Joseph Boyden über Patrick Süskind
„Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders” von Patrick Süskind

Patrick Süskind Das Parfum. Sonderausgabe - Die Geschichte eines Mörders von P. Süskind; Diogenes, 2006
Patrick Süskind Das Parfum. Sonderausgabe - Die Geschichte eines Mörders von P. Süskind; Diogenes, 2006

Ich roch sie zum ersten Mal im August 1992. Damals war ich ein einsamer Student während seines ersten Auslandssemesters in der mir fremden Stadt New Orleans.
Zu sagen „Ich roch sie“ erscheint mir heute viel zu krude und unbeholfen, wenn ich an die weitere Entwicklung denke. Doch der Geruch dieser Frau verfolgte mich. Er machte mich fast wahnsinnig. Und er ist für meine heutige Lage verantwortlich.Ihr Vorname war Büege; ihr Geburtsname Weckauff. Deutsche Abstammung durch und durch. Dabei sah sie so vollkommen amerikanisch aus – mit ihren Cowboystiefeln, ihrem kurzen Rock und ihrem betörenden Duft. Eine Feengestalt, die uns verzauberte? Alle Männer – und Frauen – der Fakultät waren da einer Meinung. Dieses Geschöpf gebot, dass wir alle wie lechzende Hunde während dieses ersten, schweißgetränkten Sommers Das Parfüm lesen sollten.

Wir verschlangen das Buch förmlich in diesen schwülen Monaten in unserer versinkenden Stadt, angezogen und angewidert zugleich von der ohne Geruchssinn geborenen Hauptfigur Grenouille. Dieser Mensch, dieses Scheusal, war eine wahre Bestie; und in der Hitze schlug uns Grenouille mit seiner Erzählung, seinen Gelüsten und seiner Niedertracht in seinen Bann. Das Geschehen war uns vollkommen fremd und doch sehr vertraut. Der Verwesungsgeruch toter Hunde stieg uns in die Nase, auf unseren Straßen wurden Mitbürger aus für uns unbegreiflichen Gründen ermordet und alles war von Jasmin- und Magnolienduft überlagert.

Grenouille fand seine ersehnte Liebe schließlich, indem er sich von armen Fremden verschlingen ließ. Und ich? Auch ich fand Trost, indem ich mich verschlingen ließ. Heute, siebzehn Jahre später, ist die bezaubernde Feengestalt, die mich mit dem Roman Das Parfüm bekannt machte, meine Frau. Das Buch und das Geschehen von damals schlummern auf unserem Bücherregal vor sich hin; stören wir diesen Schlummer, steigt ein leichter Moschusgeruch auf. Eine Geschichte, die uns beide an den heißen Sommer vor so vielen Jahren erinnert, als wir uns im gemeinsamen Lesen eines Buches fanden, um daraus unsere Welt mit ihrem ganz eigenen Duft zu erschaffen.

Joseph Boyden  © Camille Gévaudan
Joseph Boyden © Camille Gévaudan
Joseph Boyden,
Northern Ontario/New Orleans

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