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Bangalore
Poorna Swami, Choreografin, Tänzerin, Autorin

Diese Zeit ist reif für Tyrannei. Dafür, dass der Faschismus sich in den Boden gräbt und diesen dann zertrampelt. Die Polizei misshandelt diejenigen, denen keine andere Wahl bleibt, als auf der Straße zu sein. Der Premierminister ruft zu symbolischen Gesten auf Balkonen auf – Klatschen, Kerzen anzünden –, die als Propaganda durch die sozialen Medien und über die Fernsehbildschirme flimmern werden. Das sind die Bilder von dem, was sie Notstand nennen.

Von Poorna Swami

Poorna Swami © Sarah Martin

Zwiespältige und idealistische Notizen für eine Zukunft

Wenn die Zukunft kommt, in Wochen oder Monaten, vielleicht sogar einem Jahr, mag die Welt gar nicht so anders scheinen. Wenn wir nicht mehr auf unser häusliches Umfeld beschränkt sind – diejenigen von uns jedenfalls, die ein Zuhause und damit eine Zuflucht haben –, können wir ganz einfach in den gewohnten Rhythmus zurückkehren. Wir können wie gehabt unsere Freund*innen treffen, sorglos reisen, unser Leben leben, ohne ständig mit dem Elend der Welt konfrontiert zu werden.
 
Die Geschichte hat uns durch zahlreiche Epidemien geführt. Ganze Bevölkerungen sind von Krankheiten ausgelöscht worden – natürlichen oder menschengemachten. Und trotz dieser Schrecken scheint das Leben weitergegangen zu sein. Was stattdessen geblieben ist, sind Vorurteile und Auslöschungszyklen. Die amerikanischen Ureinwohner*innen, diejenigen jedenfalls, deren Vorfahr*innen die Pocken überlebten, sind als Bürger*innen kaum in Erinnerung. In den Jahrhunderten nach dem Schwarzen Tod blühte der Antisemitismus auf. Und heute bezeichnen Menschen auf der ganzen Welt ein Virus als „chinesisches Virus“.
 
Als Gesellschaft die Krise hinter sich zu lassen, heißt nicht immer, sich davon zu erholen oder wieder gesund zu werden. Häufig bedeutet es, zu einer Art sozialem Gleichgewicht zurückzukehren, einer romantisierten Zeit vor der Krise. Aber die Vergangenheit ist eine Geschichte des Blutvergießens. Und eine Krise hinter sich zu lassen, ist ein Privileg, das sich nicht jede*r leisten kann. Normalität wird in Permutationen von Wirtschaft und militärischer Stärke berechnet. Diejenigen, die auch weiterhin dafür zugrunde gehen, werden als Kollateralschäden abgetan. So war die Welt schon immer.
 
Eingesperrt in meiner Wohnung im fünften Stock in einem wohlhabenden Viertel von Bangalore lese ich die Nachrichten. Ich scrolle durch Twitter und Instagram und WhatsApp-Weiterleitungen. Ich verzweifle beim Anblick von Menschen, die Hunderte von Kilometern zu Fuß gehen, um ihre Dörfer zu erreichen – da der Staat alle Verkehrsmittel stillgelegt hat, haben die Wanderarbeiter*innen so gut wie keine Möglichkeiten, nachhause zu kommen. Manche sterben unterwegs an Erschöpfung. Andere verhungern. Den wenigen, die das Glück haben, ihren Heimatort zu erreichen, wird die Schuld an der Ansteckung gegeben. Jemand vom Gesundheitsamt fordert sie auf, sich am Straßenrand hinzuhocken, und spritzt sie mit Bleichmittel ab.1
 
Ich schreie die Leute um mich herum vor Wut an, als könnten sie die Welt ändern. Ausgerüstet mit Maske und Handdesinfektionsmittel, gehe ich abends fünf Minuten zu Fuß, um Gemüse zu kaufen. Ich esse es mit dem handgemachten Brot, das ich an diesem Tag gebacken habe und das sich auf Instagram so gut macht, während in einem Dorf ein paar Hundert Kilometer von meiner Stadt entfernt ein Bauer, der keinerlei Möglichkeiten hat, seine Ernte zu verkaufen, seine Kohlpflanzen mit den Fäusten in den Boden prügelt.
 
