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Interview
Die Vorstellung PRIDE richtet den Fokus auf queere Personen

Pressefoto aus der Vorstellung "Pride" am Königlichen Theater. 7 Darsteller*innen stehen in Strass-besetzten Kostümen auf der Bühne, nur der Darsteller in der Mitte ist klar zu erkennen, die anderen sind undeutlich durch ihre Bewegungen.
Foto: Det Kongelige Teater/ Camilla Winther

Mit Pride hat der deutsche Regisseur Falk Richter ein neues Stück geschrieben über die Lebensrealitäten queerer Menschen in einer Welt, in der noch immer keine Gleichberechtigung besteht. Auch in Dänemark hinkt das Gesetz bei der Gleichberechtigung nicht heterosexueller Paare noch hinterher. Das haben uns Falk Richter und die Schauspielerin Xenia Noetzelmann erzählt, als ISCENE sie wenige Wochen vor der Premiere von Pride in Det Kongelige Teater traf.

Von Nina Branner

„Meine Partnerin und ich haben eine Tochter, die jetzt 9 Monate alt ist. Wir haben den Begriff des „Familiensatelliten“ für unseren Samenspender erfunden, denn er ist ein enger Freund unserer Familie und das Wort „Vater“ ist mit so vielen Bedeutungen aufgeladen. Wenn meine Tochter mal etwas über Nagellack oder Ballett lernen möchte, ist unser „Familiensatellit“ herzlich willkommen etwas beizutragen, denn weder ich noch meine Freundin interessieren sich sonderlich für so etwas…. offiziell ist sie noch nicht meine Tochter, ich muss sie erst adoptieren“.
 
Wenn die deutsche Schauspielerin Xenia Noetzelmann Ende August in dem neu geschriebenen Stück Pride die Bühne im Königlichen Theater betritt, dann mit ihrer eigenen Geschichte im Gepäck. Eine Geschichte über das Aufwachsen als Lesbe in der deutschen Provinz. Darüber, wegen seiner Sexualität auf der Straße angeschrien zu werden. Und darüber, rechtlich nicht als Mutter seiner eigenen Tochter anerkannt zu werden.
 
Als sie und ihre Freundin, die dänische Theaterregisseurin Elisa Kragerup, Eltern wurden, hatten sie nicht erwartet, dass eine rechtliche Formalität sie davon abhalten würde, das Sorgerecht für ihr Kind zu teilen. Aber selbst in Dänemark, das als eines der gleichberechtigten Länder gilt, hinkt das Gesetz in Bezug auf die Rechte queerer Menschen hinterher.
 
„Selbst hier in Dänemark, wo die Menschen sich der Gleichberechtigung sehr bewusst sind, gibt es immer noch Gesetze, die queere Menschen extrem diskriminieren. Dafür gibt es nicht genügend Aufmerksamkeit und daher ist es ein Thema, das wir auf Dänemarks größter Bühne vermitteln möchten“, sagt Xenia Noetzelmann, die seit einigen Jahren in Dänemark lebt und arbeitet – unter anderem mit Det Røde Rum und als Ensemblemitglied des Teater Momentum.
 

Portraitfoto der Schauspielerin Xenia Noetzelmann.Foto: Sebastian Hoppe

Auf der Straße angegriffen

Ich treffe sie und den Regisseur von Pride, Falk Richter, in den Probesälen des Königlichen Theaters auf Refshaleøen zweieinhalb Wochen vor der Premiere des Stücks. Falk, der in Deutschland als experimenteller Regisseur mit politischem Flair bekannt ist, ist als Dozent an Statens Scenekunstskole oft in Dänemark. Die Schauspieler*innen in Pride kommen jedoch aus mehreren verschiedenen Ländern und bilden das erste Ensemble überhaupt, das ausschließlich aus LGBTI+-Menschen besteht. Die Vorstellung wird auf Grundlage der persönlichen Queer-Erfahrungen der Performer*innen entwickelt und anlässlich von Copenhagen 2021 – einem 10-tägigen Festival rund um die Rechte queerer Menschen - aufgeführt.
 
Die beiden Deutschen, die beide homosexuell sind, sind sich einig, dass man in Dänemark überwiegend sicher mit abweichender Sexualität leben kann. Beide wuchsen in der deutschen Provinz auf und waren in den 80er und 90er Jahren jung. Und in Bezug auf ihr Heimatland bemerken sie in Dänemark einen positiven Unterschied im Umgang mit LGBTI+-Personen.
 
