„Kirszenbaum-Projekt“ Entartete Kunst

Ruth Rey und Nathan Diament
Foto: Cedric Dorin© Goethe-Institut Israel

Zwei Monate lang unterstützte die 23-jährige Ruth Rey aus Deutschland durch Vermittlung des Goethe-Instituts Nathan Diamant, 79, bei seinem „Kirszenbaum-Projekt“. Seit 15 Jahren schon erforscht er das Leben und Werk seines Verwandten, dem polnisch-jüdischen Maler und Karikaturisten Jesekiel David Kirszenbaum. Als „Entartete Kunst“ hatten die Nationalsozialisten einst dessen Werk gebrandmarkt und einen Großteil zerstört. Im Interview erzählt Rey, was sie in diesen Monaten in Israel erlebt hat:



Warum wollten Sie bei diesem Projekt unbedingt dabei sein?
 
Was mich vor allem daran gereizt hat, ist, dass es Kunst und die Geschichte des 20. Jahrhundert verbindet. Und natürlich war es meine große Neugier auf Israel. Ich wollte endlich mehr über die Kultur dieses Landes und das Judentum erfahren, vor Ort und durch persönliche Begegnungen. Idealerweise wollte ich dabei auch etwas Nützliches machen.
 
Was haben Sie konkret gemacht?
 
Zum einen habe ich Nathan geholfen, seine bisherigen Forschungen zu ordnen und sein Material zu digitalisieren. Seine Mutter war eine Nichte von Kirszenbaum. Seit Jahren schon versucht er deshalb, mehr über dessen Leben herauszufinden, und weitere Werke von ihm aufzuspüren, indem er zum Beispiel nach Hinweisen in Zeitungsartikeln über Ausstellungen oder in privater und geschäftlicher Korrespondenz sucht. Jetzt, nachdem ich ihm dabei geholfen habe, seine bisherigen Erkenntnisse in eine Cloud zu packen, haben auch andere Forscher auf anderen Kontinenten schnellen und leichteren Zugang zu dem Material, und können ihn in Zukunft hoffentlich unterstützen.
 
Was noch?
 
Da Nathan kein Deutsch lesen kann, habe ich auch selbst Artikel, Briefe und Postkarten nach solchen Hinweisen auf verschollene Werke durchforstet, konnte also ein wenig Dr. Watson für ihn sein. Außerdem habe ich noch einen Briefwechsel zwischen Kirszenbaum und einem seiner Schüler ins Englische übersetzt und damit Nathans Forschungsarchiv erweitert. Zudem haben wir zusammen große Sammelmappen mit Zeichnungen von Kirszenbaum katalogisiert.
 
Was waren schöne Momente bei diesem Projekt?
 
Die Zusammenarbeit mit Nathan! Er ist einfach ein sehr, sehr lieber Herr. Wenn wir bei ihm zuhause waren, bot er mir seinen bequemen Stuhl am Schreibtisch an, er nahm sich den Klavierhocker. Und der Keksteller, darauf hat er geachtet, der war nie leer. Außerdem hat Nathan so viele Geschichte zu erzählen. Zum Beispiel, wie er einmal Arbeiten von Kirszenbaum ausfindig gemacht hat, wie das Triptychon mit den drei Propheten. Zuerst ist er nach Europa gefahren, um an verschiedenen Museen danach zu suchen, letztendlich hat er sie aber in Israel, im Tel Museum of Art gefunden. Und dann konnte ich ihm durch mein Studium des Materials, der deutschen Korrespondenz, erzählen, dass genau diese drei Bilder bei dem Brand in seinem Pariser Atelier schwer beschädigt worden waren, und Kirszenbaum darauf hoffte, dass ihm Experten vom Louvre dabei helfen können, sie zu restaurieren. Das hatte er in einem Brief an einen Freund geschrieben.
 
Was nehmen Sie persönlich für sich mit?
 
