Erinnerungskultur
Kinder des Schattens

Buchcover: Kinder des Schattens
(Ausschnitt) © Neofelis Verlag

Mit Kinder des Schattens legt Herausgeber Matthias Naumann erstmals eine umfassende Anthologie israelischer Theatertexte zur Shoah seit 1948 vor. Die Sammlung präsentiert 15 Stücke – viele davon neu ins Deutsche übersetzt – und bietet einen eindrucksvollen Einblick in die Entwicklung von Erinnerung, Trauma und Identität im israelischen Theater. Im Gespräch mit Matthias Naumann sprechen wir über die Entstehung des Projekts, die Bedeutung des Theaters für die Erinnerungskultur und die Herausforderungen der Übersetzung.

Was hat Sie persönlich dazu bewegt, diese Anthologie zu realisieren, und welches Ziel verfolgen Sie damit in der deutschen Erinnerungskultur?  Wen möchten Sie mit „Kinder des Schattens“ erreichen – und warum gerade jetzt? 

Dieses Projekt einer Anthologie israelischer Theatertexte über die Shoah ist über viele Jahre hinweg entstanden. Als ich angefangen habe, die Idee zu entwickeln und daran zu arbeiten, war nicht absehbar, in welcher Situation wir heute im Kulturbereich und gesamtgesellschaftlich sein würden. Allerdings scheint es mir angesichts des weitverbreiteten Misstrauens bis hin zu Hass gegen Israel und einer damit verbundenen Ablehnung des Landes, oft ohne irgendwelche Kenntnisse, umso wichtiger, heute israelische Kultur – und in meinem Fall als Übersetzer von Theatertexten eben diese – nach Deutschland zu bringen.

Allerdings scheint diese Erinnerungskultur oftmals auch eindimensional, nur die deutsche Perspektive zu verkörpern und die israelische Perspektive wenig zu berücksichtigen.“

Der Anstoß zu dem Projekt war aber ein anderer, auch wenn er im Rückblick damit verbunden scheint: Ich beschäftige mich schon lange mit israelischem Theater und war immer wieder erstaunt, wie wenig in Deutschland bekannt ist, und vor allem, wie wenig über die Rezeption der Shoah in den israelischen Künsten bekannt ist, obgleich Erinnerungskultur in Deutschland doch inzwischen eine wichtige Rolle spielt. Allerdings scheint diese Erinnerungskultur oftmals auch eindimensional, nur die deutsche Perspektive zu verkörpern und die israelische Perspektive wenig zu berücksichtigen. Hier möchte ich mit der Anthologie die Möglichkeit geben, mehr über israelische Perspektiven auf die Shoah zu erfahren. Zunächst dachte ich, so etwas müsste es doch geben, und war sehr erstaunt, dass es keinerlei Veröffentlichungen dazu gibt. Aber in der deutschen Theaterwissenschaft geht es auch höchst selten um israelisches Theater. Also musste ich das selbst machen, und die Recherche und anschließend die Übersetzung haben mehrere Jahre in Anspruch genommen.

Die Anthologie vereint 15 Stücke, von denen viele erstmals ins Deutsche übertragen wurden. Nach welchen Kriterien haben Sie die Texte ausgewählt, und welche kulturellen sowie sprachlichen Herausforderungen ergaben sich bei der Übersetzung – (insbesondere im Hinblick auf unterschiedliche Erinnerungskulturen in Israel und Deutschland)?

Es ging mir bei der Auswahl darum, einen Überblick von der Staatsgründung bis in die Gegenwart anhand ausgewählter Stücke zu geben. Natürlich gab es in diesen bald achtzig Jahren viel mehr als 15 Stücke, die sich mit der Shoah befasst haben. Allerdings ist auch die Überlieferungslage unterschiedlich gut; Theater ist ein vergängliches Medium und oft werden Texte nicht archiviert, sind nicht mehr auffindbar, und es gibt nur Hinweise in Spielplänen und Rezensionen. Aus dem, was mir dann an Texten vorlag, musste ich eine Auswahl treffen. Und es gibt natürlich ‚Klassiker‘, wie z.B. das titelgebende Stück Kinder des Schattens (1962) von Ben-Zion Tomer, das im israelischen Theater immer wieder zur Aufführung kam, was den meisten Stücken nicht passiert. Das musste natürlich rein, ebenso wie z.B. Ghetto (1984) von Joshua Sobol und Amsterdam (2018) von Maya Arad Yasur, die beide auch in Deutschland zeitnah zur Uraufführung inszeniert wurden und weiter gespielt werden.