„Als Homosexuelle*r in der deutschen Provinz aufzuwachsen, bedeutete keinen Zugang zu irgendwelchen Informationen über Homosexualität zu haben. Wir waren weder im Fernsehen noch im Kino vertreten, und es gab auch nicht viele, die sich als Schwule oder Lesben geoutet haben“, sagt Falk, der aus einem Hamburger Vorort stammt. Xenia ist in einer Kleinstadt in der Nähe von Stuttgart aufgewachsen und ist als lesbische Frau oft schikaniert worden. In Pride zitiert sie eine „klassische“ Episode aus ihrem Leben:
„Ich stehe mit meiner Freundin an einem Fußgängerüberweg. Ein Auto fährt vorbei und ein Mann kurbelt das Fenster herunter und ruft „Lesben! Wollt ihr gefickt werden?!“ In Deutschland wundert es mich nicht, dass so etwas passiert, denn ich erwarte es und habe es schon oft erlebt“, sagt Xenia und lacht kopfschüttelnd, flankiert von Falk. Beide sind in der Lage, es mit Humor zu nehmen, dass manche Menschen ihre Sexualität als Provokation empfinden. Aber auch im Blick der dunkeläugigen Schauspielerin liegt eine Entschiedenheit, die davon zeugt, dass Gerechtigkeit für sie unabdingbar ist.
 
Wie reagieren Sie auf solche Kommentare?
 
„Wenn ich in einer potenziell gefährlichen Situation bin, überlege ich sorgfältig, was zu tun ist. Aber wenn zum Beispiel ein*e Kolleg*in etwas Unangemessenes sagt, konfrontiere ich die Person und frage direkt: "Was meinst du eigentlich damit?" Dann wird es schnell peinlich für die Person, die etwas Unangemessenes gesagt hat“, sagt Xenia.
 
Pressefoto aus der Vorstellung "Pride" am Königlichen Theater, zwei Darsteller*innen als lesbisches Paar.Foto: Det Kongelige Teater/ Camilla Winther

Muss ihr eigenes Kind adoptieren

Selbst in Berlin, das in ganz Europa für seine Toleranz und Freiheit bekannt ist, sei kürzlich ein junger, schwuler Mann zusammengeschlagen worden, weil er eine Regenbogenfahne in der Hand hatte, sagt Falk. Dass es in einem in vielerlei Hinsicht modernen Land wie Deutschland immer noch mit Angst verbunden sein kann, seine Sexualität offen zu zeigen, wenn sie von der Norm abweicht, hängt mit dem anhaltenden Einfluss der katholischen Kirche in vielen Teilen des Landes und der anhaltenden Popularität der christlich-konservativen Regierungspartei CDU zusammen. Erst vor vier Jahren wurden homosexuelle Partnerschaften gesetzlich anerkannt – die CDU war eigentlich dagegen.
 
In Dänemark sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften seit 1987 legal. 2014 erlaubte es als erstes Land eine Geschlechtsumwandlung ohne vorherige ärztliche Genehmigung, und vor vier Jahren wurde Transgenderismus von der Liste der psychischen Erkrankungen gestrichen. Auch wenn – oder gerade weil – diese Rechtsanpassung hoffnungslos verspätet erscheint, mag es überraschen, dass es auch in Dänemark noch Gesetze gibt, die Minderheiten derart diskriminieren.
 
„In Dänemark ist die Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher und rechtlicher Realität größer als im konservativeren Deutschland. Dänemark hat das Selbstverständnis, sehr tolerant zu sein. Aber gleichzeitig ist man nie alle Gesetze durchgegangen, um zu überprüfen, ob sie auch die Rechte von queeren Menschen respektieren. Man hat sich einfach nicht die Zeit genommen, bestimmte Gesetze zu ändern“, sagt Xenia, die selbst in Schwierigkeiten geriet, als sie das Sorgerecht für ihr Kind wollte.
 
