Jazz 2022
Lebendig, vielfältig, jung, weiblich & prekär

Trickster Orchestra
Trickster Orchestra | Foto (Ausschnitt): © MWA @ INI MU/Camillie Blake/Deutscher Jazzpreis

Die deutsche Jazzszene lebt. Sie ist auch nach zwei Corona-Jahren extrem vielfältig und innovativ. Gleichwohl hat trotz vielfältiger staatlicher „Unterstützungs-Pakete“ kaum jemand in der Szene diese Zeit schadlos überstanden. Clubs waren geschlossen, Festivals, Tourneen und Konzerte wurden abgesagt. Hochqualifizierte Fachkräfte aus der Veranstaltungsbranche, vor allem aus dem technischen und gastronomischen Bereich, haben sich vielfach neue Arbeitsfelder abseits des Musikgeschäftes erschlossen und kamen nach dem Ende des Lockdowns nur in wenigen Fällen zurück.

Von Ulf Drechsel

Neustart Kultur

2022 konnten Musiker*innen endlich wieder vor Publikum spielen. Das wirkte wie ein regelrechter Befreiungsschlag, eine Wiedergeburt lebendigen Musizierens.

Seit Beginn der Corona-Pandemie 2020 stellte die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) ein milliardenschweres Hilfsprogramm für den Kulturbetrieb zur Verfügung, von dem auch die nationale Jazzszene massiv profitierte. Festivals wurden auf diese Weise unterstützt, Konzerttourneen, Veranstaltungsorte und Künstler*innen, die mit der finanziellen Unterstützung unter anderem Studioproduktionen realisieren konnten.

Etliche Jazzclubs versuchten, dem Lockdown mit Streaming-Konzerten zu trotzen. So hat beispielsweise der Berliner Jazzclub A-TRANE bereits kurze Zeit nach dem ersten Lockdown 2020 Geld in die Hand genommen, um professionelle Videotechnik für das Streaming von Konzerten ohne Publikum zu ermöglichen. Dadurch bekamen einerseits Musiker*innen die Möglichkeit, in einer bekannten Location zu spielen und ihr Publikum zumindest virtuell zu erreichen, andererseits verschwanden jene Clubs, die Streaming-Konzerte veranstalteten, nicht ganz aus dem Bewusstsein des Publikums. Die für das Streaming angeschaffte Technik steht noch immer zur Verfügung und wird natürlich auch im Normalbetrieb genutzt, wodurch vielerorts neue Verbreitungswege für Live-Musik erschlossen werden konnten.

Zurück auf der kleinen Bühne

2022 konnten die Clubs ihre Türen auch wieder für zahlendes Publikum öffnen. Das musste zwar einerseits lange Zeit auf musikalische Live-Erlebnisse verzichten, strömte aber dennoch nicht sofort in Konzerte. Ursache dafür könnte die noch immer vorhandene Sorge vor Covid-Ansteckungen sein. Aber auch die steigende Inflationsrate verteuert das tägliche Leben deutlich, was viele Menschen zuerst bei Ausgaben für Kultur sparen lässt. Veranstalter berichteten, dass aufgrund der Pandemie zum Teil mehrfach verschobene Konzerte, für die mitunter schon vor zwei Jahren Tickets erworben wurden, sehr gut besucht waren. Weniger gut jene Konzerte, für die Tickets neu gekauft werden mussten. 

2022 existierten circa 700 Jazz-Veranstaltungsstätten zwischen Freiburg und Flensburg. Wenn mehrere Clubs in einer Stadt Jazzkonzerte anboten (wie z.B. in Berlin oder Köln), war es für jeden einzelnen Club leichter, ein sehr stringentes Programmkonzept zu entwickeln. Gab es nur ein oder zwei Veranstaltungsorte, standen diese oft vor der Herausforderung, ein breites stilistisches Spektrum - meist zwischen Jazz, Pop, Blues und Rock - abdecken zu müssen.

