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Max Mueller Bhavan | Indien

Indiens neue Medienlandschaft: Wo Journalist*innen ihre Beiträge ohne Gatekeeper veröffentlichen
Das neue Gesicht des unabhängigen Journalismus in Indien

Unabhängiger Journalismus
© Canva / Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan Neu-Delhi

Im Spannungsfeld von Konzerninteressen gerät die Pressefreiheit unter Druck. Freelancer*innen kämpfen ohne Unterstützung für ihre Geschichten. Mutige Stimmen verschaffen sich in Indiens Konfliktgebieten und ländlichen Regionen Gehör. Finden unabhängige Journalist*innen den Weg in die Freiheit?

Von Aatreyee Dhar

In Indien konnten finanzkräftige Unternehmen ihren Einfluss auf die freie Presse in den vergangenen Jahren immer weiter festigen. Konzerne wie Reliance, Ambani und Adani stehen für den allgemeinen Trend einer Konzentration der Eigentumsverhältnisse und der Kontrolle in der Medienlandschaft. Um die Demokratie zu schützen, brauchen wir mehr denn je verlässliche Informationen und vertrauenswürdige Nachrichten. Der unabhängige Journalismus muss der Vetternwirtschaft die Stirn bieten, die immer mehr Kontrolle über die Nachrichtenagenturen in Indien ausübt. Noch berichtet der unabhängige Journalismus frei von staatlichem Einfluss und wirtschaftlicher Kontrolle. Seine Vorreiter sind indische Medienportale wie Newslaundry, News Minute, Scroll und Wire. Doch alles in allem befindet sich der Journalismus in unserem Land in einem bedauerlichen Zustand.

In der weltweiten Rangliste der Pressefreiheit belegte Indien im vergangenen Jahr Platz 151 von 180. Dieser von Reporter ohne Grenzen erstellte Index zeichnet ein düsteres Bild von der Pressefreiheit. Indiens unabhängige Medienlandschaft steht vor großen Herausforderungen – nicht nur durch wirtschaftlichen Druck und staatliche Schikanen. Davon kann die freiberufliche Journalistin Gafira Qadir aus Kaschmir ein Lied singen. Im vergangen Jahren geriet sie nach einer kritischen Filmbesprechung in das Schussfeld hindu-nationalistischer Internet-Trolle, die sie gezielt mit Cybermobbing überzogen. Auf Middle East Eye brachte sie ihre Kritik an dem Film Songs of Paradise zum Ausdruck, der ihrer Meinung nach der politischen Realität in Kaschmir nicht gerecht wird.

Journalist*innen in Manipur, wo seit 2023 ethno-politische Konflikte schwelen, sehen sich bei ihrer Arbeit immer größeren Gefahren ausgesetzt. Im Imphal-Tal haben sich verschiedene journalistische Lager auf Grundlage ethnischer und territorialer Zugehörigkeiten gebildet. Inzwischen können Lokalreporter*innen nur noch gefahrlos aus Gebieten berichten, die von ihren eigenen ethnischen Gemeinschaften kontrolliert werden. Im Dezember 2024 wurde L. Kabichandra, Kameramann bei Impact News TV, in Thamnapokpi bei Dreharbeiten für eine Reportage über den ethnischen Konflikt durch Schüsse verletzt. Im Februar 2025 drang eine Miliz der Meitei in das Haus des Korrespondenten Yambem Laba ein und entführte ihn, weil er sich in einer Fernsehsendung kritisch über militante Aktivitäten geäußert hatte. Gegen die unabhängige Journalistin Makepeace Silthou wurde Strafanzeige erstattet, nachdem sie in ihren Social-Media-Accounts den Umgang der Regierung des Bundesstaats mit dem Konflikt kritisiert hatte.

