Berlinale-Blogger 2017
In der Kathedrale des Prog-Rock

Filmstill „Tangerine Dream“
Filmstill | © Eastgate Music, Bianca Froese-Archiv | „Tangerine Dream“

Seine Prog-Rock-Formation Tangerine Dream hat der Gründer Edgar Froese einmal als „Science-Fiction“ bezeichnet. Eine Zeit lang war sie die weltweit erfolgreichste Band aus Deutschland. Margarete Kreuzer widmet ihr nun die Dokumentation „Revolution of Sound. Tangerine Dream“.

Diese endlosen Sequenzerläufe ohne erkennbare Melodie, hallende Percussions in symphonisch-verträumten Soundwolken – was die Berliner Prog-Formation Tangerine Dream insbesondere auf ihren ersten Alben Electronic Meditation (1970) und Alpha Centauri (1971) hinlegte, war tatsächlich „kosmische Musik“. Begreift man Science-Fiction als eine spezifische, von Inhalten losgelöste Poetik, ist der Dokumentarfilm Revolution of Sound. Tangerine Dream sogar mehr Science-Fiction als manches in der diesjährigen – exzellenten – Berlinale-Retrospektive Future Imperfect. Science – Fiction – Film.

Eine kluge Maßnahme von Regisseurin Margarete Kreuzer war es, den 2015 verstorbenen Band-Gründer Edgar Froese aus dem Bild zu nehmen. Trotz vorhandenen Interviewmaterials nutzt sie ausschließlich Zitate seiner unveröffentlichten Autobiografie, eingesprochen vom Einstürzende-Neubauten-Bassisten Alexander Hacke. Während faszinierende Originalaufnahmen vorüberziehen, etwa von Tangerine Dreams epochal-sakralem Auftritt 1974 in der Kathedrale von Reims, dringen Froeses Worte zu uns wie aus dem Kosmos. Dazu kommen Beiträge von Freunden und Musikern wie „unserem französischen Geistesverwandten“ (Froese) Jean-Michel Jarre.

Ein besonderes Augenmerk gilt dem Film. Die mehrfach umbesetzten Tangerine Dream lieferten unter anderem Soundtracks für Hollywood-Filme von William Friedkin (Atemlos vor Angst, 1977), Michael Mann (Der Einzelgänger, 1981) oder Kathryn Bigelow (Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis, 1987). Dank ihrer erhabenen Klänge wird sogar eine alberne Teenager-Komödie wie Paul Brickmans Lockere Geschäfte (1983, mit dem jungen Tom Cruise) zum metaphysischen Erlebnis. Eigentliche Science-Fiction war kaum dabei, dafür zeigt der Film einen surrealen Auftritt Froeses in der deutschen Komödie Warum die UFOs unseren Salat klauen (1980). Der streitbare Theoretiker hatte auch Humor.

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