Sowohl Kirszenbaum als auch Nathan sind Holocaust-Überlebende. Es ist noch einmal etwas ganz Anderes, von Zeitzeugen wie Nathan etwas über diese Zeit zu erfahren, persönliche Geschichten zu hören statt in Deutschland im Unterricht zu sitzen oder nur in Büchern darüber zu lesen. Oder wenn man einen Brief von Kirszenbaum an seine Frau vor sich hat, in dem er sie anfleht, ihm endlich zu antworten, ihm ein Lebenszeichen von sich zu geben, berührt einen das viel tiefer als anonyme Zahlen. Insofern war dieses Projekt für mich auch eine Chance, Geschichte sehr nah und sehr konkret zu erfahren. Zudem bleibt das wirklich schöne Gefühl: Hier habe ich jemandem bei etwas geholfen, das ihm persönlich sehr, sehr viel bedeutet.
 

 
J.D. Kirszenbaum © Wikimedia Commons Jesekiel David Kirszenbaum
 
Geboren im Jahr 1900 im polnischen Staszów als Sohn eines Rabbiners, wuchs Kirszenbaum in der traditionellen Umgebung eines Schtetls auf, begann schon im Alter von 12 Jahren zu zeichnen und zu malen, und schloss sich später der sozialiastisch-zionistischen Bewegung HaShomer Ha Tza’ir an. 1920 emigrierte er nach Deutschland, arbeitete dort zunächst drei Jahre in westfälischen Kohlegruben, um sich sein anschließendes Studium am Staatlichen Bauhaus in Weimar finanzieren zu können. Paul Klee, Wassily Kandinsky und Lyonel Feininger zählten zu seinen Lehrern.

1925 zog Kirszenbaum nach Berlin und arbeitete dort, teils unter dem Namen „Kirschenbaum“, teils unter dem Pseudonym „Duvdivani“, der hebräischen Übersetzung seines Namens, als Illustrator und Karikaturist für lokale Zeitungen und Satirezeitschriften. Er war Mitglied der „Assoziation Revolutionärer Bildender Künstler Deutschlands“, die der Kommunisten Partei (KP) nahestand.

1933 flüchtete er mit seiner Frau Helma nach Paris und schloss sich dort den Netzwerken von exilierten deutschen Künstlern an, wurde Gründungsmitglied des „Freien Künstlerbunds“, der sich 1937 als Reaktion auf die von den Nationalsozialisten in München organisierte Ausstellung „Entartete Kunst“ formierte. Zudem wurde Kirszenbaum in seinem Exil Teil der „École de Paris“, eignete sich dadurch die Mal-Techniken des Französischen Expressionismus an.

Da seine Arbeiten für die Nationalsozialisten zur „Entarteten Kunst“ zählten, zerstörten sie nach der Besatzung Frankreichs Kirszenbaums Pariser Atelier, über 600 Bilder wurden durch den Brand beschädigt oder zerstört, beinahe sein gesamtes Werk. Ab 1940 war Kirszenbaum mit seiner Frau wieder auf der Flucht. Sie wurde ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet. Auch sämtliche Mitglieder von Kirszenbaums eigener Familie in Polen, bis auf zwei Töchter seiner Schwester Serla, überlebten nicht.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wandte sich Kirszenbaum wieder der Malerei zu, brach zu Reisen nach Brasilien und Marokko auf. Neben Ausstellungen in Sao Paulo und Rio de Janeiro wurden seine Werke Zeit seines Lebens auch in Amsterdam und Utrecht, in Limoges, Lyon und Paris, Berlin und Weimar ausgestellt. Heute sind sie, in Privatbesitz oder in Museen, Teil von Sammlungen in Frankreich, den Niederlanden, Polen, Israel, Belgien, dem Vereinigten Königreich, Brasilien, den Vereinigten Staaten und Brasilien.

Geprägt ist Kirszenbaums Werk, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, von persönlichen Erinnerungen, sowohl, was seine Kindheit als auch das dörfliche Leben in Polen betrifft, von seinen Erlebnissen während der Jahre des Verfolgtseins und von biblischen Motiven wie den Propheten des Alten Testaments. Mit nur 54 Jahren stirbt Kirszenbaum in Paris an Krebs.
 
Ab November 2018 wird es bis Ende 2019 drei Ausstellungen mit Kirszenbaums Werken geben, zunächst im kroatischen Zagreb, dann im deutschen Solingen und schließlich in Boulogne-Billancourt nahe Paris.