Eine im Journalismus arbeitende Person, die anonym bleiben will, spricht vom gegenwärtigen Druck, sich der Mehrheitsmeinung zu beugen. Journalist*innen, deren Berichte einzelnen Interessengruppen oder der Regierung missfallen, müssten mit einer Welle der Kritik rechnen. Durch die Androhung von Gewalt und persönlichen Verleumdungen sollten Journalist*innen eingeschüchtert und zu einer wohlwollenderen Berichterstattung bewegt werden. „Es ist eine Sache, sich mit der Regierung anzulegen“, erklärt die Person, „aber eine völlig andere, von Online-Mobs attackiert zu werden, sobald du ihre historischen Narrative in Frage stellst.“ Diese Gruppen bedienten sich derselben Waffen, die auch der Staat nutze, um unbequeme Wahrheiten wirksam zu unterdrücken. „Dein Nationalgefühl wird angezweifelt, wenn du aus bestimmten gesellschaftlichen Positionen oder Schichten kommst“, fügt die Person hinzu. „Dein Nationalgefühl wird angezweifelt, wenn du einer Minderheit oder einer benachteiligten Gemeinschaft angehörst.“

Mit welchen systemischen Problemen sieht sich der unabhängige Journalismus noch heute konfrontiert?

Unabhängige Nachrichtendienste beschäftigen neben festangestellten auch freiberufliche Journalist*innen, die ständiger Diskriminierung ausgesetzt sind, weil ihnen nicht der Schutz und die Unterstützung gewährt werden, die für feste Mitarbeitende selbstverständlich sind.
Dafür gibt es einen einfachen Grund: Freiberufler*innen arbeiten für erbärmliche Honorare. Agenturen haben gegenüber unabhängigen Reporter*innen nicht dieselben Verpflichtungen wie gegenüber ihren Angestellten. Dies führt zu den ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen, mit denen Freiberufler*innen heute zu kämpfen haben.
Die unabhängige Journalistin Romita Saluja, die für ihre mutigen Langzeitreportagen aus Konfliktgebieten bekannt ist, hat sich wiederholt mit diesem systemischen Problem auseinandergesetzt. Auf einem Treffen mit Berufskolleg*innen wies ein bekannter Redakteur die Sorgen der Freiberufler*innen zurück. Der Leiter einer etablierten unabhängigen Medienplattform gab ihnen selbst die Schuld für ihre missliche Lage, anstatt die Probleme innerhalb des Systems zu suchen.

„Ich habe immer Werbung für unabhängige Kanäle gemacht, die für journalistische Werte einstehen“, berichtet sie. „Doch die Reaktion dieses angesehenen Redakteurs hat mich wirklich schockiert.“ Er habe ihr ins Gesicht gesagt, dass ihn die Probleme der Freiberufler*innen nichts angingen. Sie hätten sich schließlich selbst zu ihrer freiberuflichen Tätigkeit entschieden. „Er tat gerade so, als würden nur die Festangestellten wirklich arbeiten“, berichtet Saluja. „Die Nachrichtenredaktionen sollten zumindest anerkennen, dass sie von der Arbeit der Freiberufler*innen profitieren.“

In einem anderen Fall signalisierte ein unabhängiges Medienunternehmen sofort Interesse an ihrer geplanten Investigativ-Reihe. Für die Reportage wären allerdings mehrere Reisen notwendig, um 50 bis 60 Personen in mehreren Städten zu befragen. Das Unternehmen war nicht bereit, die Reisekosten zu übernehmen, vor allem, nachdem Saluja bereits Geld in die Vorbereitung der Geschichte investiert hatte.
„Unabhängige Medienkonzerne sollten die Ausgaben für große Stories nicht nur für ihre Festangestellten übernehmen“, so Saluja. „Mit denen würden sie sicherlich nicht über Reisekosten verhandeln. Dabei geht es mir nicht einmal um Sozialleistungen, sondern einfach nur um die Reisekosten.“ Sie hat sich von ihren Eltern Geld geliehen, um die Story ungehindert weiterverfolgen zu können. Das war nur die Spitze des Eisbergs. Nach mehreren Reportagereisen ging ihr das Geld aus und sie benötigte dringend eine Finanzspritze. Auf ihre Bewerbungen für Stipendien erhielt sie immer wieder Absagen. Sie hatte wichtige Beweise gesammelt und konnte ein Empfehlungsschreiben des Magazins vorlegen. Doch für viele Stipendien sind mehrere solcher Referenzschreiben von unterschiedlichen Redaktionen oder Magazinen erforderlich. Und in ihrer Situation war es schwierig genug, mehr als eine Referenz zu beschaffen.

