Goethe_FM Punk & Industrial

"Die klassenkämpferische Rhetorik des britischen Punks seit 1977 breitet sich auch in der Bundesrepublik rasant aus. Doch zum ersten Mal bei der Adaption eines neuen Musikstils benutzte die Mehrzahl der Bands Deutsch als Ausdrucksmittel, was den Verdacht des Epigonentums zerstreute."

Jörg Wunder – Pop Musik in Deutschland bis 1989

Mania D Poster Concert in Wuppertal Nordstadt Galerie Kollektiv Germany 1979 Die DIY Methode auch bei der Plakatenproduktion

Die Nester der Musik und Freiheit

„Heftig an den Gesetzen der Musik gerüttelt wurde Ende der Siebzigerjahre von einer Bewegung namens Punk. Und wie bei jeder Bewegung gab es auch im Punk bestimmte Orte, an denen das Rütteln seinen Anfang nahm. Orte wie das CBGB’s in New York und der 100 Club in London. Oder der Ratinger Hof, die Brutstätte des BRD-Punk, eine unscheinbare Bierkneipe Ratinger Hof in Düsseldorf“, schreibt der Radio-DJ und Musikredakteur Klaus Walter.

Ratinger Hof in Düsseldorf, legendäre Punkrock Kneipe, 1978 Die Ratinger-Hof-Gewächsen sind Deutsch-Amerikanische Freundschaft und Die Toten Hosen, die längst zum deutschen Rock-Establishment gehören.

„Schon in den früheren 1970er-Jahren hatte sich der Club Dschungel an einem anderen Standort einen Namen gemacht. Dieser Ort war einmalig. Du trafst hier wirklich jede Sorte Mensch, und jeder konnte machen, was er wollte. Es war ein Gefühl von Freiheit“, so Daniela Meier.

"Das SO36 in Kreuzberg wurde  schließlich zum Zentrum der Punk- und Rockszene in Berlin. Alle nennenswerten Punkbands traten hier auf und brachten ihr Publikum mächtig ins Schwitzen. Hier wurde nicht getanzt, im SO36 wurde gepogt. Der Pogo diente als Kontrast zu der kommerziellen Diskomusik der 1970er-Jahre. Auf seine Art und Weise war aber auch dieser Tanz sehr individuell und experimentell, denn Regeln gab es hier keine,“ schreibt Tatyana Synková über die West-Berliner Clubszene.

Einstürzende Neubauten

„In West-Berlin entwickelte sich parallel eine Szene selbsternannter Genialer Dilletanten (sic!) mit Protagonisten wie Einstürzende Neubauten, Die Tödliche Doris, Gudrun Gut oder Frieder Butzmann, deren subversive Konzertperformances die Grenzen zur Bildenden Kunst oder zur visuellen Kommunikation bewusst überschritten.“
Jörg Wunder – Pop Musik in Deutschland bis 1989
 
West-Berlin in den späten 1970er-Jahren war die Stadt von David Bowie und Christiane F., von Spontis, Freaks und Sinnsuchern, die ihre Erfüllung in mal dezenter, mal massiverer Subversion suchten.
 
1980 wurde Blixa Bargeld gefragt, ob er im Club Moon spielen wolle. „Als Namen ließ der Sänger einer Eingebung folgend Einstürzende Neubauten ins Programm schreiben. Es spielten Bargeld, die Keyboarderin Gudrun Gut, Beate Bartel am Bass und Andrew (N.U.) Unruh am Schlagzeug,“ beschrieb der Musikjournalist Ralf Dombrowski das erste Konzert.

Unser Spotify-Playlist mit Punk und Post-Industrial-Bewegung


Dann kam das Album Kollaps, eine Orgie aus Lärm und Attitüde. "Die Neubauten formulierten ihre Haltung im Widerstand zur Ästhetik des popmusikalischen Schönklangs, aber auch des rüden Rock ’n’ Rolls der Punk-Kollegen, stellenweise berauscht mehr an Texturen und apokalyptischen Gedankenspielen interessiert als an Komposition, Strukturen oder gar Kunst. Sie stilisierten ihre Konzerte zu Performances: Stahlträger wurden als akustische Quelle mit Schwingschleifern bearbeitet, kleine Molotow-Cocktails in Eisenwannen auf der Bühne zu Explosion gebracht, manchmal floss das Blut der Musiker," meint Ralf Domborowski.

Nick Cave and The bad Seeds in the early 80's In West-Berlin traten Blixa Bargeld und der Sänger und Musiker Nick Cave auf. Es entstand ein fruchtbarer Musik-Dialog. 

Die Einstürzende Neubauten erfanden – mit lärmenden rhythmisierten Toncollagen aus Schrottmetall und Billigelektronik sowie ihres Frontmanns Blixa Bargelds geschrienen neoexpressionistischen Texten – eine radikale Form des Industrial, deren Kombination aus Archaik und Maschinen besonders in New York und Japan faszinierte.
Bands wie Depeche Mode, Rammstein, viele Gothic-Combos und sogar Marilyn Manson ließen sich von Einstürzende Neubauten inspirieren.
 
Ralf Dombowski: „Von 2002 an vermarkteten sich die Neubauten mit einem damals noch unüblichen Subscription-Geschäftsmodell. Fans finanzierten Alben vor, bekamen dafür als „Supporters“ oder im Rahmen des „Musterhaus-Klangbaukastens“ Aufnahmen in limitierter Auflage. Aus den Neubauten wurden Sammlerstücke, die Brücke zum Kultobjekt war geschlagen.“