APPLAUS für Jazz

Im November 2022 wurden in Erfurt insgesamt 101 Musikclubs und Veranstaltungsreihen mit überwiegendem Jazz-Programm aus 16 Bundesländern mit dem APPLAUS ausgezeichnet, dem seitens Kulturstaatsministerin seit 2013 in enger Partnerschaft mit der Initiative Musik vergebenen Bundeskulturpreis für die "Auszeichnung der Programmplanung unabhängiger Spielstätten“. Insgesamt wurden Preisgelder in Höhe von 2,5 Millionen Euro vergeben: 22 Auszeichnungen für Beste Livemusikprogramme mit je 50.000 Euro, 28 für Beste Livemusikspielstätten mit je 30.000 Euro und 49 Beste Kleine Spielstätten und Konzertreihen mit je 10.000 Euro.

Den Hauptpreis Bestes Livemusikprogramm erhielt die Rote Sonne, München. Als Beste Livemusikspielstätte wurde das UT Connewitz, Leipzig mit dem Hauptpreis ausgezeichnet und der Hauptpreis Beste Spielstätte wurde Jazz Montez, Frankfurt am Main zugesprochen. Darüber hinaus wurden Sonderpreise vergeben in den Kategorien Awareness (Club Institut für Zukunft, Leipzig), Innovation (objekt klein a, Dresden) und Nachhaltigkeit (Bahnhof Püttlingen und Kulturverein Platenlaase).

Auszeichnungen en masse

Preise für herausragende Leistungen von Jazzmusiker*innen werden in Deutschland seit Jahrzehnten vergeben. Von Festivals, öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, von Bundesländern, Städten, Organisationen, Verbänden. Der jüngste ist - als Nachfolger für den Echo Jazz - der Deutsche Jazzpreis, der 2022 - ebenfalls von der Kulturstaatsministerin - zum zweiten Mal gestiftet wurde. In fünf Kategorien wurden insgesamt 31 mit je 10.000 Euro dotierte Preise vergeben. Auszeichnungen gingen überwiegend an nationale und internationale Künstler*innen. Aber auch journalistische Leistungen, Festivals und Spielstätten sowie Musik- und Rundfunkproduktionen wurden ausgezeichnet. Dem diesjährigen Deutschen Jazzpreis ging eine lebhafte Debatte innerhalb der deutschen Jazzszene über Vergabekriterien ebenso voraus wie über die Besetzung der Jury und die Auswahl der Preisträger*innen, für die mit Erfolg eine größere Diversität gefordert wurde.

Der 89-jährige Saxofonist Ernst-Ludwig „Luten“ Petrowsky - eine der Schlüsselfiguren des zeitgenössischen Jazz in Deutschland - wurde für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Der immer wieder durch neue musikalische Projekte und Band-Konzepte auffallende Saxofonist Gebhard Ullmann erhielt den Deutschen Jazzpreis 2022 in der Kategorie Holzblasinstrumente, die seit 2014 in Köln lebende, stilistisch enorm vielseitige australische Posaunistin Shannon Barnett in der Kategorie Blechblasinstrumente. Der von der Elfenbeinküste stammende Aly Keïta hat das afrikanische Balafon im Jazzkontext emanzipiert und wurde dafür in der Preiskategorie Besondere Instrumente ausgezeichnet.

Das von Cymin Samawatie und Ketan Bhatti 2013 gegründete Trickster Orchestra hat ein Genre- und Kultur-übergreifendes künstlerisches Profil entwickelt, wofür es als Großes Ensemble des Jahres geehrt wurde. Der Schlagzeuger, Komponist und Produzent Magro repräsentiert eine neue Generation von Musiker*innen, die ganz selbstverständlich zwischen Jazz, Pop, Hip Hop und Soul pendeln und damit das Genre Jazz auch für ein junges Publikum erschließen. Nicht zuletzt dafür wurde sein Album Trippin als Debüt-Album des Jahres ausgezeichnet.

Politische Diskurse in der deutschen Jazzszene

Der die ganze Welt bewegende Krieg in der Ukraine hat auch die deutsche Jazzszene nachhaltig beeinflusst. In Deutschland lebende Musiker*innen aus der Ukraine waren deutlich präsenter auf Konzertbühnen und in den Medien. Es gab etliche Konzerte, die veranstaltet wurden, um die Solidarität mit dem ukrainischen Volk deutlich zu machen und um Spenden für verschiedene Hilfsaktionen zu generieren. 