„Auf mehrere Stipendien konnte ich mich nicht bewerben, weil übertrieben viele unterschiedliche Referenzen verlangt wurden“, berichtet sie. „Als säßen wir ständig mit unseren Redakteur*innen bei einer Tasse Kaffee und könnten uns schnell mal eine solche Referenz geben lassen.“ Auch die freie Journalistin Ritwika Mitra findet das Bewerbungsverfahren kräftezehrend. Das Zusammentragen von Unterlagen wie Verlagsschreiben und die Suche nach Auftraggebern mit hohen Aboauflagen seien wahre Energiefresser. Durch die Anpassung der Exposés an die Vergabebedingungen würden Ressourcen verbraucht, die eigentlich in das Storytelling fließen sollten. „Wir vergeuden die Energie, die wir eigentlich für unsere kreative Arbeit benötigen, um die Anforderungen der Vergabestellen zu erfüllen“, erklärt sie. „Wenn man ein Exposé immer wieder überarbeiten muss, geht der eigentliche Kern der Geschichte verloren.“

Immer mehr freie Journalist*innen arbeiten als Content Creator*innen

Content Creator*innen definieren die indische Medienlandschaft neu, weil sie nicht den Zwängen der traditionellen Nachrichtenredaktionen unterliegen. Ein Journalist in einer herkömmlichen Nachrichtenredaktion ist wie ein Landschaftsgärtner, der für ein riesiges Grundstück verantwortlich ist. Beide müssen strenge Regeln befolgen und das anpflanzen, was ihnen der Eigentümer gestattet. Im Gegensatz dazu gestalten unabhängige Creator ihren Garten nach ihren eigenen Vorstellungen. Sie entscheiden selbst darüber, was sie pflanzen und wann sie ernten.
In Indien fällt ihnen eine wichtige Rolle zu, weil sie in einer von vielen als parteiisch empfundenen Medienlandschaft alternative Perspektiven aufzeigen. Ehemalige Journalist*innen der Massenmedien wie Ravish Kumar haben sich mit unabhängigen und kritischen Kommentaren zur Arbeit der Regierung eine riesige Fangemeinde auf YouTube aufgebaut. Anstelle der festen Vorgaben herkömmlicher Medienanstalten, die von Konzerninteressen gelenkt werden, bieten ihnen Social-Media-Plattformen den Freiraum, auch unbequeme Meinungen zum Ausdruck zu bringen.

Diese „journalistischen Influencer*innen“ greifen nicht nur die üblichen Meldungen auf, sondern konfrontieren ihre Leser*innen mit Themen, die eine genauere Auseinandersetzung erfordern. Im Unterschied zu Journalist*innen, die sich in ihren Artikeln in der Regel nicht zu erkennen geben, stehen Influencer*innen im Zentrum ihrer Inhalte. Mit Hilfe von Technologien lassen sich die beiden Rollen miteinander verbinden. Das Ergebnis sind Newsfluencer*innen, die in ihrer Berichterstattung einen aktiven Part übernehmen. Diese Strategie hilft ihnen beim Aufbau von Fangemeinden mit einem echten Interesse an ihren Meldungen.

Die freie Journalistin Neetu Singh, die sich mit ihrem YouTube-Kanal Shades of Rural India auf das Feld der Newsfluencer*innen vorgewagt hat, hat ein klares Ziel vor Augen. Mit ihrer Graswurzel-Medienplattform gibt sie bescheidenen, aber temperamentvollen Menschen, insbesondere Frauen, im ländlichen Indien eine Stimme. Sie hält nichts von Moderator*innen, die ihre Kommentare in Mikrofone bellen, um Bewertungen zu bekommen und Empörung zu schüren.

„Für Massenmedien ist die Lokalberichterstattung nur von Interesse, wenn Politiker*innen zu Besuch sind“, so Singh. „Wir dürfen das Fundament nicht vernachlässigen, Geschichten und Stimmen aus ländlichen Regionen sind zu wichtig, um sie zu missachten. Denn wer sonst schenkt den hart arbeitenden Menschen auf dem Land und insbesondere den Frauen Gehör, denen eine Grundversorgung und ein Leben in Würde verweigert wird.“

Bei Bedarf konfrontiert sie die Regierung über ihren Kanal mit knallharten Fragen. Während ihrer Besuche in Dörfern prüft sie, ob Maßnahmen oder Regierungsprogramme das Leben der ländlichen Bevölkerung verbessert haben. Den Start ihres Kanals im April 2021 bereitete Singh ganz allein vor, nachdem sie ihren Job bei Gaon Connection gekündigt hatte. Sechs Monate lang war sie gleichzeitig Reporterin, Videobearbeiterin und Produzentin.