Da bei der Insemination, die zur Geburt der Tochter führen sollte, kein*e Vertreter*in des Gesundheitsamtes in ihrer Wohnung anwesend war, wurde ihr gemeinsamer Freund nicht als Samenspender anerkannt - und Xenia nicht als Mitmutter. Ihre einzige Chance, offiziell als Elternteil anerkannt zu werden, besteht jetzt darin, ihre eigene Tochter als Stiefkind zu adoptieren.
Obwohl sie mit der leiblichen Mutter des Kindes zusammenlebt und als  gleichberechtigter Elternteil fungiert, muss das Familiengericht prüfen, ob eine Adoption dem besten Interesse des Kindes entspricht, was bei heterosexuellen Paaren undenkbar wäre.
 
„Ich empfinde Dänemark als sehr frei, wenn es um LGBTI+-Rechte geht, aber es gibt immer noch Fälle wie Xenias. Daher macht es Sinn, Pride hier auf der größten Theaterbühne des Landes zu inszenieren. Denn auch hierzulande erfahren queere Menschen Diskriminierung – aber auch um Menschen in beispielsweise osteuropäischen Ländern zu unterstützen und für die zu sprechen, die nicht die gleichen Möglichkeiten haben, sich öffentlich zu äußern. Diese Chance müssen wir nutzen“, sagt Falk.

 
Pressefoto aus der Vorstellung "Pride" am Königlichen Theater. 3 Darsteller*innen tanzen auf der Bühne.Foto: Det Kongelige Teater/ Camilla Winther

"Stellt euch auf unsere Seite"

In Pride folgt das Publikum einem zyklischen Verlauf im Leben eines queeren Menschen. Zunächst treffen wir die Charaktere, die aus Schauspieler*innen, Tänzer*innen und Performer*innen bestehen, vor ihren Coming-outs. Im Laufe des Stückes werden sie älter, outen sich als Homosexuelle oder Transgender, gehen Ehen ein und durchleben Lebenskrisen. Scham und Stolz sind zentrale Themen der englischsprachigen Performance, die in elf Sequenzen mit Monologen, Dialogen, Musik und Tanz unterteilt ist. Falk Richters humorvolle, patchworkhafte und autofiktionale Herangehensweise, die er bereits in seinem vorherigen Stück In my Room verfolgt hat, ist das Markenzeichen jener Produktionen, für die er selbst das Drehbuch geschrieben hat. Alle Darsteller*innen haben durch Improvisationen und Gespräche über ihre eigene Existenz als queere Person zum Drehbuch beigetragen. Obwohl ihre Geschichten natürlich sehr unterschiedlich sind, teilen sie die Erfahrung, sich anders zu fühlen und sich dafür zu schämen, sagt Falk.
 
„Es gibt immer noch viele Vorurteile. Vielen queeren Schauspieler*innen wird beispielsweise gesagt, dass sie keine Karriere machen können, wenn sie queer sind. Oder dass sie nie eine gute Liebesbeziehung haben werden. Mit dem Stück wollen wir zeigen, dass man als queere Person stolz darauf sein kann, wer man ist“, sagt Falk. Xenia stimmt zu: „Es geht um ein sehr grundlegendes Selbstwertgefühl, das schwer aufrechtzuerhalten sein kann, wenn es von anderen als Provokation wahrgenommen wird. Alle Menschen möchten ja die Straße entlang gehen können, ohne Angst haben zu müssen, angegriffen zu werden.“
 
Als Mitwirkende in Pride ist es ihr Anliegen, die Erfahrung zu vermitteln, ausgesetzt zu sein, wie sie viele queere Menschen erleben – nicht zuletzt in Ländern wie Polen und Ungarn, wo die Rechte von LGBTI+-Personen in diesen Jahren stark beschnitten werden. „Für uns alle, die wir an dem Stück mitwirken, ist es wichtig, diesen Abend zu nutzen, um zu erzählen, was es für uns bedeutet, freie Menschen zu sein. Ich möchte deutlich machen, dass wir auch Menschen sind und die gleichen Probleme haben wie alle anderen – und gleichzeitig, dass man stolz darauf sein sollte, wer man ist. Denn es gibt viele Orte in Europa, an denen queere Menschen diese Freiheit nicht haben. „Schaut uns an und stellt euch auf unsere Seite in unserem Kampf für die gleichen Rechte“ – das ist es, was ich dem Publikum mitteilen möchte“, sagt Xenia, bevor wir uns trennen und die beiden zu den Proben zurückkehren.


 
 

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