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Am Anfang des Lebens

„Introduction“, die sechste Schwarz-Weiß-Produktion von Hong Sang-soo, läuft im Wettbewerb der 71. Berlinale.
„Introduction“, die sechste Schwarz-Weiß-Produktion von Hong Sang-soo, läuft im Wettbewerb der 71. Berlinale. | Foto (Detail): © Jeonwonsa Film Co. Production

Der koreanische Regisseur Hong Sang-soo, Gewinner des Silbernen Bärenpreises der 70. Berlinale, kehrt mit seinem 25. Spielfilm „Introduction“ in die Wettbewerbssektion des Festivals zurück. Der Film, der teilweise in Berlin gedreht wurde, ist die sechste Schwarz-Weiß-Produktion des Filmemachers.

Von Hyunjin Park

Die Covid-19-Pandemie beeinträchtigt den Kultursektor und auch die Filmbranche – vielleicht ein Grund, warum wir uns umso stärker nach dem Medium Film sehnen. Hong Sang-soo, der mit seinen Werken Dauergast bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin ist, kehrt mit einem in Pandemiezeiten produzierten Film erneut in die Wettbewerbssektion des Festivals zurück. 
 
Bei Introduction verantwortete Hong Sang-soo nicht nur Regie, sondern auch Drehbuch, Produktion, Musik, Kamera und Schnitt. Der Film handelt von der Rätselhaftigkeit unserer Existenz und von einem jungen Mann, der am Anfang seines Lebens steht. Der Regisseur zeigt auf eine für seine Filme charakteristische Weise, wie junge Menschen, die noch unsicher und unselbstständig sind, auf Erwachsene treffen, die sie nicht ernst nehmen.

Unausgesprochen und rätselhaft

Introduction besteht aus drei Teilen und erzählt die Geschichte von dem jungen Young-ho (Shin Seok-ho), der seinen Vater in einer Klinik für traditionelle, koreanische Medizin besucht und zu seiner Freundin Juwon (Park Mi-so) nach Berlin sowie zu seiner Mutter an die Ostküste Koreas reist. Trotz seines simplen Aufbaus ist Introduction sehr nuanciert und lässt viele Fragen offen, was nicht immer zur Verständlichkeit des Films beiträgt. Der Vater leidet, sobald er allein ist, und auch Young-ho sieht betrübt aus, wenn er auf seinen Vater wartet. Young-ho raucht draußen vor dem Krankenhaus eine Zigarette, während es schneit. Es ist unklar, ob er noch auf seinen Vater wartet oder sich die beiden bereits getroffen haben. Es existiert keine einzige Szene im Film, in der sich Vater und Sohn begegnen. Ein alter Schauspieler, der sich anfangs scheut, das Krankenhaus zu betreten, sucht den Vater auf und möchte ihm etwas mitteilen. Das Publikum wird jedoch nie erfahren, worum es dabei geht.
„Introduction“ von Hong Sang-Soo Unsicher, was sie vom Leben möchten: Young-ho (Shin Seok-ho) und Juwon (Park Mi-so). | Foto (Detail): © Jeonwonsa Film Co. Production
Dieses Schema wiederholt sich im dritten Teil des Films in veränderter Form bei einem Gespräch zwischen Young-ho und seinem Freund. Bis zum Ende des Films erfahren die Zuschauer*innen nicht, was er eigentlich dem Freund sagen wollte. Zwischen dem zweiten und dritten Teil des Films gibt es eine Sequenz, die wie ein Traum von Young-ho erscheint. Die Geschichte über ihn und seine Freundin bleibt mittels Auslassung unvollständig. Die Beziehungen zwischen den Figuren im Film, insbesondere die von Young-hos Eltern zu dem alten Schauspieler, werden nur sehr vage angedeutet. Das Unausgesprochene und die ausgelassenen Szenen begleiten die Zuschauer*innen während des gesamten Films.

Gewissheit in der Ungewissheit

Die Jugend von Young-ho und seiner Freundin Juwon ist von Ungewissheit geprägt. Juwon entscheidet sich, ins Ausland zu gehen, um dort Modedesign zu studieren. Allerdings äußert sie ihrer Mutter gegenüber Zweifel über das Gelingen ihres Vorhabens. Auf die Frage einer Berliner Künstlerin, warum sie Modedesign studiere, antwortet sie ebenfalls ohne große Überzeugung. Young-ho möchte mit seiner Freundin in Berlin leben, ist jedoch finanziell abhängig von seinen Eltern. Eigentlich plant er, Schauspieler zu werden. Die Schauspielerei aber scheint ihm nicht so recht zu liegen und er beabsichtigt, diese aufzugeben.

Trotz der Unsicherheiten in seinem Leben ist Young-ho fest davon überzeugt, dass ein Mann eine Frau nur aus ehrlichen Beweggründen lieben sollte – anders als manche koreanische Männer es in seiner Situation tun würden. Das Paar begegnet sich im Traum. Young-ho hört und tröstet Juwon, die körperlich und psychisch versehrt ist. Er ist zwar ein unbeholfener Taugenichts, der noch unter der elterlichen Kontrolle steht, unterscheidet sich jedoch deutlich von den Männern der anderen Filme von Hong Sang-Soo, die verzweifelt versuchen, Frauen zu erobern.
 
Zum Ende des Films springt Young-ho ohne Hose ins kalte Meer. Seine Entscheidung ist impulsiv und wagemutig zugleich. Als er zitternd aus dem Wasser kommt, klopft sein Freund ihm anerkennend auf die Schulter und umarmt ihn. Wie die Berliner Künstlerin im Film behauptet, der Mensch brauche einen Impuls zum Überleben, so wirken auch die beiden jungen Menschen vor dem kalten Meer mit seinen rauschenden Wellen mit Wärme erfüllt.

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