Im folgenden Jahr machte sie anhand der Geschichte von Soni Vanvasi auf das Problem der fehlenden öffentlichen Grundversorgung aufmerksam. Soni gehörte zur Bevölkerungsgruppe der Musahar, die in Indien zu den besonders benachteiligten Kasten zählt. Sie lebte in einem Slum im Dorf Chitrasenpur im Verwaltungsbezirk Sevapuri von Varanasi. Singhs Beitrag über Soni ging viral. Innerhalb von 12 Stunden hatte sie genügend Geld zusammen, um die medizinischen Kosten für das Mädchen zu decken, die laut Ärzten an akuter Unterernährung litt. Die Geschichte zog so große Kreise, dass Gesundheitsuntersuchungen für alle Kinder durchgeführt und Trinkwasserleitungen installiert wurden – das hatte es noch nie gegeben.

In der Regel maximieren professionelle Content Creator*innen ihre algorithmische Reichweite, indem sie ihre Inhalte nach den Präferenzen der Plattformen generieren. Für Singh steht das nicht im Vordergrund, weil ihr dafür die Mittel fehlen. „Man soll mindestens drei Geschichten pro Woche veröffentlichen, um die Reichweite auf YouTube zu maximieren“, erklärt sie. „Wir sind nur zu viert. Meistens gibt der Glaube den Ausschlag, was viral geht. Doch es lässt sich nicht vorhersagen, welche Geschichte auf Aufmerksamkeit stoßen wird oder wann.“

Als ihre Mitarbeiterin Shabnam Gurung ein Video veröffentlichte, auf dem ein Mädchen in Westbengalen ein Toto fährt, erzielte sie erste Einnahmen mit ihrer Facebook-Seite. Innerhalb eines Tages stieg die Zahl der Abonnentinnen von 6.000 auf 12.000. „Wir haben nicht viel Arbeit in die Geschichte gesteckt, aber die Protagonistin war sehr mitteilungsfreudig, das war von Vorteil“, erklärt Singh. „In anderen Fällen arbeitet man lange am Schnitt und an den Texten zu einer Geschichte und sie erzielt nur eine geringe Reichweite.“ Noch arbeiten ihre Kanäle nicht wirtschaftlich. Doch in der Zwischenzeit hat sie Strategien entwickelt, ihr Projekt am Leben zu halten. „Du reduzierst deine persönlichen Ausgaben auf ein Minimum und suchst nach Möglichkeiten, deine Reportagen mit einem knappen Budget zu realisieren“, so Singh. Während unseres Interviews war sie gerade in Chitrakoot für eine Reportage. Weil sie kein Geld für ein Hotel hatte, übernachtete sie in einem Büro und bot dort im Austausch für die Unterkunft Schulungen an.

Ein Großteil der unabhängigen Journalist*innen im heutigen Indien arbeitet unter derart prekären finanziellen Bedingungen. Doch trotz dieser Unsicherheiten gibt es noch immer Journalist*innen und Creator*innen wie Singh, die der festen Überzeugung sind, dass bestimmte Geschichten erzählt werden müssen – ganz gleich, ob man damit Geld verdient oder nicht. Singh konnte nicht vorhersehen, ob sie mit ihren Geschichten auf Facebook und YouTube etwas verdienen würde. Geschichten gingen viral, von denen sie es nie erwartet hätte, und lieferten die nötigen Klicks, um ihre Reportagen zu Geld zu machen. Ob dieses Modell den unabhängigen Journalismus weiterhin tragen kann, bleibt ungewiss. Doch fürs Erste engagiert sich Singh mit ihrer Plattform nach besten Kräften dafür, den Stimmen aus ländlichen Regionen Gehör zu verschaffen.
 

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