Katja Visschers & Joelina Rietsche
Sicherheit im öffentlichen Raum

Katja Visschers und Joelina Rietsche
© Katja Visschers

Im Rahmen einer Kooperationsvereinbarung zwischen dem Conseil des arts et des lettres du Québec, dem Goethe-Institut Montreal und der fabrik Potsdam – Internationales Zentrum für Tanz und Bewegungskunst erhalten die Künstlerinnen Katja Visschers und Joelina Rietsche eine Forschungs- und Schaffensresidenz in den Studios des Circuit-Est centre chorégraphique. Katja und Joelina erzählen hier von ihrer Arbeit und ihren Erfahrungen in Montreal. 

Von Das Interview führte Caroline Gagnon

Erzählt doch ein wenig über euch. Wie seid ihr zum Tanz gekommen? 
Katja Visschers (KV): Mit zwölf bin ich mit Freundinnen zum ersten Mal in einen Streetdance-Kurs gegangen und war sofort von der Atmosphäre begeistert. Danach habe ich schnell immer mehr Kurse belegt und bin ein Jahr später in die Juniors Company der Tanzschule gekommen. Mit ihr hatte ich regelmäßige Auftritte und habe an Meisterschaften teilgenommen.

Joelina Rietsche (JR): Ich habe schon früh in meiner Kleinstadt Ballett und Jazz getanzt. Mit etwa elf wollte ich andere Stile kennenlernen und bin deshalb für Hip-Hop-Kurse in die nächstgelegene Großstadt gefahren. Relativ schnell wurde ich in eine Crew aufgenommen, die sich neu gegründet hat, mit welcher wir dann bei vielen Wettkämpfen in Deutschland und teilweise auch im Ausland erfolgreich waren. Das hat meine Liebe zu Hip-Hop, Urban Styles und Choreografie und auch meinen Ehrgeiz zu Tanz generell entfacht.

Könnt ihr euch an den Moment erinnern, an dem aus Tanz mehr als nur ein Hobby wurde?
KV: Nach dem Abitur habe ich eine Tanzausbildung begonnen, vor allem weil Tanz das Einzige war, was ich mir beruflich vorstellen konnte. Ich wollte einfach weiter tanzen und besser werden. Bei meiner ersten ausbildungsinternen Audition nach einem halben Jahr, wurde ich allerdings für kein Projekt ausgewählt, was für mich ein Wendepunkt war: Ich habe gemerkt, wie hart ich arbeiten muss, wenn ich mir in der Tanzbranche einen Platz erkämpfen möchte und gleichzeitig wie groß mein Ehrgeiz dafür ist.

JR: Bei mir kam dieser Punkt relativ früh. Mit etwa 14 habe ich mal einen Artikel in einer Zeitschrift gesehen, in dem eine Profitänzerin aus dem Kommerziellen Bereich interviewt wurde und sie war direkt mein Vorbild. Ein paar Jahre später zogen 2 meiner Trainer weg um eine Tanzausbildung anzufangen, was mich dazu inspirierte den gleichen Weg zu gehen, sobald ich mit der Schule fertig bin.

Gibt es eine Begegnung, Aufführung oder ein Werk, das euch nachhaltig im Tanz verändert hat?
KV: Ein Dokumentarfilm über Pina Bausch hat mich während der Ausbildung überrascht. Ihr Umgang mit Bewegung, ihr Mut, Konventionen zu brechen und das Publikum zu irritieren, haben mich inspiriert. Ich habe dadurch gelernt, mich als Künstlerin immer wieder neu zu erfinden und meiner eigenen Bewegungssprache zu vertrauen.

JR: Für mich war die erste Berührung mit der zeitgenössischen Tanzszene am Anfang meiner Tanzausbildung ein Wendepunkt. Ich kam ja ursprünglich aus Urban Styles und der Choreografie-Szene und der theatralische Kontext im zeitgenössischen Tanz hat meinen Horizont stark erweitert. Heute inspirieren mich außerdem Physical Theatre und narrative Performances, weil sie mir neue Möglichkeiten des Kreierens eröffnen.

Ihr habt beide eure Wurzeln in Urban- und Streetdance und über viele Jahre auch in kommerziellen Trainingskontexten sowie verschiedenen Choreografie- und Showdance-Stilen trainiert. Wie beeinflussen diese Erfahrungen eure heutige Arbeitsweise, Bewegungssprache und künstlerische Arbeit?
KV: Ich nehme vor allem meine Musikalität, meine Liebe zur Musik und meine Begeisterung für klare Formen und Linien mit. Gleichzeitig hat mir das Training in unterschiedlichen Stilen einen breiteren Blick auf Tanz gegeben. Die Kontakte aus der Urban- und kommerziellen Szene ermöglichen mir heute auch, Tänzer*innen aus unterschiedlichen Stilrichtungen für meine Stücke zu engagieren. So entstehen neue Bewegungssprachen und mehr Möglichkeiten, die Authentizität meiner Arbeit zu gestalten.

