Band des Monats
Grenzkontrolle
„Laut, groovy, politisch und aggressiv“ – so beschreibt die Kölner Band Grenzkontrolle im Interview mit BandUp ihren Sound. Die Gruppe, bestehend aus dem Frontsänger Don L. Gaspár Ali, der Schlagzeugerin Roza Rot, dem Bassisten Schuttland und dem Gitarristen Kodia Funk, bringt die Neue Deutsche Welle in das Jahr 2026 und kann mit ihrem düsteren Sound sicherlich mit Klassikern wie Fehlfarben oder Joachim Witt mithalten. Ihr größte Inspiration ziehen sie dabei tatsächlich auch aus der Musik der 80er Jahre, in denen die Menschen sich, von politischer Unsicherheit geprägt, ähnlich fühlten, wie Viele von uns sich heute häufig fühlen: frustriert, verängstigt, unsicher, was als Nächstes passieren wird. Diese Emotionen greift Frontmann Don in seinen Texten auf und verarbeitet sie, gemeinsam mit seiner Band, in lauten, punkigen Songs, die dem System trotzen.
Von Josefine Rempe
Großwerden zwischen Hochhäusern, Fußballplätzen und Nina Hagen
Doch ist diese Frustration nichts, was Don erst seit seinem Erwachsenenleben begleitet. Er wächst in Kölnberg auf, einer Hochhaussiedlung im Kölner Stadtteil Meschenich, die stark von sozialer Ungleichheit betroffen ist. Die Kindheit in der Siedlung ist nicht leicht für ihn und hinterlässt bis heute ihre Spuren. Don findet Zuflucht im Fußball; er trainiert sogar mit den Profis für die U23-Mannschaft in Düsseldorf.Die Welt des Profi-Fußballs ist jedoch eigentlich gar nichts für ihn. Er möchte lieber etwas anderes machen, und zieht somit mit Anfang 20 nach Berlin, wo er unter anderem als Schauspieler arbeitet. Sein schauspielerisches Talent kann man in den Musikvideos der Band bewundern; so zum Beispiel im Musikvideo zu Katy Perry!, in dem er als Clown geschminkt durch den Skatepark tanzt. Sein größtes Idol: Nina Hagen. Das Auftreten und die Performances der deutschen „Godmother of Punk“ beeinflussen ihn stark und er wird nicht müde, dies auch in Interviews immer wieder zu erwähnen.
Dies verarbeitet Don unter anderem im Lied Tür: „Ich klopfe an deiner Tür // und hoffe, dass du sie mir öffnest. // Dunkelschwarz in diesem Land // steht man mit dem Rücken an der Wand. // Wo soll ich hin? // Wo darf ich hin?“ Im Musikvideo sieht man die Bandmitglieder in traditioneller bayerischer Jäger-Tracht beim Teetrinken in einem ebenso traditionell-konservativen Haus. Eine eindrückliche Darstellung des Versuchs dazuzugehören - aber auch eine Provokation, ein bewusstes Raum einnehmen, wo man nicht gerne gesehen ist.
Durch eine Insta-Story zur Revolution
Dabei versteht sich die Band gar nicht unbedingt als „Polit-Band“, wie sie im Interview mit Diffus erklären. Zunächst ging es nur darum, gemeinsam Musik zu machen, zu jammen, Zeit miteinander zu verbringen, erzählt Roza Rot. Um hierfür Menschen zu finden, macht Don eines Tages eine Instagram-Story, auf die Roza antwortet. Später kommt dann Kodia dazu. Danach geht alles ganz schnell: innerhalb eines Monats beginnt die Gruppe, Songs aufzunehmen und geht mit dem Lied Revolution, sowie dem dazugehörigen Video, schnell auf TikTok und Instagram viral.
Mit Zeilen wie „Verstörende Bilder – There is no planet B // Leben leben – und das irgendwie // Du wählst hellblau und die Faschos applaudieren // Auf den Hass kann ich nur mit Hass reagieren“, greift Don ein Grundgefühl innerhalb der Gesellschaft auf: irgendwie weiterleben müssen, während man täglich mit verstörenden Videos von Naturkatastrophen und Kriegen, sowie dem spürbaren Rechtsruck in ganz Europa konfrontiert ist. Kein Wunder also, dass das Lied so schnell Anklang findet.
Im Gedenken an die Edelweißpiraten
So mag die Band sich zwar nicht ursprünglich als „Polit-Band“ definieren, doch verstehen sie linke Politik als Teil ihrer künstlerischen Identität und sehen es als Aufgabe von Künstler*innen an, die Zeit, in der wir leben, zu reflektieren. Ihre erste EP Edelweiß erscheint am 1. Mai 2025, als Hommage an die Arbeiter, pünktlich zum Tag der Arbeit. Auch die zweite EP Piraten erscheint im Mai 2026, aus demselben Grund. Doch fällt hier noch ein weiterer Zusammenhang auf: gemeinsam ergeben die Titel das Wort „Edelweißpiraten“. Hiermit möchte die Band der gleichnamigen Widerstandsgruppen aus Köln, dem Rheinland und dem Ruhrpott zu Zeiten des Nationalsozialismus gedenken.
Die Edelweißpiraten begriffen sich selbst vor allem als eine Gegenbewegung zur Hitlerjugend. Sie organisierten Wochenendausflüge, Fahrten und Wanderungen, musizierten gemeinsam und gegen den Faschismus. Auch Frauen waren bei ihnen herzlich willkommen. Die meisten von ihnen wurden hingerichtet oder als Teil einer Strafkompanie an die Ostfront geschickt. Es gab kaum überlebende Piraten. Und doch inspirieren sie bis heute zum Widersetzen. „Das zeigt halt auch, dass es keine Rolle spielt, wie alt du bist. Also, dass du immer in der Lage bist, etwas zu machen. Also, alles ist besser, als einfach hinnehmen“, sagt Don hierzu im Diffus-Interview. „Es ist nie zu früh damit anzufangen, eine Haltung zu haben. Also es ist einfach, glaube ich, für uns das Schrecklichste, ohne Haltung durchs Leben zu gehen.“
Haltung zeigen – das tut Grenzkontrolle mit Leib und Seele. Mit ihrem selbstbenannten „divenhaften“ Punk geht die Band gegen jedes Stereotyp. Sie provozieren, sie kritisieren, sie tanzen – manchmal in bayerischer Tracht und manchmal als genderfluide Vampire. Doch vor allem sprechen sie immer aus, was uns Alle bewegt und nehmen dabei kein Blatt vor den Mund.
Im September 2026 sind sie mit ihrer ersten Tour auf den Bühnen Deutschlands unterwegs. Die Tour werden sie mit einem großen Konzert bei sich zuhause in Köln beenden. Dass dieses Konzert, sowie das Konzert in Berlin, längst ausverkauft ist, zeigt, dass sie zwar Newcomer*innen sein mögen, aber ihre Musik bereits unverzichtbar geworden ist.
Diskografie
2025 Edelweiß (EP)
2026 Piraten (EP)
Band des Monats auf Spotify