als er und sein Bruder Joel in den Wald am östlichen Ufer der Bira fuhren, um Pilze zu suchen. Sulamith Leibowitz hatte ihre zwei Söhne in den Wald geschickt. Es war ein Oktobermorgen, und mit ihren Fahrrädern quälten sie sich durch den dicken Schlamm des Weges.
»Vorsicht!«, rief sein Bruder, woraufhin Alex zu Boden sah, aber den Ast viel zu spät entdeckte.
Die Welt stürzte mehrmals um, und er hörte nur noch eine entfernte Stimme: »Komm schon, du!«, kurz bevor Joel und sein braunes Fahrrad hinter dem Schleier des waldigen
Nebels verschwanden. Sein Kopf schmerzte, und er spürte seine linke Schulter nicht.
Dann, aus dem Nebel steigend, tauchten zwei Augen eines gigantischen Tieres auf.
Solche Angst hatte Alex noch nie gehabt. Den Kragenbären kannte er bisher nur aus Geschichten, aber er war ja schon fünf! Er wusste, dass es keine Gespenster gab, auch wenn er nachts manchmal dachte, jemand flüstere auf den Wellen des Windes seinen Namen, er wusste, dass Vampire nur in den höchsten Büros US-amerikanischer Wolkenkratzer hausten, und er wusste, dass der schwarze Kragenbär nur am anderen Ufer des Amur lebte, am chinesischen Ufer, und nicht hier in Russland.
Der Bär starrte Alex sekundenlang an, und Alex schwor Joel später, dass er dabei gelächelt hatte. In Schockstarre verfallen, lag der kleine Junge auf dem zerbrochenen Ast, der sich schmerzhaft in seinen Rücken bohrte. Der Bär kam ihm bedrohlich nahe, stand schließlich über ihm und schaute ihm fest in die Augen. Alex durchflutete ein warmes Gefühl, das er nie mehr vergaß. Es war, als ob er von innen heraus umarmt würde. Er schloss seine Augen und wartete darauf, dass diese innere Wärme ihn verlassen würde, und auf alles, was das bedeuten konnte. Letzten Endes lief diese Wärme wirklich aus ihm heraus, doch Alex konnte seine Augen wieder öffnen. Der Bär war nirgends zu sehen. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis sein Schock nachließ und er seine Glieder wieder bewegen konnte.
»Wo bleibst du denn? Nun habe ich schon alles selbst gesammelt! Was bist du doch für eine Heulsuse. Alle fallen hin und wieder vom Rad, aber nur du bleibst liegen und weinst wie ein Baby!«
Erst jetzt bemerkte Alex die Tränen, die sich in seinem Mund wie die Bira und der Bidschan trafen.
Das zweite Mal, dass Alexander Leibowitz den Kragenbären sah, war vor zwei Jahren gewesen, dieses Mal aus sicherem Abstand.
Es war eine Sommernacht, und er saß in seinem Zimmer. Seine Mutter war im Rathaus bei einer Versammlung und Joel bei einem Treffen der Tsukunft.
Rachel war gerade bei Alex gewesen, und er glaubte, dass sie sich geküsst hatten. Er war sich nicht sicher, weil er es noch nie gemacht und keine Vergleichsmöglichkeiten hatte — konnte er gut küssen oder nicht? Er bewegte die Zunge langsam auf der Oberlippe, sie war noch süß. Auf und ab mit der Zunge.
Er sah nach draußen, und da, neben dem See, vielleicht nach Fisch Ausschau haltend, lief ein Bär. Genau in dem Augenblick, als Alex ihn entdeckte, blieb er stehen und richtete seinen Blick auf ihn. Hundertfünfzig Meter entfernt vom Fenster stand er wie eingefroren, so schwarz, dass seine Schwarzheit mit der Dunkelheit der Nacht verschmolz. Hypnotisiert von dem glanzvollen Blick sah Alex etwas, das wie ein Zwinkern aussah. Dann stieg der Bär einfach ins Wasser und kam nicht wieder raus.
Das konnte doch nicht sein! Bären konnten nicht unter Wasser atmen, er musste irgendwann auftauchen. Er überlegte kurz, ob er nach ihm suchen sollte, hatte aber Angst, was wohl passierte, wenn er das berüchtigte wilde Tier finden sollte. Es anzusprechen war ja keine Möglichkeit.
»Warum hast du mich damals nicht getötet?«, hätte er fragen können, aber woher konnte er wissen, dass es derselbe Bär war? Doch wie hoch war die Chance, dass ein zweiter Kragenbär die Grenze überschritten hatte?
Alex blieb in seinem Zimmer, schrieb alles in sein Tagebuch und schlief darüber ein.
schützten die Blätter die Liebespaare.