JR: Ich verbinde gerne Qualitäten aus den Urban Styles mit Contemporary. Zum Beispiel Groove, Rhythmusgefühl und Präzision. Durch das Crew-Training habe ich außerdem gelernt, Bewegungen sehr genau wahrzunehmen und zu kopieren. All diese unterschiedlichen Stile geben mir heute mehr Tools, um meine eigene tänzerische Sprache und Ästhetik zu entwickeln.

Wie beginnt bei euch eine Choreografie? Mit einem Bild, einer Bewegung, einer Musik oder einer Idee?
KV: Das kann ganz unterschiedlich sein: ein Bild, Musik, ein gesellschaftliches oder persönliches Thema. Ausgangspunkt ist immer etwas, das mich gerade beschäftigt. Ich spreche zunächst mit den Tänzer*innen darüber und lasse sie improvisieren. Aus diesen Improvisationen entwickle ich dann Bewegungsabfolgen und daraus entsteht eine Choreographie.

JR: Bei mir entstehen Ideen oft aus persönlichen Prozessen oder Themen, die mich in der momentanen Lebensphase beschäftigen und die ich durch das Kreieren weiter erforschen möchte oder auch verarbeiten. Manchmal ist es aber auch ein Musikstück oder auch etwas, das ich in meinem Umfeld beobachte, was ein Bild in mir auslöst. Daraus entwickelt sich dann Schritt für Schritt eine Bewegungsidee und schließlich ein Stück.

Mit welchen Erwartungen seid ihr in das Residenzprogramm gestartet, und was hat es euch bisher gebracht?
KV und JR: Wir haben unsere Residenz mit dem Ziel begonnen, uns auf unser Projekt zu konzentrieren, neue Inspirationsquellen zu finden und ohne Druck kreativ zu sein. Unsere Inspiration schöpfen wir aus den Aufführungen, die wir sehen, und den Begegnungen, die wir machen. Die entspannte Atmosphäre hier in Montreal trägt ebenfalls dazu bei. Wir spüren eine gewisse Herzlichkeit, es fällt leicht, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und sich auszutauschen. Zum Beispiel wurden wir im Circuit-Est, dem Choreografiezentrum, in dem wir arbeiten, spontan zu einer Probe einer lokalen Künstlerin eingeladen. Die Tiefe der Arbeit dieser Künstlerin, ihre Fähigkeit, alle Hemmungen abzulegen, und ihre Authentizität haben uns tief berührt. Bei einer anderen Aufführung hat uns die musikalische Gestaltung fasziniert, und das regt uns dazu an, diesen Aspekt in unserem Projekt weiter zu erforschen.

Wir nutzen außerdem die Gelegenheit, an Kursen und Trainingseinheiten mit lokalen Künstler*innen teilzunehmen. Diese körperliche Arbeit ergänzt die kreative Arbeit, der wir uns im Studio widmen, auf wunderbare Weise.

Ihr werdet gegen Ende der Residenz einen Workshop anbieten. Könnt ihr uns schon verraten, was die Teilnehmenden erwartet?
KV & JR: Unser Workshop trägt den Titel Exploring Safety in Public Space. Es handelt sich um einen inklusiven Workshop, der allen offensteht, unabhängig von Geschlecht und Alter. Wir werden uns mit Fragen der Wahrnehmung, der Sicherheit und den Erfahrungen im öffentlichen Raum auseinandersetzen. Unser Ziel ist es, einen Raum ohne Vorurteile zu schaffen, in dem alle willkommen sind. Es sind keine Vorkenntnisse oder Fähigkeiten erforderlich: Neugier, Aufgeschlossenheit und das Interesse an Bewegung reichen aus. Die Teilnehmenden haben die Möglichkeit, einige unserer Arbeitsmethoden auszuprobieren: Bewegung, Zeichnen und Schreiben.

Wir möchten uns darüber austauschen wie kollektives Bewusstsein und gemeinsame Sensibilität für mehr Sicherheit im öffentlichen Raum sorgen könnte. Wir freuen uns schon jetzt auf unseren Austausch und darauf, gemeinsam kreativ zu sein!
 

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