Rohan Nathaniel & Markus Horsthemke-Nathaniel
Rohan spricht fließend Deutsch, Markus lernt noch Englisch. Doch Sprache ist nur ein Teil dessen, was die beiden in ihrem gemeinsamen Leben in Münster beschäftigt. Es geht auch um Familie, kulturelle Unterschiede, Essen und darum, die vertraute Welt einmal aus der Perspektive des anderen zu sehen.
Von Prathap Nair
Rohan, ein Logistikingenieur, kam vor 20 Jahren nach Deutschland und weiß, dass Sprachkenntnisse beim Ankommen in einem neuen Land die halbe Miete sind. Nach über zwei Jahrzehnten in Deutschland – zunächst als Masterstudent und später als Berufstätiger – hat er sein Deutsch perfektioniert.
Als Markus 2015 bei Rohan nach rechts wischte, spielte dessen indische Herkunft für ihn keine wichtige Rolle. Entscheidend war die Verbindung, die zwischen ihnen entstand.
Die Sprache hätte durchaus eine Hürde sein können, denn Markus sprach damals wenig Englisch. „Es war ein echter Segen, dass Rohan so gut Deutsch sprach“, erzählt Markus von ihrem Zuhause in Münster. Für ihn wäre die Sprache jedoch kein Grund gewesen, die Beziehung nicht einzugehen. „Ich denke, Liebe ist Liebe, und wenn ich Englisch hätte lernen müssen, um ihn besser kennenzulernen, hätte ich das getan.“
Markus arbeitet als stellvertretender Schulleiter. Für ihn gehört das Lernen bis heute zu ihrer interkulturellen Beziehung. „Ich lerne immer noch dazu“, sagt er.
„Man kann sich nicht wirklich auf eine Beziehung vorbereiten“, sagt Rohan. „Man lässt sich einfach darauf ein und findet dann gemeinsam heraus, wie man damit umgeht.“
Alltägliche kulturelle Unterschiede
Rohan und Markus genießen ihren Urlaub am Mount Fuji | Foto (Detail): © Rohan Nathaniel & Markus Horsthemke-Nathaniel
Für Rohan liegt einer der auffälligsten Unterschiede zwischen Indien und Deutschland im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. In Deutschland werden Kinder häufig schon früh dazu ermutigt, unabhängig und selbstständig zu werden. In Indien bleiben die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern oft auch im Erwachsenenalter eng.
Rohan bewertet keine der beiden Formen als besser oder schlechter. Für ihn sind es vielmehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wie Familie und Verantwortung gelebt werden.
Coming-out und familiäre Erwartungen
Rohan und Markus bei ihrer Hochzeit in Münster im Jahr 2025 | Foto (Detail): © Rohan Nathaniel & Markus Horsthemke-Nathaniel
Markus hatte sich bereits lange vor dem Kennenlernen von Rohan gegenüber seiner Familie geoutet. Er wuchs auf einem Bauernhof in einem kleinen Dorf in Deutschland auf und hatte vor Beginn ihrer Beziehung nur selten Europa verlassen. „Meine Welt war sehr klein“, sagt er.
Für Markus eröffnete die Begegnung mit Rohan eine neue Perspektive auf die Welt. Seine Schwester, erzählt er, findet, dass er mit Rohan „den Jackpot gezogen“ habe, weil er jemanden aus einem völlig anderen kulturellen Umfeld geheiratet hat.
Die Welt des anderen erleben
Rohan und Markus vor dem Gateway of India in Mumbai | Foto (Detail): © Rohan Nathaniel & Markus Horsthemke-Nathaniel
Die Situation war für ihn intensiv. „Ich war den Tränen nahe“, erinnert er sich. Doch der Kulturschock hielt nicht lange an. Rohan war an seiner Seite und half ihm, sich zurechtzufinden. Spätere Reisen nach Mysuru, Pune und Mumbai ermöglichten Markus, ganz unterschiedliche Seiten Indiens kennenzulernen. Am Ende liebte er die Reise.
Rohans Erfahrungen mit dem Ankommen in Deutschland waren anders. Als er 2006 als Student nach Deutschland kam, vermisste er manchmal die Gesellschaft anderer Inder*innen. Gleichzeitig wollte er eine neue Kultur entdecken und kennenlernen, anstatt sich ausschließlich in einer vertrauten Gemeinschaft zu bewegen. Einige indische Freund*innen zu haben, gab ihm dennoch ein wichtiges Gefühl von Verbundenheit.
Gemeinsam essen, gemeinsam kochen
Rohan und Markus in einem Restaurant in Dallas, Texas | Foto (Detail): © Rohan Nathaniel & Markus Horsthemke-Nathaniel
Zu Hause wechseln sie sich beim Kochen ab. Markus bereitet deutsche Gerichte wie Gulasch und Frikadellen mit Bratkartoffeln zu und hat außerdem gelernt, indische Gerichte wie Chana Masala zu kochen.
Ihre gemeinsame Beziehung zum Essen begann schon früh. Als Rohan Markus zum ersten Mal zum Abendessen in seine Wohnung einlud, kündigte er wegen Zeitmangels nur eine kleine Mahlzeit an. Stattdessen fand Markus einen Tisch voller verschiedener Gerichte vor, darunter Keema Masala – das erste indische Essen, das er je probiert hatte. „Es war Liebe auf den ersten Bissen“, sagt er.
Die Sprachen des anderen lernen
Obwohl Rohan fließend Deutsch spricht, hat Markus noch immer das Gefühl, dass Sprache manchmal eine Distanz zwischen ihm und Rohans Familie schafft. Seine Englischkenntnisse erschweren es ihm, sich vollständig an Gesprächen zu beteiligen. „Ich habe immer das Gefühl, dass ich Rohans Familie wegen meiner mangelnden Englischkenntnisse nicht näherkommen kann“, sagt er.Er vermisst es, seinen Humor und seine Spontaneität genauso ausdrücken zu können wie auf Deutsch. „Manchmal macht es mich traurig, dass mein Englisch nicht so gut ist“, sagt er.
Als selbsternannter lebenslanger Lernender weiß Markus, dass der Prozess des Sich-Anpassens nie aufhört. Englisch fließend zu sprechen, ist für ihn einfach der nächste Schritt auf diesem Weg.