Ich wollte ein möglichst breites Spektrum der unterschiedlichen Perspektiven und Formen geben – also z.B. den dokumentarischen Arbeiten von Sobol und Motti Lerner ein Stück von Hanoch Levin, Hinrichtung (1979), gegenüberstellen, der auf ganz eigene Weise die Erfahrung des Ausgeliefertseins an Gewalt in seinem Theater verarbeitet. Und in den letzten zehn Jahren haben sich die Perspektiven auf die Shoah, die im israelischen Theater verhandelt werden, auch noch mal vervielfacht – es geht z.B. nun um das Trauma der zweiten Generation, etwa in Pfeifen (2019) von Jacob Buchan und Hadar Galron, ebenso wie um die historischen Erfahrungen der irakischen und marokkanischen Juden im Zweiten Weltkrieg, weswegen ein Schwerpunkt der Auswahl auf den letzten zehn bis fünfzehn Jahren liegt.
Diese ganz unterschiedlichen Texte aus verschiedenen Zeiten fordern natürlich auch bei der Übersetzung je anders heraus, da sich das Hebräische ebenso wie die Formen, Theater zu machen, seit den 1950er Jahren immer wieder verändert haben. Ich bin sehr froh, dass Gundula Schiffer zwei tolle Übersetzungen der Stücke von Lea Goldberg und Nathan Shaham aus den 1950er Jahren mit ihrer je ganz eigenen Sprache angefertigt hat, während ich mich mit Levin, der seine eigene Poetik hat, und vor allem neueren Texten beschäftigt habe. Da wird die Sprache manchmal umgangssprachlich, baut eine Komödie wie in Ilan Hatzors Sabotage (2018), oder sehr rhythmisch-musikalisch wie bei Maya Arad Yasur.

Wie haben sich die Perspektiven und Erzählformen israelischer Dramatiker:innen zur Shoah im Laufe der Generationen verändert, und welche gesellschaftlichen Entwicklungen spiegeln sich darin wider?

Zu Beginn merkt man eine Vorsicht, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Der Kritiker Chaim Gamzu schreibt etwa zu Nathan Shahams Neue Rechnung, dem ersten Stück (1954), das die Shoah als Zentrum hat, dass es einer großen Verantwortung und eines großen Mutes bedürfe, sich dieses Themas anzunehmen. Auffällig sind hier bereits zwei Dinge – das Stück spielt im Israel der Gegenwart, die Shoah war dort, in der Erinnerung, die Orte der Shoah werden nicht auf der Bühne gezeigt. Dem nähert sich erst Sobol mit Ghetto an, indem er die Handlung im Wilnaer Ghetto auf der Bühne zeigt, ebenso wie Lerner, wenn er in Kastner (1985) die Verhandlungen zwischen Rezsö Kastner und der SS in Budapest 1944 darstellt. Doch die meisten israelischen Stücke mit einem realistischen Setting verorten die Handlung in ihrer jeweiligen Gegenwart – nicht dort und damals während der Shoah –, sei es in Israel oder in neueren Stücken auch in Europa, wohin die Geschichte israelische Figuren zurückführt oder dort einholt.
Oftmals hatte ich beim Lesen den Eindruck, dass sich das israelische Theater weitaus intensiver mit Fragen der Kollaboration und möglicher (Überlebens-)Schuld auseinandergesetzt hat, als es das deutsche Theater jemals in Hinblick auf die deutsche Täterschaft und historische, politische und ethische Verantwortung getan hat.

