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Klimatheater
Naturkräfte auf die Bühne bringen

Bild aus der Vorstellung "Tornado". Ein Gesicht mit zum Schrei geöffneten Mund vor rotem Hintergrund.
Tornado | Foto: David Baltzer​

Wie macht Theater Klimaveränderungen auf der Bühne greifbar? In Deutschland entwickelt sich gerade eine neue, künstlerische Klimaästhetik. ISCENE traf einen ihrer Vorreiter, den Regisseur Tobias Rausch.

Von Nina Branner

1996 saß Tobias Rausch eines Abends im Publikum einer vierstündigen Inszenierung von Shakespeares Richard III. im Theater Volksbühne in Berlin. Eine düstere Vorstellung mit lauter Toten und allen möglichen Requisiten. So einschläfernd, dass mehrere Zuschauer den Saal verließen. Für den Regisseur war es jedoch Ehrensache, bis zum bitteren Ende auszuharren.

Und das hat er nicht bereut. Denn in der letzten Szene des Stücks ergoss sich ein Platzregen über die Bühne, spülte Requisiten in den Orchestergraben und füllte den Raum mit Kälte. Ein Erlebnis, das den Regisseur nach eigenen Worten „überwältigte und verwandelte“.

„Da war überall Wasser, und das ging eine Viertelstunde lang so. Ich spürte die Feuchtigkeit und Kälte des Wassers, das ohrenbetäubend laut war. Von da an war die Hauptperson des Stücks für mich nicht mehr Richard III., sondern der Regen“, erinnert sich Tobias Rausch.

ISCENE hat ihn zu einem Spaziergang durch das kalte Berlin eingeladen, um mehr über das Phänomen „Klimatheater“ zu hören. Seit den 90er Jahren versucht Rausch, eine künstlerische Sprache dafür zu finden, wie sich Klimaveränderungen und deren Konsequenzen auf der Theaterbühne erfahrbar machen lassen. Der unerwartete Platzregen, der die Dürre in Shakespeares Stück unterbrach, war für ihn ein Schlüsselerlebnis, das seine Vision für das moderne Klimatheater mitgestaltet hat.

„Ich habe den Regen als Figur im Stück erlebt, und das hat großen Eindruck auf mich gemacht. Es gibt Phänomene in der Natur – sei es Donner oder ein Platzregen –, die man plötzlich nicht mehr als Objekte betrachtet, sondern bei denen man sich stattdessen selbst als Teil der Natur fühlt. Diese Momente suche ich: Augenblicke, in denen man die Natur nicht als Kulisse, sondern als Akteur in der Geschichte betrachtet“, sagt er gegenüber ISCENE.

Pflanzen in den Hauptrollen

Tobias Rausch wurde 1971 in Frankfurt geboren und studierte Philosophie, Biologie und Literaturwissenschaft. Er hat also – was bei deutschsprachigen Regisseur*innen nicht selten vorkommt – eine fachübergreifende und akademische Ausbildung, was sein frühes künstlerisches Engagement in Sachen Umwelt und Klimafragen vielleicht erklärt. In der deutschen Theaterszene ist Rausch als neugieriger Forschertyp und für seinen recherche- und interviewbasierten Ansatz bekannt.
Vor allem sein sich über fünf Jahre erstreckendes Werk Die Welt ohne Uns von 2010, in dem eine Gruppe von Pflanzen die Hauptrollen spielt, erregte Aufmerksamkeit. Auf die ungewöhnliche Besetzungsliste wird Rausch noch näher eingehen, doch zunächst erzählt er von seinem aktuellen Projekt Tornado – einer Vorstellung über einen Sturmjäger, einen Polarforscher und einen Tornado, die die Konsequenzen des schmelzenden Permafrosts in Ostsibirien thematisiert.

Als eine der Vorlagen für Tornado diente der Roman The great derangement des indischen Schriftstellers Amitav Ghosh von 2016. Das Buch beschreibt, wie wir in der westlichen Welt eine Erzähltheorie mit Wurzeln in der kolonialistischen Weltanschauung des 18. Jahrhunderts entwickelt haben, die besagt, dass wir sowohl den Rest der Welt als auch den Rest der Natur beherrschen. Dies hat Amitav Ghosh zufolge dazu geführt, dass wir auch in der Kunst nicht dazu in der Lage sind, über die Naturkatastrophen der Wirklichkeit nachzudenken. Zyklone und Tsunamis werden als unrealistische Phänomene betrachtet und sind höchstens in Science-Fiction-Filmen und Romanen zu finden, selten jedoch auf der Theaterbühne. Und genau das könne den Bestrebungen der Bühnenkunst, Klimaveränderungen zu thematisieren, im Wege stehen, meint Rausch und führt weiter aus:

„Sollen wir auf den Klimawandel reagieren, weil wir die Folgen für uns selbst fürchten oder weil dieses Naturphänomen auch ein Wesen an sich ist?“, fragt er rhetorisch. „Ich meine, wir müssen eine Weltanschauung anstreben, mit der wir die Naturphänomene nicht als Kulisse, sondern als lebendige Wesen betrachten. Nur so können wir das Ausmaß des Klimawandels verstehen – auch im Theater“.