Eines der ersten und größten Konzerte fand am 7. April 2022 in Berlin statt. Unter der Schirmherrschaft des Senators für Kultur und Europa in Berlin, Klaus Lederer, und mit Unterstützung des rbb und Bujazzo/Deutscher Musikrat riefen die Deutsche Jazzunion, Jazz thing, Tangible Music und jazzed unter dem Motto Peace On Earth! zu einem Benefizkonzert auf. Initiiert vom Journalisten Wolf Kampmann und veranstaltet vom Jazz Institut Berlin traten mehr als 70 Musiker*innen in einem knapp siebenstündigen Konzert im Konzertsaal der Universität der Künste auf, bei dem circa 15.000 Euro Spendengelder zugunsten von Ärzte ohne Grenzen eingenommen wurden. Die Mitwirkenden von Peace On Earth! waren ein Who is Who der deutschen Jazz-Szene, das in dieser Form noch nie gemeinsam auf einer Bühne gestanden hatte. Beteiligt waren Aki Takase, Thomas Quasthoff, Katharine Mehrling, Efrat Alony, Ganna Gryniva, nach etwa 20 Jahren erstmals wieder gemeinsam Johannes Barthelmes (sax) & Bardo Henning (p), Lisa Bassenge, Ulrike Haage, Viktoria Leléka, Jürgen Kupke, Hannes Zerbe und viele andere.

Auch die Themen Diversität und Gendergerechtigkeit bestimmten die Debatten in der Jazz-Community, was sich auch in der sehr umfangreichen aktuellen Jazzstudie 2022 der Deutschen Jazzunion widerspiegelte, für die 1000 professionell arbeitende Jazzmusiker*innen zu ihren Arbeits- und Lebensbedingungen befragt wurden. Die Umfrage ergab, dass sich der Anteil von Musikerinnen zwischen 2016 und 2022 um 9% auf 27,3% erhöhte (2016 18,3%). Im Verhältnis sank der Anteil von Musikern um 9% auf 71,4% (2016 80,4%). 1,3% der 2021 befragten Personen gaben an, weder weiblichen noch männlichen Geschlechts zu sein (2016 1,4%). Die gewachsene Zahl von Jazzmusikerinnen belegt, dass gezielte Fördermaßnahmen für Frauen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene erste positive Wirkungen zeigen. Der überwiegende Teil professionell arbeitender Jazzmusiker*innen lebt in Berlin (29%) und Nordrhein-Westfalen (24%).

Die verschiedenen Fördermaßnahmen und „Hilfspakete“ haben die ökonomische Situation von Jazzmusiker*innen allerdings nicht spürbar verbessert. So lag im Jahr 2021 das zu versteuernde durchschnittliche Jahreseinkommen von Jazzmusiker*innen in Deutschland bei 20.000 € (2020: 19.000 €, 2019: 21.000€). Das sind im Durchschnitt weniger als 60% des Einkommens der Bundesbürgerinnen, wobei Jazzmusikerinnen ein etwa 25% niedriges Einkommen haben als ihre männlichen Kollegen, was auch dazu führen wird, dass heute in Deutschland aktive Jazzmusiker*innen von Altersarmut bedroht sein werden.

Zurück auf der großen Bühne

Die etwa 300 kleinen und großen Jazzfestivals in Deutschland sind zwischen Tradition und Avantgarde stilistisch sehr breit aufgestellt. Auch für etliche von ihnen war das Ende des Corona-Lockdowns eine Art Neustart in zurückgekehrter Normalität. Die vielen - zum Teil mit riesigem Aufwand betriebenen - Streaming-Formate der vergangenen zwei Jahre wurden wieder zu lebendigen Begegnungen zwischen Künstler*innen und Publikum - eine Art der Kommunikation, die durch kein virtuelles Festival-Format der Welt adäquat ersetzt werden kann.