Das andere Thema, das Shaham anspricht, ist das des Verdachts der Kollaboration – ob jemand mit den Nazis kollaboriert und dadurch Schuld auf sich geladen habe. Dieses Thema zieht sich bis in die 1980er Jahre durch viele Stücke, ist auch z.B. für Kinder des Schattens bestimmend, und spiegelt damit deutlich eine gesellschaftliche Beschäftigung mit dieser Frage wider, die oft die Erinnerung an die Geschichten der Überlebenden im Sinne dessen, was ihnen widerfahren ist, überlagert – während die Texte allzu raschem Urteil zu widersprechen versuchen. Oftmals hatte ich beim Lesen den Eindruck, dass sich das israelische Theater weitaus intensiver mit Fragen der Kollaboration und möglicher (Überlebens-)Schuld auseinandergesetzt hat, als es das deutsche Theater jemals in Hinblick auf die deutsche Täterschaft und historische, politische und ethische Verantwortung getan hat.

Ab den 1990er Jahren ändern sich die Themen, sicher auch durch neue Theatermacher*innen. Arbeit macht frei vom Toitland Europa von David Maayan und Smadar Yaaron etwa, das Gundula Schiffer rekonstruiert und übersetzt hat, nimmt auf sehr kritische Weise die israelische Erinnerungskultur in den Blick. Von Mitte der 1990er Jahre bis Ende der Nuller Jahre gibt es eine ‚Flaute‘, das israelische Theater beschäftigt sich weit weniger mit der Shoah, das wird erst in den 2010er Jahren wieder deutlich stärker, mit neuen Themen und neuen Autor*innen – vor allem nun auch Autorinnen, in den ersten Jahrzehnten sind es außer Lea Goldberg fast nur Autoren. Eine besondere Entdeckung für mich in den Stücken der letzten zehn Jahre war dann noch, dass misrachische Perspektiven verhandelt werden, also z.B. die Erfahrungen irakischer Juden mit dem Farhud 1941 in Gilit Itzhakis Vaters Töchter (2016). Dass es überhaupt Jüdinnen und Juden aus den arabischen Ländern und dem Iran in Israel gibt, und noch dazu in großer Zahl, wird im deutschen Diskurs und der Berichterstattung zu Israel ja meist ausgeblendet. Auch insofern scheint mir wichtig, diese Vielfalt der Perspektiven in einer solchen Anthologie aufzuzeigen.

Wie hoffen Sie, dass diese Anthologie die Auseinandersetzung mit der Shoah in Deutschland beeinflusst – sowohl bei Theatermacher*innen als auch beim Publikum? Glauben Sie, dass diese Stücke heute noch eine transformative Kraft haben, gerade für junge Menschen ohne direkten Bezug zur Shoah?

Die Anthologie hat für mich mehrere Zielgruppen. Da sind natürlich zum einen Theatermacher*innen, von denen ich hoffe, dass sie das eine oder andere Stück aufgreifen und zeigen werden – das mag ein älteres, bisher in Deutschland unbekanntes Stück sein oder auch ein neueres. Zugleich geht es mir aber auch darum, Leser*innen einen Überblick zu geben, eventueller theaterwissenschaftlicher Forschung eine Grundlage in deutscher Sprache und allgemein an Israel Interessierten einen Aspekt israelischer Kultur, den sie vielleicht (noch) nicht so gut kennen. Und ja, ich denke, diese Stücke haben heute weiterhin eine Kraft, etwas über israelische Kultur und die Erinnerungsdiskurse, die die dortige Gesellschaft maßgeblich prägen, mitzuteilen und verstehen zu lassen. Also aus diesen Texten nicht nur etwas über die Shoah zu erfahren, sondern vor allem auch darüber, wie diese grauenhafte historische Erfahrung das israelische Bewusstsein geprägt hat und in der israelischen Öffentlichkeit verhandelt wurde und wird – und Theater war und ist ein wichtiger öffentlicher Ort in Israel.

Das, denke ich, kann gerade auch für junge Menschen ohne direkten Bezug zur Shoah gut funktionieren. Denn ein Verhältnis zu historischen Ereignissen oder anderen Kulturen und Erfahrungen lässt sich am besten über Kunst herstellen, also vor allem auch über Literatur und Theater. Das letzte Stück der Anthologie, Ohne Titel (194418) von Elinor Milchan und Sharon Burstein Bichachi, verhandelt das Schicksal einer jungen Frau in Theresienstadt und wurde am Kinder- und Jugendtheater Dortmund von Andreas Gruhn aufgeführt und sehr gut angenommen. Das scheint mir ein guter Beweis, dass das funktionieren kann.

Mathias Naumann © Claudine Oppel

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