Diese Zeit ist reif für Tyrannei. Dafür, dass der Faschismus sich in den Boden gräbt und diesen dann zertrampelt. Die Polizei misshandelt diejenigen, denen keine andere Wahl bleibt, als auf der Straße zu sein. Der Premierminister ruft zu symbolischen Gesten auf Balkonen auf – Klatschen, Kerzen anzünden –, die als Propaganda durch die sozialen Medien und über die Fernsehbildschirme flimmern werden.2 Das sind die Bilder von dem, was sie Notstand nennen.
 
Notstand ist nicht, wenn Ärzt*innen für die Behandlung von Infizierten keine Schutzkleidung haben. Notstand3 ist der Maulkorb für Dissident*innen, das Gewicht auf Körpern – bestimmten, zerstörbaren Körpern, das ändert sich nicht. Natürlich ist das nicht nur ein Problem der sogenannten Dritten Welt. Katastrophen enthüllen die unschönsten Wahrheiten darüber, wie wir die Körper von anderen behandeln, egal, wo wir leben. Schauen Sie sich an, wem in den reichsten Ländern der Welt Nahrungsmittel, Lohn und medizinische Behandlung verweigert wird. Achten Sie auf die Einseitigkeit der Nachrichten. Italien wird uns mit Videos von Menschen präsentiert, die auf ihren Balkonen singen. Aus China und dem Iran dagegen sehen wir nur Trauer und Elend. Würde war schon immer ein Begriff mit Einschränkungen.
 
Entsetzt zu sein, erscheint unzureichend. Nicht verstört zu sein, ist noch entsetzlicher. Aber wenn wir das Glück haben, über die Zeit zu verfügen, um über diesen Konflikt nachzudenken, dann ist es vielleicht auch unsere Verantwortung, darüber nachzudenken, wie wir an diesen Punkt gelangt sind. Die Wahrheit ist, dass jeden Moment jemand stirbt, der hätte gerettet werden können, selbst wenn wir keine Pandemie durchleben. Und jetzt wie damals ist dasselbe Konglomerat von Gewalt im Spiel – Vernachlässigung durch die Regierung, Profitgier vonseiten der Unternehmen, Apathie bei der Mittelklasse, Kastenvorherrschaft, Patriarchat, Rassismus, religiöse Vorurteile.
 
Wir mögen das Gefühl haben, dass jetzt die Welt untergeht und die Mächtigen zu wenig tun, um das zu verhindern. Aber jede Sekunde gehören wir, die wir dies lesen, ebenfalls zu den Mächtigen. Macht ist relational. Und in jeder Sekunde, die wir leben, verliert jemand anderes den Handel. Das soll nicht heißen, dass wir kein Mitleid gehabt hätten. Aber wir waren in der Lage, schnell wegzusehen. Nur so konnten wir die „Normalität“ aufrechterhalten, die wir so schätzen. Der Kreislauf der Apathie ist so alt wie die Macht selbst.
 
Der Unterschied ist diesmal, dass wir in diesen Zeiten der sozialen Isolation mehr Zeit und weniger Ablenkungen haben, um Informationen auf uns wirken zu lassen. Um über das nachzudenken, was moralisch falsch zu sein scheint – und ist. Die Grausamkeit der Welt scheint jetzt unmittelbarer, vor allem, weil wir selbst die Opfer sein könnten. Aber eine solche Ungerechtigkeit hätte uns auch dann bestürzen müssen, als sie noch weit entfernt schien, einfach nur, weil jemand anders litt.
 