Ungebrochen ist die internationale Strahlkraft von Festival-Urgesteinen wie der des Deutschen Jazzfestivals Frankfurt a.M., des Jazzfest Berlin, des Moers Festivals, der Jazz Open Stuttgart, der Leipziger Jazztage, von Jazz Baltica, Enjoy Jazz, XJAZZ! oder Elbjazz.

Auch viele andere Festivals haben seit Langem einen festen Platz in der deutschen Jazzszene und finden über die Landesgrenzen hinaus Aufmerksamkeit: Jazzmeile Thüringen, Jazz Rally Düsseldorf, das Jazzfestival Viersen, die Jazztage Dresden, Women in Jazz (Halle/Saale), oder die Jazzwerkstatt Peitz.

Jüngere Festivals werden oft von Musiker*innen oder Musiker*innen-Kollektiven veranstaltet und kuratiert. Stellvertretend für viele seien in Köln das Klaeng Festival und die Cologne Jazzweek genannt und in Berlin die Kollektiv Nights sowie das 2022 erstmals veranstaltete be kind festival.

Einsamkeit beflügelt Kreativität

Trotz rückläufiger Verkaufszahlen auf dem Tonträgermarkt erschienen auch 2022 unzählige Jazz-Produktionen. Die Corona-Zwangspause 2020 und 2021 haben viele Musiker*innen genutzt, um intensiver an ihren instrumentalen Fertigkeiten zu arbeiten, mehr zu komponieren und Zeit in die Musik-Produktion - oft auch im Homestudio - zu investieren. So entstand das 2022 veröffentlichte Album search & rescue von Andreas Willers im Jahr zuvor in seinem Homestudio, dem „Willers Loft, Kleinmachnow“. Der Gitarrist nahm im Multiplayback-Verfahren mit diversen Instrumenten, Elektronik und Stimme ein Album auf, das seine Erfahrungen und Einflüsse bündelt und verdichtet.

Auch der international gefeierte Schlagzeuger Christian Lillinger nahm während des Lockdowns 2020 ein sehr komplexes Solo-Album auf, das er Konus nannte und im völligen Alleingang unter Verwendung von viel Elektronik produzierte.

Günter Baby Sommer, der einstige Lehrer von Lillinger, wird 2023 80 Jahre alt und nicht müde, neue musikalische Abenteuer zu suchen. Mit den zwei Generationen jüngeren drei Brüdern Antonio, Robert und Simon Lucaciu entstand das Album Karawane, mit dem der jung gebliebene Trommler beweist, dass er noch immer Spielfreude und -Witz versprüht.

Seit zehn Jahren sind die Baritonsaxofonistin Almut Schlichting und der Kontrabassist Sven Hinse das Duo Subsystem. Mit ihrem dritten Album Drei erzählen sie noch immer spannende, überraschende und unterhaltsame Geschichten aus dem Reich der tiefen Töne.

Posaunist Nils Wogram und Gitarrist Joe Sachse hätten sich auch zu einem unvorbereiteten, spontanen Zwiegespräch verabreden können und es wäre für sie und alle Zuhörenden höchst unterhaltsam geworden. Dennoch war die Entscheidung goldrichtig, mit Kompositionen ins Studio zu gehen und diese in der offenen Kommunikation zu klingenden Panoramabildern auszuformen, die sie Freies Geröll tauften.

Die Saxofonistin Charlotte Greve lebt die meiste Zeit des Jahres in New York, hat aber die Brücke nach Deutschland nie abgebrochen. Ein Grund dafür dürfte das von ihr geleitete Lisbeth Quartett sein, das über Jahre einen sehr homogenen Bandsound entwickelt hat, der auf dem jüngsten Album Release seinen bisherigen Höhepunkt erreicht.

Die Jazzszene in Deutschland zeigte sich 2022 trotz schwieriger ökonomischer Bedingungen mit zurückgewonnener Strahlkraft und ungebrochener Vielfalt und Kreativität. Vor allem die gewachsene Zahl jüngerer Musiker*innen, die in unverminderter Zahl an vielen Musikhochschulen ausgebildet werden und sich mit frischen, kreativen Ideen auf kleinen und großen Bühnen präsentieren, macht neugierig und hoffnungsvoll.

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