Claudia Rusch
Kaukasusblog II: Leuchtender Trost

Kaukasusblog II: Leuchtender Trost
© Claudia Rusch

Meist weiß man erst hinterher, welche Bedeutung eine Begegnung oder ein Erlebnis tatsächlich für das weitere Leben haben wird. Aber manchmal, sehr selten, gibt es Momente, da spürt man sofort, dass gerade etwas geschieht, das einem noch viele, viele Jahre das Herz wärmen wird. Egal, was kommt, das bleibt.

Einen solchen Augenblick hat mir die wunderbare Germanistin Liana Safaryan in Jerewan geschenkt.

Wir saßen auf einer der Bänke im mittleren Segment der Jerewaner Kaskade (was übrigens viel schöner ist als ganz oben, weil man noch Augenhöhe mit den Dächern hat und das ganze pralle Leben unten sehen kann statt in Wolkenkuckucksheim fern über allem zu thronen). Vor uns der Ararat in seiner ganzen Pracht, malerisch flankiert von ein paar Schäfchen am blauen Himmel (und nicht wie üblich verdeckt).

Ich zünde mir eine Zigarette an, halte das Gesicht in die Sonne, freue mich hier zu sein - und höre Liana zu, die mit leiser Stimme Gedichte von Jeghische Tscharenz vorträgt. Den ganzen weiten Weg durch die Stadt hat sie die Bücher geschleppt. Nur, um mir hier daraus vorzulesen. Schon allein, dass sie sich diese Gedanken und die Mühe macht, berührt mich sehr. Und dann Tscharenz.

Jeghishe (sprich: Jerische mit weichem sch) Tscharenz, Jahrgang 1897, ist auf der häufigsten Banknote, dem 1000 Dram-Schein abgebildet, eine ganze Stadt wurde nach ihm benannt (Tscharenzawan) und als Papst Franziskus vor wenigen Tagen Armenien besuchte, hat er selbstverständlich Verse von Tscharenz zitiert. Im Gedächtnis Armeniens hat Tscharenz für immer einen festen Platz.

Aber Stalins Großen Terror hat er nicht überlebt. 1937 wurde Tscharenz verhaftet und starb 7 Monate später in irgendeinem Loch des NKWD. „Unter ungeklärten Umständen“ wie das so schön heißt.

„Unter ungeklärten Umständen“ ist die Formulierung, die auch wir verwenden müssen, wenn wir in der Familie vom Tod meines Großvaters sprechen. Er starb 1967 in einem Gefängnis der Staatssicherheit. Nach 9 Monaten Haft. Genau wie bei Jeghische Tscharenz bestand sein einziges Verbrechen darin, zu denken. Beide waren sie gerade 40 Jahre alt.

Schwester, die Träume brannten und gingen vorbei
Und klar blieb in deinen Augen, in meiner Seele –
Ein geweihter, gewähnter Regenbogen:
Letzter Liebe leuchtender Trost.


Danke, Liana.

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