Jeden Moment der Freude mit Schuldgefühlen darüber zu verbringen, dass man Freude empfindet, ist nicht das, was wir brauchen. Ethik ist nicht als Übung in Selbstgeißelung gedacht. Stattdessen haben wir direkte Verantwortlichkeiten, um die wir uns kümmern müssen: Geld spenden, Essen teilen. Menschen in unserer Umgebung auf ganz einfache Art helfen. Aber ich merke zunehmend, wie ich über die kommenden Wochen und wohltätige Gesten hinausdenke.
Die mutigere und schwierigere Aufgabe ist es, Folgendes zu erwägen: Jetzt, da uns der Kummer über die Welt außerhalb unserer selbst belastet, was können wir tun? Wenn die Pandemie vorbei ist und die Zukunft kommt, wie werden wir in dieser Zukunft leben? Wie schaffen wir es, nicht in bequeme alte Muster zurückzuverfallen? Es gab noch nie einen geeigneteren Zeitpunkt, um unsere Reaktionen zu hinterfragen.
 
Das Wort „Krise“ hat seinen Ursprung in der Biologie. Im Lateinischen ist sie der „entscheidende Punkt im Verlauf einer Krankheit“, der Punkt, an dem eine Veränderung kommen muss, „auf Gedeih und Verderb“. Untrennbar mit dieser Definition verbunden ist Unsicherheit – auf Gedeih und Verderb. Die Zukunft nach der Krise ist noch nicht geschrieben. Was unabänderlich ist, ist die Vergangenheit. Im Hinblick darauf, wie die Mächtigen ihre Hinterlassenschaften reproduzieren, hat das neue Coronavirus nichts Neues an sich. Aber wenn die Zukunft nach der Krise nicht feststeht, dann können wir uns an die Vergangenheit wenden, um diese Zukunft anders zu gestalten. Eine formbare Zukunft mit offenen Armen.
 
Was mich betrifft, so denke ich nicht an übermenschliche Veränderungen oder daran, die Retterin der Welt zu spielen.
Stattdessen denke ich über die Zukunft in ganz einfachen Aufgaben nach: Verantwortungsbewusst wählen. Geduldig mit Familienmitgliedern und Nachbar*innen sprechen, deren Meinungen man nicht teilt. Vorurteile mit Informationen bekämpfen, nicht mit Tiraden. Die Leute besser bezahlen, selbst wenn man glaubt, sich das nicht leisten zu können. Auf das hören, was ein Gefühl des Unbehagens auslöst. Raum schaffen. Sich Zeit nehmen. Ausruhen. Voll und ganz da sein.
 
Künstler*innen wird häufig Idealismus vorgeworfen. Ich selbst habe mich oft gefragt, was kann Kunst in einer Krise überhaupt leisten? Auch wenn Kunst keine Impfung und kein Beatmungsgerät ersetzen kann, kann sie uns doch eindringlich daran erinnern, dass Menschen leiden. Kunst kann Selbstzufriedenheit stören, gegen Apathie anarbeiten. Sie kann anklagen und sie kann Zufluchtsorte schaffen. So viele von uns haben sich in dieser Zeit der Isolation der Musik, Büchern und dem Kino zugewandt, damit sie uns helfen, das durchzustehen.
 
„Die heilende Kraft der Kunst ist keine rhetorische Fantasievorstellung“, schreibt Jeanette Winterson. „Kunst hat mehr zu tun als je zuvor, aber sie kann es tun. In einer selbstzerstörerischen Gesellschaft wie der unseren ist es nicht überraschend, dass Kunst als heilende Kraft verachtet wird.“ Wir sind zu schnell damit, die Wirksamkeit der Kunst abzutun, weil wir davon ausgehen, dass Kunst eine privilegierte Form der Flucht ist. Wir halten Flucht für ein unwürdiges Ziel, selbst wenn sie, um ein anderes Wort zu verwenden, Trost bedeuten könnte. Wir vergessen, dass Kunst seit Jahrhunderten wenn sie nicht Regierungen gestürzt, uns doch aber aufgezeigt hat, wenn sie dringend gestürzt werden mussten. Und sie hat uns dabei geholfen, in unserem schicksalsbestimmten, häufig turbulenten Leben Sinn zu finden.
 
Schließlich ist Kunst eine Kreatur, die reagieren kann und aus der Welt gemacht ist, in der sie lebt. Welche Form sie auch annimmt, sie ist ein historisches Dokument. Heute mag sie reaktionär oder hetzerisch sein. Wenn sie überlebt, könnte sie eine Lektion darin sein, wie wir die Welt anders bewohnen könnten. Durch ihr Überleben übernimmt die Kunst häufig die notwendige Aufgabe des Entfachens von Hoffnung.
 