Dass der Begriff Klimatheater völlig unterschiedlich aussieht je nachdem, wo man sich auf der Welt befindet, ist sonnenklar. Und Rausch betont, dass sein Projekt gerade darin besteht, Klimaveränderungen für das westliche Publikum greifbar zu machen, das die Konsequenzen der globalen Erwärmung und des CO2-Ausstoßes (noch) nicht spürt. Genau das versuchte er in Die Welt ohne Uns mit Pflanzen als Hauptfiguren. In einer Million Jahren, so die These, wird die Welt sowieso nur noch von Pflanzen bewohnt sein, da wir Menschen den Planeten für uns selbst zerstört haben werden. Doch Rausch und seine Kollegen stellten fest, dass es eine ganz schöne Herausforderung war, Naturphänomene auf die Bühne zu bringen.

„Wir versuchten, die Perspektive des Publikums zu verändern, so dass sie die Pflanzen als Figuren sahen – als historische Wesen mit einem Schicksal und einem Lebensweg. Also Charaktere mit einer Geschichte. Wir fanden heraus, wie schwer das war. Das liegt auch daran, dass wir im Theater eine feste Vorstellung haben, was eine Handlung, eine Situation und eine Szene ist. Es ist schwer, diese Auffassung zu ändern, weil sie mit unserer allgemeinen Weltanschauung im Westen zusammenhängt“, meint er.

Das Theater wacht auf

Im letzten Jahr war Rausch eingeladen, auf der Konferenz Klima trifft Theater in Potsdam zu sprechen. Hier lautete seine These, dass darstellende Künstler schlicht und ergreifend nicht über die ästhetischen Mittel verfügen, die Klimakrise zu vermitteln. Aus diesem Grund fühle sich die Bühnenkunst machtlos und das Thema sei im Theater unterrepräsentiert. Als Folge der Bewegung Fridays For Future haben viele deutsche Theaterhäuser dies jedoch nachgeholt und schenken Klima- und Umweltproblemen nun größere Aufmerksamkeit.

Zu den deutschen Regisseur*innen, die das Thema Klima in den letzten Jahren auf die Bühne gebracht haben, zählen u.a. Kevin Rittberger, Philipp Preuss und Marie Bues, die das Verhältnis zwischen Mensch und Tier bzw. den Eisberg als Metapher für den Zusammenbruch der Welt und Krisenszenarien in der globalisierten Arbeitswelt thematisiert haben. Obwohl es gelungene Vorschläge für ein Klimatheater gibt, sei das Thema noch immer schwer zugänglich für die Bühnenkunst, meint Rausch.

„Die größte Herausforderung besteht darin, dass der Klimawandel weiterhin ein äußerst abstraktes Phänomen für uns hier im Westen ist. Wir spüren den Effekt noch nicht, und deshalb ist es auch schwer, das Thema im Theater konkret umzusetzen“, sagt Rausch, betont jedoch, dass die Theater derzeit erwachen und einsehen, dass sie sich des Klimathemas annehmen müssen.

Der Mensch ist nicht der Mittelpunkt

Obwohl die Bühnenkunst nur langsam begreife, das omnipräsente und doch so schwer fassbare Klimaproblem aufzugreifen, habe das Theater Rausch zufolge ein großes Potenzial, den Menschen ein Gefühl für das Thema zu vermittelt – buchstäblich gesprochen.

„Es ist ja nicht schwer, Informationen über Klimaveränderungen zu erhalten, und den Menschen ist das Problem generell nicht unbekannt. Das Besondere am Theater ist jedoch, dass es das Publikum mehr involvieren kann als andere Medien. Der Live-Charakter und die direkten Begegnungen – ein Teil des gleichen Raums in der gleichen Atmosphäre zu sein. Wir müssen die Naturkräfte auf die Bühne bringen, weil sie das Publikum den Klimawandel auf effektive Weise erfahren lassen“, meint Rausch.

Das hat er mit Tornado versucht. Die Vorstellung spielt in drei Räumen, in denen das Publikum den verschiedenen Charakteren begegnet – der eine ist ein waschechter Tornado, hervorgerufen mit Hilfe eines Föhns. Publikumsumfragen nach der Vorstellung hätten gezeigt, dass die Zuschauer äußerst emotional auf den Tornado reagieren, erzählt Rausch. Manche hätten sogar eine Art Katharsis erlebt. Rausch zieht einen Vergleich zu einer Episode aus The great derangement, in der die Hauptperson einem Tornado gegenübersteht und plötzlich das Gefühl hat, dieser starre ihm in die Augen und er selbst sei nur ein winziger Teil der großen Natur.

„Ich glaube, das Erlebnis, dass ein Naturphänomen uns plötzlich anschaut und etwas von uns will, ist konstruktiv für die Entwicklung einer Klimaästhetik für die Kunst. Viele beginnen, sich für diese nicht menschlichen Figuren auf der Bühne – z. B. Pflanzen – zu interessieren. Die Leute fangen an zu begreifen, dass wir nicht der Mittelpunkt des Universums sind, und das wird sich im Klimatheater widerspiegeln“, schließt Rausch und verschwindet im Herbstnebel.








 

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