Sich auf die Welt einen Reim machen zu wollen, ist nicht das Vorrecht einiger privilegierter Weniger. Hoffnung sollte nicht hinter Schloss und Riegel bewacht werden. Vielleicht sollten wir daher gar nicht die Wirksamkeit der Kunst anfechten, sondern die Tatsache, dass Kunst schon viel zu lange auf heilige Hallen beschränkt ist.
 
Wenn wir darüber nachdenken, was wir tun könnten, um die Fehler der Geschichte nicht zu wiederholen, kann uns Künstler*innen vielleicht die Kunst als Anleitung dienen. Und sie kann zudem das Terrain für den Wiederaufbau sein. Das wird für jede*n von uns etwas anderes bedeuten. Aber worauf wir uns einigen können, ist eine grundlegende Vision – eine idealistische, absurde, lächerliche Vision –, dass unsere Gemälde und Gedichte und Tänze in breiteren Kreisen unterwegs sein könnten. Es geht dabei nicht nur darum, Kunst zugänglich zu machen. Sondern auch neu zu entwerfen, wen unsere Kunst anspricht und wer ihr antworten kann. Vielleicht könnte Kunst dann der Zukunft den Boden bereiten, jenem gelobten Land.
 
1   Am 24. März 2020 verkündete der indische Premierminister Narendra Modi in dem Bemühen, die Ausbreitung von COVID-19 einzudämmen, eine dreiwöchige landesweite Ausgangssperre. Über Nacht saßen in allen indischen Metropolen Millionen von zugewanderten Tagelöhner*innen ohne Arbeit fest und versuchten verzweifelt, in ihre Dörfer zurückzukehren. Da alle öffentlichen Verkehrsmittel ausgesetzt worden waren, waren die Arbeiter*innen gezwungen, den weiten Weg zu Fuß zurückzulegen. Am 30. März wurde eine große Gruppe von Wanderarbeiter*innen, die aus Neu-Delhi in den Bareilly-Distrikt in Nordindien zurückgekehrt waren, von medizinischem Personal und Feuerwehrleuten in Schutzanzügen mit etwas abgesprüht, das später sich als Lösung aus Bleichmittel und Wasser entpuppte. Da sie wussten, dass die Lösung gesundheitsgefährdend war, hatten die Beamt*innen die Arbeiter*innen angewiesen, vor dem Absprühen die Augen zu schließen.

2   Premierminister Narendra Modi rief zu zwei öffentlichen Massengesten auf, die angeblich dazu dienen sollten, angesichts der Pandemie die nationale Solidarität zu steigern. Die erste war ein Aufruf an alle Bürger*innen, zu einer bestimmten Zeit auf ihren Balkonen zu stehen und zu klatschen, um den medizinischen Fachkräften an vorderster Front der Pandemie symbolisch zu danken. Die zweite war ein Aufruf an die Bürger*innen, Lampen zu entzünden und Taschenlampen zu schwenken, um die Dunkelheit mit Licht zu bekämpfen. Kritiker*innen bezeichneten diese Aktionen als PR-Gags und Regierungspropaganda. Der Zentralregierung wurde vorgeworfen, die Not der Armen während dieser Krise zu ignorieren, bei der Versorgung medizinischer Fachkräfte mit geeigneter Schutzausrüstung zu versagen und durch die Auferlegung von etwas, das man nur als Maulkorb für die Medien bezeichnen kann, entscheidende Informationen über die Ausbreitung der Krankheit zurückzuhalten.

3   Mit COVID-19 steht Indien sowohl einer Gesundheits- als auch einer Wirtschaftskrise gegenüber. Angesichts der zunehmenden Einschränkung der Medien und der Redefreiheit erinnern viele Maßnahmen der derzeitigen indischen Regierung auch an den offiziellen Notstand von 1975-77, während dem die damalige Premierministerin Indira Gandhi per Dekret regieren konnte.

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